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Leonarda, die Arigona Frankreichs

Von Alexander U. Mathé

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Die Abschiebung einer 15-jährigen Kosovarin bringt Innenminister Manuel Valls unter Druck und spaltet die Parti Socialiste.


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Der Fall Arigona hat Österreich jahrelang beschäftigt. Die Abschiebung der jungen Kosovarin zog Kreise bis in die höchsten politischen Sphären und brachte den damaligen Innenminister Günther Platter und seine Nachfolgerin Maria Fekter gehörig unter Druck. Nun ist es in Frankreich zu einem ähnlichen Fall gekommen, durch den nicht nur der sozialistische Innenminister Manuel Valls unter Beschuss gerät, sondern der auch Risse innerhalb der Regierungspartei auftut.

Mit elf Jahren kam Leonarda Dibrani im Jahr 2009 mit ihrer Familie nach Frankreich. Illegal. Der Asylantrag wurde abgelehnt und die Ausreise in den Kosovo von der zuständigen Präfektur angeordnet. Doch die achtköpfige Familie blieb und ging in ein Berufungsverfahren nach dem anderen. Leonarda besuchte während all der Jahre die Schule und begann sich zu integrieren. Als auch die letzte Möglichkeit zur Berufung gegen die Abschiebung ausgeschöpft war, weigerte sich die Familie, das Land zu verlassen. Leonardas Vater wurde daraufhin letzte Woche am 8. Oktober festgenommen und ausgewiesen. Leonarda, ihre Mutter und Geschwister sollten am Tag darauf folgen. Doch da befand sich die junge Romni gerade auf einem Schulausflug. Die Polizei rief sie auf ihrem Handy an, sprach mit ihrer Lehrerin, passte sie dann ab und nahm sie mit. Das Mädchen und auch Mitschüler brachen bei der Aktion in Tränen aus. "Ich habe mich so geschämt, weil die Polizei mich vor meinen Mitschülern geholt hat", sagte Leonarda. Das Vorgehen wurde publik und sorgte für Empörung.

Bildungsminister Vincent Peillon wetterte, die Schule müsse "unantastbar" bleiben, das umfasse auch Schulausflüge. "Ich hoffe, dass sich eine solche Situation nicht noch einmal ereignet."

Innenminister Valls verteidigte hingegen die Methode und sagte, dass die Vorschriften penibel eingehalten worden seien: "Wenn ein Asylantrag zurückgewiesen wird und es keinen Grund mehr gibt, auf französischem Boden zu bleiben, muss das Gesetz angewendet werden." In der Bevölkerung bringen ihm solche Aussagen Punkte. Schon seit Monaten fährt er einen harten Kurs gegen Roma, die illegal in Frankreich leben, von denen er außerdem sagt, dass sie nicht dazu bereit seien, sich zu integrieren. Damit ist er der beliebteste Politiker Frankreichs und erhält Zustimmungswerte um die 70 Prozent. Seine Parteikollegen hingegen bringt er mit seiner Haltung auf die Palme. Der sozialistische Parlamentspräsident Claude Bartolone formulierte es so: "Es gibt das Gesetz. Aber es gibt auch Werte, bei denen die Linke keine Kompromisse machen wird, sonst verliert sie ihre Seele."