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Lehrstelle statt Mindestsicherung

Von Marina Delcheva

Politik

Mehr Flüchtlinge sollen für die Lehre begeistert werden. Angebot und Nachfrage klaffen hier aber oft auseinander.


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Wien. Die Lehre soll für Flüchtlinge attraktiver werden. Und zwar für alle Flüchtlinge, auch für jene, die schon etwas älter sind. Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner forderte am Freitag in seiner Grundsatzrede, die Lehre auch für ältere Flüchtlinge zu öffnen. Demnächst soll es konkrete Vorschläge dazu geben. Im Grunde gehe es darum, mehr geflüchtete Menschen ins duale Ausbildungssystem und sie dadurch schneller in den Arbeitsmarkt und aus der Mindestsicherung zu bringen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Dass Flüchtlinge hier eine Lehre machen können, ist jetzt schon unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Die Betriebe, aber auch die Flüchtlinge dafür zu begeistern, ist jedoch nicht immer einfach. Denn dort, wo es die meisten offenen Lehrstellen gibt, gibt es kaum Flüchtlinge. Und in manchen Fällen ist die Sprachbarriere für eine Lehrlingsausbildung einfach zu groß.

Lehre unter Vorbehalt

Laut Arbeiterkammer gibt es derzeit rund 110.000 Lehrlinge. Wie viele davon einen Flüchtlingsstatus haben, ist nicht erfasst. Seit Beginn des Jahres haben jedenfalls 22.554 anerkannte Asylwerber eine Schulung besucht. 2700 wurden im Rahmen der Eingliederungshilfe beschäftigt, wie Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) zeigen. In der Regel beginnt die Lehrlingsausbildung mit 15 Jahren. Der Großteil der Flüchtlinge ist aber über 18. Hinzu kommt, dass das duale Ausbildungssystem den Schutzsuchenden oft nicht bekannt ist.

Schon jetzt dürfen Asylwerber bis 25 Jahren in sogenannten Mangelberufen eine Lehre beginnen, wenn sie einen Betrieb finden, der sie ausbildet. Diese Mangelberufe werden in jedem Bundesland festgelegt, und der Arbeitgeber muss dann nachweisen, dass er für seine Lehrstelle keinen Inländer, EU-Bürger oder schon anerkannten Flüchtling finden kann. Peter Zeitler von der Wirtschaftskammer fordert eine Ausweitung dieser Regelung auch für ältere Flüchtlinge.

Zumindest anerkannte Asylwerber können in Österreich im Rahmen einer AMS-Fortbildung zu einem Lehrabschluss kommen. In sogenannten Kompetenzchecks wird ermittelt, welche Fähigkeiten und Qualifikationen die Schutzsuchenden mit sich bringen. Dann kann beispielsweise ein Automechaniker aus Damaskus mit wenigen Zusatzprüfungen relativ rasch zu einem formalen Lehrabschluss kommen.

Zudem besteht die Möglichkeit, und zwar für alle Jobsuchenden, sich zum Facharbeiter ausbilden zu lassen. Eine Lehre ist aber auch für bereits anerkannte Flüchtlinge nicht immer attraktiv. Zum einen liegt das an der schlechten Bezahlung. Zu Beginn der Ausbildung verdienen viele oft nicht mehr als 300 Euro im Monat. Zwar wird für jene, die ihren Unterhalt selbst bestreiten müssen, bis zur Mindestsicherung aufgestockt. Allerdings stehen viele unter dem Druck, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen und es den Verwandten in die Heimat zu schicken.

Ausflug zum Arbeitgeber

Und dann herrscht da noch ein deutlicher Missmatch bei Angebot und Nachfrage. Mit Ende September gab es laut AMS insgesamt 7865 offene Lehrstellen und 8235 Lehrstellensuchende. Aber: In den einzelnen Bundesländern klaffen Angebot und Nachfrage sehr weit auseinander. In Wien zum Beispiel, wo es die meisten anerkannten Asylwerber hinzieht, kamen auf 448 offene Lehrstellen 2935 potenzielle Bewerber. In Oberösterreich ist es umgekehrt. Dort wurden 2127 Lehrlinge gesucht, während nur 790 eine Lehrstelle suchten.

"Wir sagen den Menschen schon, dass es die Jobs eher im Westen gibt", sagt Sebastian Paulick, Sprecher des Wiener AMS. Denn während in Wien die Warteräume voll sind, haben Gastronomie- und Industriebetriebe in Westösterreich Schwierigkeiten, ihre offenen Stellen zu besetzen.

Und so kommt es manchmal vor, dass man ausrückt, um die Jobsuchenden aus dem Osten zu den Jobs in den Westen zu bringen. Zuletzt sei man mit zwölf anerkannten Flüchtlingen nach Zell am See gefahren, um sie dort mit potenziellen Arbeitgebern zusammenzubringen, erklärt Paulick. Die meisten würden rasch einsehen, dass deren Ausbildungs- und Jobchancen außerhalb von Wien besser seien, und nähmen auch entsprechende Angebote an.