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Lesen kann gefährlich sein!

Von Andreas Wirthensohn

Reflexionen
Vorsicht, Literatur - stehen da böse Wörter drin?
© getty images / Photodisc / Peter Cade

Damit sich niemand durch die Lektüre verletzt fühlt, werden literarische Texte immer öfter auf irritierende Begriffe überprüft.


Wer heute ein Buch aufschlägt, der stößt immer öfter, noch bevor er oder sie überhaupt so richtig zu lesen begonnen hat, auf Hinweise wie etwa den folgenden: "Auf Seite 313 beleidigt Stephen Doyle einen Schwarzen rassistisch", heißt es im Impressum eines jüngst bei dtv erschienenen Romans.

Und Jasmina Kuhnkes Roman "Schwarzes Herz", voriges Jahr bei Rowohlt verlegt, empfängt einen gleich mit einer vehementen Inhaltswarnung. Dieses Buch, so heißt es da, enthalte explizite Darstellungen körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt, es gebe diskriminierende Sprache und rassistische Beschimpfungen, chronische Krankheiten kämen ebenso vor wie der Konsum von Alkohol und Drogen. Und wörtlich: "Bitte achten Sie beim Lesen auf sich, da diese Inhalte belastend und retraumatisierend sein können."

Mikroaggressionen

Was klingt wie ein literarischer Beipackzettel, löst seit Neuestem erregte Diskussionen aus. Was die einen als Dienst an Lesern und Leserinnen betrachten, als eine Art Fürsorge für sensible Gemüter, erscheint anderen wahlweise als lächerlich oder als Ausdruck einer rasant um sich greifenden Wokeness: einer Weltsicht, die sich nur noch in eigenen "geschützten Räumen" bewegen möchte und allerorten Diskriminierung, Rassismus und Sexismus am Werk sieht. Der Schriftsteller Matthias Politycki definiert sie als "Ausweitung der Political Correctness auf alle Lebensbereiche" - in diesem Fall also auch auf den der Literatur.

Entsprechend hat ein neuer Begriff Einzug gehalten in die Verlagswelt: "Sensitivity Reading" heißt er, und er besagt, dass insbesondere literarische Texte zunehmend vorab daraufhin unter die Lupe genommen werden, ob sie sprachliche Wendungen oder sogenannte "Mikroaggressionen" enthalten, die möglicherweise die Lesenden verletzen könnten. Ziel ist es, Literatur so diskriminierungsfrei wie möglich zu halten, und es gibt inzwischen sogar eigene Agenturen, die diese linguistisch-inhaltliche Dienstleistung anbieten. Ist das nun sprachliche Sensibilität oder Sprachpolizei?

© Mixtvision Verlag

Unstrittig dürfte sein, dass Sensitivity Reading in manchen Fällen durchaus sinnvoll sein kann: Etwa wenn eine Autorin über Lebenswelten schreibt, die ihr selbst fremd sind. Lena Hach beispielsweise, Kinderbuchautorin, hat für ihre Buchreihe mit dem Titel "Mission Hollercamp" - deren Held Jacub schwerhörig ist - die Expertise einer hörbehinderten "Lektorin" in Anspruch genommen, um klischeehafte Darstellungen und Stereotypen zu vermeiden, aber auch, um sich intensiver in ihren Protagonisten hineinversetzen zu können.

Ähnlich hält man es bei hanserblau in Berlin, einem Imprint des Münchner Hanser-Verlags. Dort erscheint im Sommer der Roman "Freundin bleibst du immer" von Tomi Obaro, einer US-Autorin mit nigerianischen Wurzeln. Hier wurde das Übersetzungsmanuskript von einer Lektorin gegengelesen, die über einen ähnlichen kulturellen Hintergrund verfügt und auf "kulturspezifische" Korrektheit der deutschen Fassung achtete (etwa, was Essen, Kleidung oder die ethnischen Verhältnisse in Nigeria angeht).

Problematischer wird die Sache, wenn literarische Texte sprachlich "bereinigt" werden - wenn also bestimmte Redeweisen, einzelne Wörter oder ganze Passagen gestrichen beziehungsweise ersetzt werden, weil sie Anstoß erregen und potentielle Leser sie als verletzend empfinden könnten.

Figurenrede

Und wenn sich ein Autor wie Alem Grabovac in seinem Roman "Das achte Kind" (2021 bei hanserblau erschienen) aus Authentizitätsgründen solcherlei sprachlicher Begradigung verweigert, behilft man sich mit seltsam distanzierenden Warnhinweisen: "Der Text enthält diskriminierendes Vokabular im Kontext der handelnden Figuren, spiegelt jedoch nicht die Meinung des Autors oder des Verlags wider", heißt es im Impressum dieses Romans, der laut Verlag eine "aufrüttelnde Geschichte über Herkunft und Zugehörigkeit" erzählt.

Was für jeden halbwegs erfahrenen Literaturfreund selbstverständlich sein sollte - Figurenrede oder die Erzählerstimme ist nicht mit der Stimme des Autors gleichzusetzen -, wird hier also ausdrücklich betont - vermutlich, um befürchteten Shitstorms zuvorzukommen.

Besonders markant zeigt sich diese Problematik am "N-Wort". In affirmativem oder auch nur im entferntesten positivem Sinne dürfte es in heutiger Literatur ohnehin nicht mehr vorkommen. Radikale Verfechter sensibler Sprache vertreten allerdings die Auffassung, das Wort müsse unter allen Umständen vermieden werden, mit jeder expliziten Ausformulierung würden rassistische Stereotypen perpetuiert.

Was aber macht man, wenn man in einem Roman - also einem fiktionalen Raum - Rassismus und menschenverachtende Sprache thematisieren möchte? Müssen sich dann auch rassistisch denkende und handelnde Protagonisten anderer, nicht-diskriminierender Ausdrücke bedienen (People of Color zum Beispiel)?

Wort & Weltbild

© Penguin Random House

Zu welch seltsamen Verrenkungen es in solchen Fällen kommt, zeigt der jüngste Roman des Journalisten Dirk Kurbjuweit, "Der Ausflug". Es geht darin um beklemmende Fremdenfeindlichkeit irgendwo im tiefsten Brandenburg. Vier Freunde aus Berlin - einer von ihnen mit schwarzer Hautfarbe - wollen dort gemeinsam ein paar Tage paddeln gehen. Doch gleich am ersten Abend droht die Situation zu eskalieren, denn die Einheimischen erweisen sich als recht roher Haufen. "Seit wann können N... paddeln?", fragt einer von ihnen, und als Leser wissen wir nicht, ob er sich dabei jetzt wirklich auf die Zunge beißt oder ob wir aus Sensibilitätsgründen vor dem Anblick des Schimpfworts "Neger" geschützt werden sollen.

Hier zeigt sich eines der Paradoxa dieser wohlmeinenden Vermeidungsstrategien: Gerade durch die Auslassung wird die Aufmerksamkeit umso stärker auf das Wort gelenkt; die Auffassung, Sprache schaffe Wirklichkeit und mit dem Wort würde auch das dahinterstehende Denken verschwinden, ist nicht ganz falsch, aber etwas kurz gedacht, denn die Wechselbeziehungen zwischen den Wörtern und der Welt sind leider ein wenig komplexer.

Ähnlich paradox sind die Triggerwarnungen - ein Begriff, der ursprünglich aus der Traumatherapie stammt und Reize meint, die etwa bei Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu einem (teilweisen) Wiedererleben der traumatischen Erfahrung führen. Die eingangs erwähnte Jasmina Kuhnke listet am Ende ihres Romans akribisch 29 mögliche Trigger auf, von sexistischen Beschimpfungen bis zum Schlaganfall. Was ja eigentlich heißt: Finger weg von diesem Buch!

© WZ-Illustration (Bildmaterial: getty / FrankRamspott)

Gemeint aber ist das Gegenteil: Die eigene Empfindsamkeit wird demonstrativ als Verkaufsargument ausgestellt. Nach dem Motto: Wir, Autor und Verlag, lassen Dich, liebe Leserin, lieber Leser, mit diesem Buch nicht allein. Sei unbesorgt, nimm und lies!

Denn konsequent gedacht kann in einem Buch natürlich alles und jedes "retraumatisierend" wirken - für einen Veganer der Fleischverzehr oder das Töten eines Tiers, für einen Naturfreund das Fällen von Bäumen; von Tod, Selbstmord oder schwerer Krankheit gar nicht erst zu reden. Das erinnert ein wenig an die vollkommene Karte eines Reiches in einer berühmten Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges, die in ihrer Exaktheit am Ende selbst so groß ist wie das Reich. Im Falle der Literatur hieße das: Die Triggerwarnungen wären am Ende genauso lang wie das Buch, weil letztlich alles Trigger sein kann.

Betreutes Lesen

Michael Lemling, Geschäftsführer der altehrwürdigen Münchner Buchhandlung Lehmkuhl und einer der vernehmlichsten Kritiker des Sensitivity Reading, sieht in dieser Entwicklung einen bedenklichen Paradigmenwechsel. Lesende, denen nichts mehr zugemutet werden darf, die sozusagen betreut werden müssen - für ihn ist das eine Verarmung der Literatur, eine Abkehr vom "wilden Leser", der in der Literatur gerade nicht nach Bestätigung der eigenen Weltsicht sucht.

Literatur ist nämlich das, was der 2018 verstorbene Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff gerne als "Möglichkeitswelt" bezeichnet hat, sie ist ein Simulationsraum, ein Experimentierfeld, auf dem fiktionale Handlungen und Lebensentwürfe durchgespielt werden. Zu den künstlerischen Freiheiten gehört dabei die Lizenz zur Grenzüberschreitung, zu Denk- und Verhaltensweisen, die nicht der "Norm" der Realität entsprechen und entsprechend verstörend auf die Leser wirken. Gute Literatur rüttelt mehr oder weniger stark am Weltbild und an der Weltwahrnehmung desjenigen, der sie liest.

Literatur kann die Erkenntnis triggern - wenn man sie denn lässt.
© unsplash / Dmitry Ratushny

Ob sich hier tatsächlich ein veränderter Anspruch an das Lesen von Literatur abzeichnet oder ob lediglich in vielen Verlagen die Angst vor irgendwelchen Shitstorms im Netz umgeht (nicht zu vergessen die für die Vermarktung immer wichtiger werden Lese-Community-Plattformen im Internet wie etwa LovelyBooks) - das lässt sich so eindeutig nicht beantworten.

Martin Hielscher, der beim Verlag C.H. Beck in München die Belletristik verantwortet, hält nichts davon, in dieser Frage sensible und weniger empfindliche Generationen gegeneinander auszuspielen. Er glaubt eher, dass wir es mit einem medial getriebenen "Mentalitätswandel" zu tun haben: "Die Leute leben in einer Art digitaler Schwarz-weiß-, Gut-böse-, Richtig-falsch-Logik, weil sie sich in der Realität selbst weniger gut zurechtfinden." Das Diskursklima, das dabei entsteht, ist eines der "militanten Intoleranz" (Eva Menasse).

Wohlfühl-Literatur

Dass davon nun zunehmend auch die Literatur und die Kultur allgemein betroffen sind, ist besonders bedauerlich. Denn wo, wenn nicht im Roman, im Theater, im großen Freiraum der Kultur lassen sich all diese identitären, weltanschaulichen, sprachlichen Kategorisierungen in Frage stellen und auflösen? Nur: Welchen Sinn hat Literatur noch, wenn sie sich erst einmal seitenlang für das eigene Tun entschuldigt? Oder wenn alles Anstößige lieber gleich in einer Art vorauseilendem Gehorsam aus den Texten getilgt wird?

Gut gemeint ist das Gegenteil von Kunst, das wusste schon Gottfried Benn, und was dabei herauskommt, ist eine Feel-good-Form von Literatur, die niemanden aufregt, niemandem wehtut und vor allem der Bestätigung des eigenen - und natürlich einzig richtigen - Weltbilds dient. Damit wird die Kunst dann endgültig zur Warenform, die lediglich noch Zielgruppen und Konsumentenbedürfnisse bedient, zur gut geschützten Filterblase, in der die böse Welt da draußen nichts zu suchen hat.

Das ist dann allerdings nicht mehr nur schlechte Literatur, es ist gar keine Literatur mehr.

Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.