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Lernen vom Gehirn

Von Stefan Meisterle

Wirtschaft

Ratgeber "Brain at Work" entschlüsselt Denkprozesse und gibt Anstöße zur Hebung der Leistungsfähigkeit.


Über das eigene Gehirn gilt es noch viel zu lernen.
© © Anne Bermüller / Pixelio.de

Wien. Kein Stress, keine Fehler, reichlich Zeit und eine jederzeit souveräne Ausstrahlung -  wie viele Menschen würden sich das alles für ihren Arbeitsalltag wünschen! Umso tragischer, dass wir alle es eigentlich in der Hand hätten, uns diese Träume zu erfüllen. Oder besser im Kopf: Denn unser Gehirn ist die Quelle - und zugleich Grenze all unserer Leistungsfähigkeit. Doch wer sein Gehirn gezielt einzusetzen lernt, kann es zu wahren Höchstleistungen bringen - und zwar ohne es zu überfordern. Wie das funktionieren kann, versucht der Ratgeber "Brain at Work" von David Rock darzulegen.

Haushalten und planen
In der jüngsten Vergangenheit war es eine einzelne kleine Region des Gehirns, die die Neurowissenschaft  im Bann hielt. Und das aus gutem Grund: Denn der präfrontale Kortext ist jener Ort, an dem wir Gedanken bewusst erschaffen – und steuern können. Eine Region, die freilich stark limitiert ist: Nicht nur, dass sie lediglich 4 – 5 Prozent des Hirnvolumens ausmacht, auch stehen ihr nur begrenzte Ressourcen an Glukose und Sauerstoff zur Verfügung. Ressourcen, die um so intensiver verbraucht werden, je intensiver über eine Sache – egal ob es um das Schreiben einer wichtigen E-Mail oder das Suchen nach Problemlösungen geht – nachgedacht wird.

Für den ökonomischen Denker ergibt sich aus dieser Limitierung eine erste Schlussfolgerung: Wenn komplexe Denkaufgaben ressourcenintensiver sind als Routineaufgaben, sollten diese dann erledigt werden, wenn noch genügend Ressourcen vorhanden sind. Will man also vermeiden, sich im Laufe des Tages mit Aufgaben konfrontiert zu sehen, für deren Bewältigung einem bereits die nötigen Denkressourcen fehlen, ist eine Einteilung und Priorisierung aller Aufgaben zu Beginn jedes Arbeitstages unerlässlich. Werden im Tagesplan Zeitfenster für komplexe Aufgaben reserviert, an denen der Geist frisch und ausgeruht ist, gehen diese Aufgaben nämlich weitaus einfacher und vielfach auch fehlerlos von der Hand.

Beschränken und bündeln

© bilderbox.at

Weniger ist mehr: Wer diese Devise verinnerlicht, kann im Arbeitsalltag viel brachliegendes geistiges Potenzial heben. Denn unser Gehirn vollbringt zwar Höchstleistungen, wirklich effizient arbeitet es aber nur, wenn man zu jeder Zeit seine Konzentration auf einige wenige Ideen richtet – im Idealfall hat man gar nur ein Thema im Kopf. Sollte für eine Entscheidung die Berücksichtigung vieler Informationen oder Fragen erforderlich sein, gilt es, diese in drei bis vier Blöcke zusammenzufassen. Das menschliche Gehirn kann diese Anzahl an Informationseinheiten gerade noch effizient verwalten, man bewahrt also den Überblick über das Thema und droht nicht, sich in Details zu verlieren.

Konzentrieren statt multitasken
Multitasking wird oft mit Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Tatsächlich dürfte das Gegenteil der Fall sein: Werden verschiedene Aufgaben gleichzeitig ausgeführt, lassen Genauigkeit und Leistung drastisch nach, wie wissenschaftliche Studien belegen. Zudem wurde festgestellt, dass der Wechsel zwischen unterschiedlichen Aufgaben viel Energie verbraucht. Wer demnach beispielsweise eine Kundenfrage beantwortet, während er gleichzeitig immer wieder nach neuen Mails Ausschau hält, riskiert, Fehler zu begehen – und unterm Strich für die Beantwortung länger zu brauchen.
Sinnvoller ist, eine Tätigkeit nach der anderen durchzuführen.

Ein nachdenklicher Landwirt sitzt in einem Getreidefeld. Probleme in der Landwirtschaft.
© bilderbox.at

Sollte es dennoch regelmäßig zu Mehrfachbelastungen kommen, empfiehlt es sich, dabei Routinen zu entwickeln: Weil die als Basalganglien bezeichnete Hirnregion in der Speicherung von Routinefunktionen höchst effizient ist, kann man diese eigentlich optimal einsetzen. Konkret gelingt das, indem man einzelne Tätigkeiten häufig in exakt derselben Reihenfolge und Durchführung mehrfach wiederholt, beispielsweise also beim Bearbeiten von Textdokumenten immer nach einem Schema vorgeht.  In den Basalganglien werden diese Wiederholungen bald als Muster gespeichert, auf das man ohne bewusste Anstrengungen zurückgreifen und rascher anwenden kann.

Unliebsame Ablenkungen
Die Steuererklärung will verfasst, der Arzttermin nicht vergessen und die Einkäufe gemacht werden – dumm nur, wenn einem all das dann einfällt, wenn man es gerade nicht braucht – beispielsweise bei einer Teamsitzung oder dem Wälzen schwieriger Probleme. Denn die Vermeidung von Ablenkung gilt als wesentlich, um die Konzentration auf ein Thema aufrecht halten zu können. Um so problematischer ist, dass plötzlich auftauchende Gedanken vielfach eine reizvolle Ablenkung von schwierigen Fragen darstellen können – die Bereitschaft des Geistes, sich diesen attraktiven Ablenkungen zuzuwenden also groß ist.

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma ist, bei komplexen Denkaufgaben zunächst einmal mögliche Quellen für äußere Ablenkungen  – also etwa das Mailprogramm, das Telefon oder den Browser auszuschalten. Schwieriger ist es bei der Deaktivierung innerer Ablenkungen – hier empfiehlt Ratgeber-Autor David Rock, beim ersten Anzeichen auftretender Ablenkungen von der Sprache Gebrauch zu machen: Kämpft sich der quälende Gedanke  an die noch zu erledigende Steuerklärung also wieder einmal ins Bewusstsein vor, erteilt man diesem bewusst gedanklich oder auch laut aussprechend ein "Bitte warten".

Gehirn in den Leerlauf schicken
Kreativität will gelernt sein: Weil wir in unvorhergesehenen Situationen oder bei neuartigen Aufgaben dazu neigen, alte Verhaltensmuster und Lösungen anzuwenden, landen wir immer wieder in geistigen Sackgassen: Jenem Zustand, in dem sich die Gedanken im Kreis zu drehen scheinen und wir bei aller Konzentration immer nur auf Varianten desselben Lösungsansatzes stoßen. Das Finden einer neuen Idee wird so zur Unmöglichkeit, die bekannten, aber falschen Antworten verstellen den Blick auf die richtigen.

Um so überraschender ist, dass diese Ideen vielfach später in einer völlig anderen Umgebung auftauchen, etwa beim Duschen oder einem Spaziergang. Und genau da liegt der Schlüssel für das Tor aus der Sackgasse: im Aufbauen einer Distanz. Beim Brüten über ein Problem, das einer kreativen Lösung bedarf, hilft es folglich häufig, sich diese Distanz auch ohne Dusche aktiv zu verschaffen. Lässt man also das Problem kurz Problem sein, gönnt sich eine Ablenkung durch ein Telefonat oder ein lustiges Filmchen im Internet, kann diese Distanz Wunder wirken: Indem man das Problemfeld verlässt, verschwinden auch die falschen, bekannten Lösungsansätze – und geben vielfach den Blick auf die richtigen Antworten frei.

Vieles zu lernen
Die Arbeit, das Denken und damit das Gehirn zu entschlüsseln, fordert die Wissenschaft seit Generationen heraus. Viele Überlegungen wurden angestellt, zahlreiche Studien gemacht, einzelne Antworten bereits gefunden. Wie "Brain at Work" zeigt, lassen sich daraus auch für den Arbeitsalltag gewichtige Erkenntnisse ableiten. Darunter die vielleicht auch wichtigste Erkenntnis: Es gibt vom Gehirn noch viel zu lernen.

Brain at Work
von David Rock
Campus Verlag
ISBN 978-3-593-39340-7