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"Lehrermangel wird sich zuspitzen"

Von Heiner Boberski

Politik

Experte meint: Standing der Lehrer und Freiräume für Schulen gehören verbessert.


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"Wiener Zeitung": Man könnte den Eindruck haben, die Schuldebatten in Österreich kreisen hauptsächlich um ganztägige Betreuung, zwei Stunden mehr Unterricht für die Lehrer und das Abschneiden beim nächsten Pisa-Test. Sehen Sie das auch so?Stefan T. Hopmann: Ja, aber dabei sind alle drei Sachen relativ bedeutungslos. Das Problem ist die Tradition des österreichischen Schulwesens als Staatsschulwesen. Alle Beteiligten glauben, dass man durch zentrale Maßnahmen die Effektivität des Systems steigern kann. Wenn wir in der Schulforschung in den letzten Jahrzehnten etwas gelernt haben, dann das, dass das ein Irrtum ist. Letztendlich kommt es auf die Qualität vor Ort an, darauf, was in der einzelnen Schule geleistet wird. Eine entscheidende Variable ist, wie viel Freiheit die Schule hat. Darunter leidet das österreichische Schulsystem, dass die Politik, aber auch die Öffentlichkeit dauernd so tut, es gäbe die große Maßnahme, mit der dann alles besser wird. Und die gibt es definitiv nicht. Das ist ein Irrglaube, und der hat viel mit der Entwicklung des Staatsschulwesens zu tun, mit der Beglückung von oben. Das ist ja das österreichische Grundprinzip.

Seit Jahren wird in Österreich über die Ausbildung und das Dienstrecht der Lehrer gestritten. Wie entscheidend sind Ausbildung, Bezahlung und Motivation der Lehrer?

Das Standing der Lehrer ist sehr wichtig. Wer ergreift schon gern einen Beruf, der öffentlich ein schlechtes Ansehen genießt. Da haben viele Medien und viele Politiker dem Lehrerberuf in letzter Zeit einen Bärendienst erwiesen. Wie da auf die Lehrer eingedroschen wird, das ist schon nicht mehr feierlich.

Ein österreichisches Phänomen?

Das ist in Österreich schon exzessiv, das habe ich noch in keinem anderen Land so exzessiv erlebt. Dass sich in Finnland, in Norwegen und selbst in Deutschland mehr junge Leute für den Lehrerberuf begeistern, hat vielleicht auch damit zu tun, dass man dort angehende Lehrkräfte ein wenig pfleglicher behandelt. Hierzulande werden sie als chronische Leistungsverweigerer hingestellt, dieses Lehrer-Bashing ist schon ziemlich ätzend. Man kann einen Beruf auch kaputtreden.

Lehrerbildung ist sicher wichtig. Aber fatalerweise kann die Bildungsforschung nicht genau sagen, welche Teile von Lehrerbildung tatsächlich wirken. Da gibt es erst jetzt - Österreich ist daran leider nicht beteiligt - Ansätze zu vernünftigen Längsschnittstudien, wo man über die Ausbildung in den Schulbetrieb hinein nachverfolgt, wie sich unterschiedliche Ausbildungen auswirken.

Ob die jetzige Lehrerbildungsreform viel Wirkung entfalten wird, das weiß ich nicht. Die Wirkungen von Lehrerbildung sind langsam und schleichend. Ich bin sehr skeptisch, denn man hat ja nicht zugelassen, dass die Pädagogischen Hochschulen sich tatsächlich in wissenschaftliche Institutionen verwandeln, die bleiben ja weiter am Gängelband des Ministeriums.

Wie macht das etwa Finnland?

Dort gibt es eine ganz lockere Rahmenvorgabe für die Lehrerbildung, ansonsten lässt man das die Institutionen für Lehrerbildung in Zusammenarbeit mit den Schulen machen. Was haben wir in Österreich eingeführt? Einen furchtbaren Kontrollüberbau, um wieder zu erzwingen, dass unten das Wahre passiert. Das ist wieder die Logik, dass man glaubt, man müsse vom Minoritenplatz aus die Menschheit beglücken.

Dienstrecht ist noch schlimmer, eine völlig verschenkte Debatte. Bei diesen zwei Stunden mehr oder weniger geht es nur um Geld. Die eigentliche Frage - eine differenzierte Betreuung vor Ort zu ermöglichen - ist von beiden Seiten nicht angegangen worden. Weder Ministerium noch Gewerkschaften scheinen in der Lage zu sein, über ihren Schatten zu springen und zu sagen: Wie sähe denn ein neues Dienstrecht, in dem es Arbeitsteilung, Differenzierung in der Schule, Karrieremöglichkeiten, unterschiedliche Beschäftigungs- und Besoldungsformate gibt, aus? Andere Länder haben diese Umstellung schon längst gemacht, hier scheint nicht einmal der Anfang zu gelingen.

Kriegt man denn unter diesen Prämissen noch genug gute Lehrer?

Die Einstiegsbezahlung wird ja etwas besser, aber nicht so hoch, dass sich junge Menschen dadurch wesentlich beeinflussen lassen. Wir kriegen aber ein doppeltes Problem, weil auch die Verweildauer im Lehrberuf sinkt. Das ist ein weltweites Phänomen. In dem Moment, wo jemand andere Karriereoptionen hat - vor allem sind das ja die Fächer, wo wir jetzt schon Probleme haben: Naturfächer, Mathematik, Sprachen -, ergreift er sie natürlich. Der Lehrermangel wird sich zuspitzen. Das ist ja einer der Gründe für diesen Zwei-Stunden-Streit, man versucht, aus der bestehenden Lehrerressource mehr herauszuquetschen, weil man Angst hat, nicht genug neue zu finden.

Ich halte das für den völlig falschen Ansatz. Man hätte überhaupt nicht über Stundendeputate diskutieren sollen, sondern über sinnvolle Arbeitsverteilung an den einzelnen Schulen. So machen das auch effektivere Systeme. Nur tut man sich hier schwer, den Leuten vor Ort Entscheidungsfreiheit zuzubilligen.

Der gesamte Prozess, auch dass eine Regierung, noch dazu unter sozialdemokratischer Führung, auf einmal die einvernehmliche Kollektivvertragsregelung beiseite fegt, das wird bei den Lehrern hängen bleiben und die Stimmung weiter verschlechtern. Wir sehen auch schon in einigen Studien, dass die Lehrer zunehmend verbittert sind. Ich habe gerade eine Untersuchung aus den USA gelesen, wo das schon fortgeschritten ist: In Drucksituationen sind die Ersten, die gehen, nicht die schwächsten, sondern genau die Leute, die man brauchen würde, die mehr organisieren, die mehr anstoßen, also die, die sich auch in anderen Arbeitsmärkten zurechtfinden. Man läuft Gefahr, dass man vor allem die Zugpferde vor den Kopf stößt, in Norwegen sagt man: die Feuerseelen.

In Deutschland wurde jüngst heftig über eine Fernsehreportage diskutiert, die den Schulalltag von Zwölfjährigen, deren Disziplinlosigkeiten und die Ohnmacht der Lehrer zeigte. Gegen den Leiter der Schule, der diese Reportage genehmigte, läuft jetzt ein Verfahren durch die Schulbehörde. Soll die Öffentlichkeit nicht erfahren, wie es in den Schulen wirklich zugeht?

In Österreich hätte der schon längst eine auf den Deckel gekriegt. Das ist ja das Problem von solchen Staatsschulsystemen. Mir wurde einmal vom Wiener Stadtschulrat Stalking vorgeworfen, weil ich mich irgendwo öffentlich über eine Wiener Schule geäußert habe. Das Denken vieler in Schulverwaltung und Schulpolitik lautet: Es geht den Rest der Menschen nichts an, was hinter verschlossenen Mauern stattfindet.

Das ist ein Unding. Natürlich muss das raus. Viele Menschen haben ja gar keine Vorstellung davon, in was für einer Arbeitssituation viele Lehrkräfte stecken. Die denken: Ich bin auch irgendwie durch die Volksschule gesegelt, es kann ja nicht anstrengend sein, Lehrer oder Lehrerin in der Volksschule zu sein. Ja bitte, dann mach das einmal in Simmering, mach das mal mit zwölf verschiedenen Sprachen im Klassenzimmer, mach das mit Kindern, von denen die Hälfte kein Frühstück bekommen hat und kein Mittagessen kriegt, wenn sie nach Hause geht. Ich denke, dass viele Leute sich gar keine Vorstellung davon machen, unter welchem Druck und mit welchen Schwierigkeiten gearbeitet wird.

Das gehört sichtbar gemacht, denn nur dann kann man Gesellschaft und Politik dazu kriegen, gemeinsam zu überlegen, wie vernünftige Lösungen aussehen. Es wäre Irrsinn zu glauben, das könnten die Lehrkräfte im Schuldienst allein bewältigen. Wenn man einmal so eine Zwölfjährigen-Gruppe erlebt hat, in der es schiefgelaufen ist, dann ist es beinharte Arbeit, den Schultag zu überleben, und dann noch mit Pisa-Forderungen zu kommen, ist ganz schön vermessen.

Zur Person



Stefan T. Hopmann

geboren 1954 in Göttingen, arbeitete lange in Deutschland und Norwegen. Seit 2005 hat er an der Universität Wien die Professur für Schul- und Bildungsforschung mit besonderer Berücksichtigung der Bildungsgeschichte und des internationalen Vergleichs inne.