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Lernen von den Eigenbrötlern

Von Kerstin Viering

Wissen
Männliche Weißrüssel-Nasenbären finden Gruppenstress völlig unzumutbar.
© Corbis/Lars-Olof Johansson

Viele Säugetiere bevorzugen ein Single-Dasein. Ihre Biologie könnte Rückschlüsse auf menschliches Verhalten erlauben.


Berlin. Frauen können so anstrengend werden! Auch unter Bonobo-Männern scheint das ein bekanntes Phänomen zu sein. Gute Beziehungen zum anderen Geschlecht zu pflegen, ist für die geselligen Menschenaffen mit psychischem Stress verbunden. Dies zeigt eine Studie, die Martin Surbeck mit Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt hat.

Warum also nicht lieber ein entspannter Single bleiben und den Kontakt zum anderen auf die Paarungszeit beschränken? Tatsächlich ist das unter Säugetieren eine übliche Strategie. Viele Arten vom Gürteltier bis zum Eichhörnchen, vom Braunbären bis zum Orang-Utan haben für die Gesellschaft ihrer Partner wenig übrig. Doch ein solches Leben ist herausfordernd. In letzter Zeit haben Verhaltensforscher immer neue Details über den Alltag und die Anpassungen der tierischen Einzelgänger herausgefunden.

Einige Arten flexibel

Männliche Weißrüssel-Nasenbären denken gar nicht daran, sich Gruppenstress zuzumuten: Sie sind Einzelgänger aus Prinzip. Warum aber leben dann die Weibchen in Gruppen? Offenbar muss man sich Ungeselligkeit leisten können, meint Matthew Gompper von der University of Missouri in Columbia. Wenn einem Männchen der Magen knurre, könne es mit einer ganz einfachen Strategie Abhilfe schaffen: "Finde Futter wie etwa reife Früchte, friss so viel wie möglich davon, und jage andere Interessenten weg."

Für die kleinen Weibchen ist das keine Option. "Sie können nicht gewinnen, wenn sie allein auf ein Männchen losgehen." Also setzt das schwächere Geschlecht auf die Stärke der Gruppe, um sich durchzusetzen. Zwar müssen die Weibchen die Beute untereinander aufteilen. Das ist immer noch besser, als wenn sie erst gar keine erobern können. Zumal hat Geselligkeit weitere Vorteile.

Bei so vielen wachsamen Augen ist etwa die Chance besser, Feinde rechtzeitig zu entdecken. So landen die Mitglieder der Frauen-WGs seltener im Magen von Pumas als die männlichen Einzelgänger. Es sind auch immer hilfreiche Pfoten in der Nähe, die Parasiten aus dem Fell klauben können. Das ist wohl der Grund dafür, dass Weibchen deutlich seltener von Zecken geplagt werden als Männchen. Dafür leiden sie häufiger an durch Milbenlarven ausgelöste Hautentzündungen.

Sowohl Geselligkeit als auch Eigenbrötelei haben also spezielle Vor- und Nachteile. Etliche Arten haben sich deshalb gar nicht auf einen Lebensstil festgelegt. Bei Europäischen Wildkaninchen ist das Single-Dasein in der Stadt angesagter als auf dem Land. Das hat Madlen Ziege von der Uni Frankfurt am Main herausgefunden, als sie die Wohnverhältnisse der Tiere unter die Lupe nahm. Das typische Landkaninchen lebt in großen Familienbauen mit 70 bis 80 Zugängen und bis zu 30 Bewohnern. Je städtischer das Milieu, umso mehr und kleinere Baue fanden die Forscher. Oft waren in solchen Mini-Appartments Paare oder sogar nur einzelne Kaninchen zu Hause. Die Diskrepanz zwischen Stadt und Land könnte an unterschiedlichem Angebot an "Bauland" liegen.

In ausgeräumten Agrarlandschaften finden die Tiere offenbar immer weniger gute Lebensräume, sodass sich mehr Kaninchen denselben Standort teilen. Städte mit ihren Parks, Gärten und anderen Grünflächen dagegen bieten ein ganzes Mosaik an potenziellen Standorten. Zudem könnten die höheren Temperaturen in der Stadt eine Rolle spielen, da die Kaninchen dort nicht so sehr auf wärmendes Miteinander im Bau angewiesen sind.

Nicht jeder kann sein Sozialleben so flexibel gestalten. Viele Arten bestehen auf Einsamkeit. Frei lebende Orang-Utans verbringen rund 95 Prozent ihrer Zeit allein. Wenn sie doch auf einen Artgenossen treffen, zeigen sie oft ein Verhalten, das man bei Menschen als Schüchternheit interpretieren würde: Sie vermeiden Blickkontakt, mustern ihr Gegenüber gerade aus dem Augenwinkel. Schließlich gilt direktes Anstarren unter Menschenaffen als Drohgebärde.

Solche Beobachtungen erinnern Jared Edward Reser von der University of Southern California in Los Angeles stark an das Verhalten von Menschen mit Autismus. Betroffene, die Probleme mit der Kommunikation und dem Sozialverhalten haben, schauen anderen Menschen oft ungern in die Augen. Und es gibt offenbar noch eine ganze Reihe weiterer Parallelen zwischen dem Verhalten von Autisten und allein lebenden Säugetierarten. Beide haben ein geringes Bedürfnis nach sozialen Bindungen, können Gesichter von Artgenossen schlecht unterscheiden und zeigen relativ wenig ausdrucksvolle Körpersprache und Mimik.

Das alles hängt offenbar mit Besonderheiten im Nervensystem zusammen. Ein vielfältiges Mienenspiel ist vor allem dann wichtig, wenn man ausgiebig mit Artgenossen kommunizieren will. Der Bereich im Gehirn, der die Gesichtsmuskeln steuert, ist daher bei sozial lebenden Affenarten besonders groß. Deutlich kleiner fällt er dagegen bei Einzelgängern aus - und bei Autisten.

Einsame ähneln Autisten

Auch bei den biochemischen Signalen im Körper gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gruppen - etwa beim "Kuschelhormon" Oxytocin. Dieses ist wichtig für die Bindung zwischen Mutter und Kind, aber auch für den Aufbau von sozialen Beziehungen. Es wird beim Sex und bei positiven Sozialkontakten freigesetzt und scheint beim Entwickeln von Vertrauen zu helfen. Jedoch ist sein Einfluss nicht bei allen Säugetieren gleich groß, selbst bei nahe verwandten Arten gibt es massive Unterschiede.

Eine große Rolle spielt das Hormon bei den nordamerikanischen Präriewühlmäusen, die für ihre lebenslangen Partnerschaften bekannt sind. Die verwandten Rocky-Mountains-Wühlmäuse dagegen haben für enge Bindungen nichts übrig, besitzen auch viel weniger Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn. Gegenüber Artgenossen verhalten sie sich deutlich vorsichtiger, misstrauischer und ängstlicher als ihre Verwandten. Auch das erinnert an Menschen mit Autismus, die ebenfalls geringere Oxytocin-Mengen im Blutplasma haben. Jared Reser hofft, dass Forscher von den Einzelgängern der Tierwelt auch mehr über die biologischen Hintergründe des Autismus lernen können.

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