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Lehmans Werk und Österreichs Beitrag

Von Marina Delcheva

Wirtschaft

Die Lehman-Pleite befeuerte in Österreich eine ganz eigene Bankenkrise mit Problemen made in Austria.


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Wien. Es gibt Tage, an die erinnert man sich auch viele Jahre später. Auch wenn sie das eigene Leben nicht unmittelbar betreffen. Noch nicht. In der Finanzwirtschaft ist der 15. September 2008 so ein Tag. Der Tag, an dem die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging und die Macht des Marktes in Wanken kam. "Wir haben alle nervös auf unsere Bildschirme gestarrt und den ganzen Tag CNN geschaut", sagt Klaus Kumpfmüller, Vorstand der Finanzmarktaufsicht. "Man hat es für unmöglich gehalten, dass eine so große Bank nicht gerettet wird." Die Tragweite dessen, was danach kam, konnte damals aber niemand so richtig einschätzen. Die Lehman-Pleite brachte eine Lawine ins Rollen, die das globale Finanzsystem infizierte und zahlreiche Staaten in eine Schuldenkrise stürzte.

Krise auf österreichisch

Die Finanzkrise war, wenn man so will, auch eine Vertrauenskrise. Plötzlich misstraute jeder jedem; die Banken hörten auf, sich gegenseitig Geld zu borgen. "Die Liquidität am Interbankenmarkt ist zusammengebrochen. Das war davor undenkbar", erzählt Andreas Ittner, Vize-Gouverneur der Nationalbank. "Der massive Vertrauensverlust hat dazu geführt, dass Dinge, die eigentlich nichts mit der Lehman-Pleite zu tun hatten, zum Problem wurden", erklärt Kumpfmüller.

Auf Österreich schwappte die Krise Ende 2008 wegen der damals hohen Zahl an Fremdwährungskrediten, vor allem in Schweizer Franken, über. Zu dem Zeitpunkt hatten die Österreicher aushaftende Franken-Kredite im Volumen von 38 Milliarden Euro. Sie wurden alle ein bis drei Monate mittels sogenanntem Rollover refinanziert. Das wurde quasi über Nacht zum Problem, weil die zwei wichtigsten Refinanzierungsbanken, die Schweizer UBS und die Credit Suisse, von dem Lehman-Crash mitgerissen wurden. Das wiederum hätte die heimischen Banken massiv in Bedrängnis gebracht, weshalb die Europäische Zentralbank (EZB), die OeNB und die Schweizer Nationalbank einschreiten mussten. Hinzu kamen die maroden Institute Kommunalkredit, Hypo Alpe Adria und Constantia Privatbank. Zudem befürchtete man damals, dass das starke Engagement heimischer Banken in Osteuropa wegen drohender Kreditausfälle auch zum Problem werden könnte, was sich aber nicht bewahrheitete.

Auf die Eruptionen im Bankensektor hat die damalige Regierung mit einem 100 Milliarden Euro schweren Rettungspaket reagiert. Laut Finanzministerium hat der Staat seit 2008 12,4 Milliarden Euro für den Finanzsektor ausgegeben. Zurückgeflossen sind 6,7 Milliarden. Darunter fällt zum Beispiel die Rückzahlung des Partizipationskapitals der drei großen Banken Raiffeisen International, Erste Group und Bawag. Auch die Assetverwertung der ehemaligen Hypo Alpe Adria, nun Heta, ist hier zu verbuchen. In Summe bleibt der Steuerzahler aber bis jetzt auf 5,7 Milliarden Euro sitzen. Nicht eingerechnet sind hier die Beihilfen der Bundesländer. Das Land Kärnten hat zum Beispiel zugesagt, sich mit rund 1,2 Milliarden Euro an der Abwicklung seiner früheren Landeshypothekenbank, heute Heta, zu beteiligen.

Apropos Heta: Mit der Pleite der Kärntner Hypo Alpe Adria bekam Österreich seine ganz eigene Finanzkrise. "Die Pleite hängt nicht ursächlich mit der Finanzkrise zusammen. Sie hat nur sehr plötzlich die Fülle an Schwächen der Hypo offengelegt und verstärkt", meint Ittner. Ende 2008 betrug die Bilanzsumme der damaligen Hypo dank üppiger Landeshaftungen und risikoreicher Kreditvergabe 43,3 Milliarden Euro. Das Land Kärnten haftete zeitweise mit fast 25 Milliarden Euro. Die Bank schrieb 2008 und 2009 horrende Verluste. Die Hypo wurde verstaatlicht und wird derzeit abgewickelt. Alles in allem könnte die Pleite den Steuerzahler bis 2020 gute 7,7 Milliarden Euro gekostet haben.

Strenges Regelwerk

Die Bankenrettung hat in zahlreichen europäischen Ländern die Staatsschulden in die Höhe schnellen lassen und manche Staaten wie Irland und Griechenland in die Krise gestürzt. Damit das nicht mehr passiert, oder zumindest nicht mehr in dieser Dimension, wurde die Bankenaufsicht in den vergangenen zehn Jahren deutlich straffer und strenger - nicht nur zur Freude der Branche. Banken müssen eine Kernkapitalquote von mindestens 12,5 Prozent halten, die Bestimmungen für Kreditvergaben wurden strenger. Institute müssen für den Fall der Fälle einen Abwicklungsplan vorlegen. Große Banken, in Österreich sind es acht, werden direkt von der EZB beaufsichtigt. Und künftig soll auch kein Steuergeld mehr für strauchelnde Banken in die Hand genommen werden.

"Die Banken sind heute mit Sicherheit besser aufgestellt als vor zehn Jahren", sagt Hannes Mösenbacher, Risikovorstand der RBI. Er kritisiert aber die Vielzahl an Bestimmungen und Aufsichten in der EU, wo neben der EZB auch staatliche Behörden Banken beaufsichtigen. "Wir stehen aber als Bank bis zu 40 unterschiedlichen Regulatorien gegenüber", sagt er.

Für Elisabeth Mittendrein von der globalisierungskritischen NGO Attac ist die Regulierung nicht streng genug. "Viele Banken sind noch immer ‚too big to fail‘ und laufen damit Gefahr, doch gerettet werden zu müssen." Auch Mösenbacher sieht heute Zusammenschlüsse großer Bankinstitute kritisch. Vieles, das damals passiert ist, habe man heute gut im Griff. Die Instrumente der Aufsicht seien treffsicherer, meint Ittner. Auf Unvorhergesehenes sei ohnehin niemand vorbereitet.