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Lernen im Cluster

Von Mathias Ziegler

Politik
Auch so kann eine Schule aussehen: Eingangsbereich des Ørestad College in Kopenhagen.
© © Philip Ørneborg

Wie sieht das ideale Schulgebäude aus? Das hat das "Wiener Journal" drei Architekten gefragt, die auf Bildungsbauten spezialisiert sind. Und die brechen eine Lanze für offene Strukturen und vielfältig nutzbare Räume.


Viele Freiflächen, vielfältig nutzbare Räume mit variablen Größen, Auflösung der althergebrachten Klassenstruktur – all das hört man, wenn man mit Rainer Fröhlich, Thomas Grasl, Georg Unterhohenwarter  und Christoph Falkner vom Architekturbüro SWAP Architekten ZT GmbH über das ideale Schulgebäude spricht. Und die drei Architekten wissen, wovon sie reden, schließlich sind sie auf Bildungsbauten spezialisiert. Mit dabei: AHS-Lehrerin Daniela Fröhlich, die ihre Erfahrungen aus dem Schulalltag einbringt. Und die auch weiß, dass verschiedene Altersstufen verschiedene Anforderungen an die Raumstruktur haben: "Volks- und Unterstufenschüler brauchen vor allem Bewegungsräume, Oberstufenschüler eher Rückzugsräume." Auch die Art des Unterrichts bestimmt die Anforderungen an das Gebäude: Frontalunterricht in größeren Klassen braucht weniger Platz als freies Lernen und Übungen in Kleingruppen. "Cluster" lautet hier das Zauberwort, wenn man neuen, offeneren Lernmethoden Rechnung tragen will: also die verdichtete Ansammlung von verschiedenen Räumen in Gruppen.

"Unterschiedliche Fächer und Schulstufen brauchen unterschiedliche Bedingungen", meint Daniela Fröhlich, "in den unteren Stufen brauchen die Schüler noch eher den Altersverband, in der Oberstufen kann man sie eher nach Interessen zusammensetzen." Offene Strukturen für Sitzkreise oder Platz zum Lernen im Hof oder auf Terrassen ist da dann gefragt. So wie in einer deutschen Grundschule, die SWAP entworfen haben, wo jede Klasse ihre eigene Terrasse hat, mit einem Durchgang in der Mitte. Oder wie beim ambitionierten Wettbewerbsprojekt für die Erweiterung der BHAK und BHAS Polgarstraße in Wien, das mehrere völlig offene Räume vorsah, die je nach Bedarf mittels Trennwänden vergrößert oder verkleinert werden könnten. "Hier ist uns aufgefallen, dass Berufsbildende Schulen, die sich ja eher an der Wirtschaft orientieren, bei den Anforderungen am ehesten in Richtung offene Schule und Cluster gehen", erzählt Thomas Grasl. Und sein Kollege Georg Unterhohenwarter betont, wie wichtig Zwischenräume zwischen den Klassen sind, "wo Schüler und Lehrer einander treffen, Projektgruppen Platz haben; das soll mehr sein als bloß der Gang, der Klassen verbindet, das wird oft unterschätzt."

Ehrgeizige Cluster-Modelle scheitern aber in der Realität oft an den Behörden. Einerseits setzt die Statik gewisse Grenzen, andererseits kann es auch passieren, dass ein Modell nach den gängigen Sicherheitsstandards nicht umzusetzen ist, wenn etwa die Fluchtwege oder Brandschutztüren nicht den Vorgaben entsprechen. Hier spielen die Architekten den Ball den Behörden und Betreibern zu und würden sich mehr Flexibilität und Mut zu innovativen Konzepten wünschen. "Brandschutz in offenen Strukturen, Wartung, Reinigung – auch wenn das alles in der Praxis sicher funktioniert, entspricht die komplett offene Schule leider noch nicht den üblichen Schulbaurichtlinien", meint Rainer Fröhlich. Oder die Umsetzung wird als zu teuer angesehen, weswegen etwa Sprinkleranlagen so selten installiert werden. Oder es sind rechtliche Aspekte, die zum Beispiel Dachterrassen einen Riegel vorschieben. Denn die Angst, dass die Kinder etwas runterschmeißen könnten, ist bei vielen Verantwortlichen groß. "Oft darf man ja nicht einmal mehr die Fenster öffnen", erzählt Daniela Fröhlich aus dem Schulalltag. "Und man kann natürlich auch nicht alle Schüler gleichzeitig auf den Gang rausschicken." Eine Einschränkung stellen auch gewisse Normgrößen dar, die bis heute gelten: zum Beispiel 1,5 Quadratmeter pro Schüler, 1,5 Quadratmeter für den Lehrer und 0,5 Quadratmeter für den Ofen, dazu der vorgeschriebene Winkel der Bestuhlung zur Tafel oder dass die Fenster immer an der Längsseite der Klassenzimmer sein müssen. Nicht zu vergessen die Barrierefreiheit, deren Herstellung in bestehenden Gebäuden oft eine große Herausforderung darstellt. Neben diesem Pflichtprogramm bleibt aber trotzdem noch ausreichend Spielraum für architektonische Kreativität. Thomas Grasl spricht hier von der "Kür".

Auf der grünen Wiese ist es leichter

Wer bei Schulneu- und -ausbauten bewusst auf Cluster mit flexiblen Zonen – als Rückzugsräume, Aufenthaltsräume, Lernräume – setzt, tut sich natürlich leichter, wenn er das auf der grünen Wiese tut. "Bestehenden Schulgebäuden in dicht besiedelten Ballungsräumen, die oft noch aus der Gründerzeit stammen, fehlt es an allen Ecken und Enden an Flexibilität", stellt Rainer Fröhlich fest. Aber selbst dort, sind die Architekten überzeugt, findet man immer einen Weg, mehr Flexibilität zu schaffen, wenn man nur will.

Als Paradebeispiel für die offene Schule nennen sie das Ørestad College in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, eine Höhere Schule, die so konzipiert ist, dass es einen konzentrierten Raum gibt, in dem jeden Morgen alle Schüler zusammenkommen, um sich dann in viele offene Lernzonen rundherum aufzuteilen. Hier sind auch die üblichen Fächer aufgelöst, stattdessen ist interdisziplinäres Lernen angesagt, das es hier in Österreich noch nicht gibt. Der Betreuungsaufwand sei dabei in Summe gar nicht viel größer als im österreichischen Unterrichtssystem, berichtet Daniela Fröhlich, die einige Lehrer vom Ørestad College getroffen hat. "Die Dänen haben sicherlich etwas mehr Fläche, aber vor allem eine andere Raumnutzung", ergänzt Thomas Grasl. Und die kann man optimieren, ergänzt Rainer Fröhlich. "Enge Räume erzeugen mehr Aggressivität. Größere Räume wirken zwar auf den ersten Blick teurer, aber das muss nicht so sein, wenn man zum Beispiel eine Doppelnutzung von Erschließungsräumen anbietet: Man kann den Gang auch zum Lesen nutzen oder die Stiegenhäuser so anlegen, dass die Schüler Platz zum Sitzen haben und trotzdem genügend breite Fluchtwege frei bleiben."

Rechnung tragen muss die Schule von heute – und noch mehr jene von morgen – auch dem Ganztagesbetrieb, und zwar nicht nur bei den Schülern (Stichwort: Pausenhof, Lerngarten), sondern auch bei den Lehrern. Üblicherweise teilen sich in den Höheren Schulen Österreichs drei bis zehn Kollegen – oder noch mehr – einen Schreibtisch im Lehrerzimmer, ein eigener Arbeitsplatz für jeden Lehrer ist meist Utopie. Man könnte aber im Cluster sogar noch weiter gehen, erläutert Daniela Fröhlich: "Zum Beispiel könnte jeder Lehrer einen eigenen Arbeitsraum haben, und die Schüler würden von einem Lehrer zum anderen ziehen." Dagegen sträuben sich aber oft noch sowohl Lehrer, weil manche sich nicht mehr umorientieren wollen, als auch die Schüler, weil sie ihr Bankfach nicht anderen überlassen wollen. Ein solches Konzept verlangt eben von allen Beteiligten mehr Flexibilität, und es bräuchte auch längere Pausen zwischen den Lerneinheiten für den Wechsel. Das wäre auch im Sinne der Architekten: "Die üblichen 50-Minuten-Einheiten stehen jedem Cluster- und Lernsystem entgegen." Am Ende, meint Daniela Fröhlich, lautet die große Frage: "Baust du zuerst eine Schule, die dann von den Pädagogen genutzt werden muss? Oder wünschen sich die Pädagogen ihre Schule? Momentan ist die Architektur hier zum Teil schon weiter als das Lehrerkollegium."

Mut zur Innovation ist also gefragt. Bewiesen wird er nun auch in Wien, beim neuen Bildungscampus neben dem Hauptbahnhof, der 2014/15 in Betrieb geht und progressiv als Cluster angelegt ist, mit Ganztagsvolksschule und Ganztagshauptschule, Kindergarten und Freizeitanlagen für insgesamt 1100 Kinder. Herzstück sind "Marktplätze", die von den Kindern gemeinsam genutzt werden: als Bewegungs-, Gruppen- und Aufenthaltsräume und als Räume für offene Unterrichtsformen wie "Lerninseln". Und auch die neue Seestadt im Stadterweiterungsgebiet Aspern bekommt einen Kindergarten- und Volksschulcampus mit vielen Freiräumen, die durch große Terrassen gebildet werden. Allerdings hat die Wiener Stadtregierung für den Hauptbahnhof-Cluster Prügel von der Rathaus-Opposition bekommen, weil die Projektkosten von zunächst 65 auf 79 Millionen Euro gestiegen sind.

Cluster gab es schon in Ex-Jugoslawien

So neu, wie es klingt, ist das Cluster-Konzept übrigens gar nicht. "Wir haben zum Beispiel in Feldbach ein Konzept für den Umbau einer Schule erstellt, die bereits vor 40 Jahren eine Clusterstruktur hatte. Die dürfte aber in den 1970ern eine progressive Schule gewesen sein." Und auch im ehemaligen Jugoslawien haben die Architekten Schulen gesehen, die als Cluster angelegt waren. Auch in Höchst in Vorarlberg haben SWAP soeben einen Wettbewerbsbeitrag für eine Volksschule geplant, bei der die Clusterstruktur ein bewusstes Kriterium war, inklusive Gartenanlage, in der die Schüler selber pflanzen können, die aber mit dem Inneren gut verbunden ist. Und auch in Amstetten ist jetzt eine Sanierung und Erweiterung einer HAK/HASCH geplant, die schon einmal als Clusterschule errichtet wurde, mit offenen Zonen. "Da wurde dann allerdings irgendwann ein offener Gruppenraum aus Platzmangel beschnitten, um noch eine Klasse unterzubringen", berichtet Rainer Fröhlich. "Da wird es jetzt spannend, wie man das im Zuge der Erweiterung wieder reparieren kann."

Print-Artikel erschienen am 6.September 2013 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal"