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Leidgeprüft und hochgerüstet: Pakistan stolpert von Krise zu Krise

Von Michael Schmölzer

Analysen

Immer wenn Pakistan im politischen Chaos zu versinken droht, schrillen weltweit die Alarmglocken. Denn die militärische Großmacht ist für den Westen einerseits von großer strategischer Bedeutung, andererseits stellt sie einen enormen Risikofaktor dar.


Als historischer Erzfeind Indiens verfügt Pakistan über ein beträchtliches Atomwaffenarsenal. Militär experten schaudert beim Gedanken, dass dieses Vernichtungspotenzial in falsche Hände geraten könnte. Eine Bedrohung stellen hier vor allem Pakistans Islamisten dar, die an Einfluss gewonnen haben und effektiv gegen die Regierung Stimmung machen. Die USA hingegen sind auf die Kooperation Islamabads angewiesen. Washington versucht, in Afghanistan die Taliban unter Kontrolle zu bringen - ohne die Mithilfe Pakistans ein aussichtsloses Unterfangen.

Mit Besorgnis blickt der Westen deshalb auf die Reihe von Rückschlägen, die Pakistan zuletzt verkraften musste und die das Land unberechenbar machen. Im Dezember 2007 wurde Ex-Premier Benazir Bhutto, Zukunftshoffnung vieler Pakistani, bei einer Wahlveranstaltung in Rawalpindi ermordet - wer genau hinter dem Attentat steht, ist bis heute ungeklärt. Darauf- hin kam ihr Witwer Asif Ali Zardari als Staatspräsident an die Macht, ein selbst für pakistanische Verhältnisse unglaublich korrupter Politiker, der die Probleme des Landes nicht in den Griff bekommt. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Bevölkerung ist verzweifelt: Im Sommer geisterten Berichte über kollektive Suizide verarmter Familien durch die Medien. Mehr als 80 Prozent der Pakistani wünschen sich eine neue Regierung, 78 Prozent sehen die Wirtschaft in einem desaströsen Zustand.

Der vorläufige Tiefpunkt war im August erreicht: Die schwerste Flutkatastrophe in der Geschichte Pakistan suchte das Land heim. 1300 Menschen fanden den Tod, die Reperaturarbeiten rissen ein großes Loch in das Staatsbudget. Pakistans Regierung sieht sich nun genötigt, nicht nur Sondersteuern für Reiche einzuführen, sondern auch die Benzinpreise anzuheben. Die Spritverteuerung hat die Regionalpartei Muttahida Qaumi Movement bewogen, ins Lager der Opposition zu wechseln. Die Regierung hat ihre Mehrheit im Parlament verloren, die Zukunft Pakistans ist einmal mehr ungewiss.

Dass die Regierung rasch stürzt, wird allerdings bezweifelt. Dazu sind die Gegner von Premier Yousaf Raza Gilani zu zerstritten. Möglich ist, dass es Gilani gelingt, Teile der Opposition auf seine Seite zu ziehen und provisorisch weiterzuregieren. Sollten freilich Pakistans Militärs das Gefühl bekommen, dass die Lage aus dem Ruder gerät, ist auch ein Einschreiten der Generäle nicht auszuschließen. Militärregierungen sind nichts Neues in Pakistan, eine Neuauflage würde das Land allerdings weit zurückwerfen.

Siehe auch:Pakistans Premier verliert Mehrheit