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Lethargie und Lampenfieber

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Chinas Verhältnis zum Westen ist ein sehr eigenes. Die Regierung in Peking reagiert lieber auf eine stark auftretende Supermacht USA, als sich als Partner zu verstehen.


Das Paradox eines aufstrebenden China, das eine größere Rolle im Weltgeschehen spielen möchte, aber unter einer Kombination aus Lethargie und Lampenfieber leidet, stand bei einer Konferenz in Peking im Mittelpunkt. China dürfe nicht nur Beobachter sein, sondern müsse bei Themen wie Nordkorea und Währungsanpassung zum Akteur werden, erklärte ein hoher chinesischer Funktionär: "Wenn wir auf der Bühne stehen, sollten wir nicht dem Publikum den Rücken zudrehen, als wären wir ein Teil von ihm." Und doch, als es bei dem Treffen, an dem auch Gäste aus dem Westen teilnahmen, um Lösungsvorschläge ging, waren die Chinesen zurückhaltend. "Dialog, Dialog, Dialog", lautet zum Beispiel das Rezept Chinas für Nordkorea.

Die Konferenz war ein außergewöhnlicher Anstoß, Bereiche gemeinsamer Interessen und möglichen gemeinsamen Handelns auszuloten. Abgehalten wurde sie auf dem Campus der Parteischule, einem Trainingszentrum für Führungskräfte am Rand von Peking. Die kühl wirkende Anlage ist ein starker Kontrast zur protzigen neuen Architektur der Pekinger Innenstadt, die mit schicken Hotels und Luxusboutiquen vollgepfropft ist.

Einige chinesische Vertreter erklärten, China sei in Sachen Außenpolitik zum Teil darum so zurückhaltend, weil es sich stattdessen auf das heimische Wirtschaftswachstum konzentriere und darauf, die latent unruhige Bevölkerung bei Laune zu halten. "Das heißt nicht, dass China egoistisch ist", sagte ein Redner, räumte aber ein, dass Peking in der Tat immer erst an interne Probleme denke. Im Fall Nordkoreas fürchtet man, Druck auf Pjöngjang könne Flüchtlinge nach China treiben.

Ein paar Anzeichen für Bewegung brachte die Diskussion aber auch. So wies ein Professor der Parteischule zuerst das Drängen der USA auf chinesische Währungsanpassung zurück. Nach einiger Zeit sagte er aber, dass China vielleicht seinen Handelsüberschuss reduzieren könne, indem es die Gehälter anhebe, damit sich die Arbeiter mehr Importwaren aus den USA leisten könnten.

Dass sich China manchmal wohler dabei fühlt, auf eine stark auftretende Supermacht USA zu reagieren, wie in den vergangenen Jahrzehnten, als sich als Partner zu verstehen, frustriert die Verantwortlichen in Washington. Ein Konferenzteilnehmer aus den USA tadelte China dafür, das Entgegenkommen am Beginn der Regierung von US-Präsident Barack Obama als Zeichen der Schwäche abgetan zu haben, und für den neuerlichen Anspruch, das Südchinesische Meer wäre ein Hauptinteresse Chinas.

In privaten Gesprächen hätten die Chinesen allerdings anschließend versucht, die Bedenken der USA zu zerstreuen, indem sie von einem Missverständnis beim Südchinesischen Meer sprachen, sagt Harvard-Profes Joseph Nye, sor, der am Treffen teilnahm. Dennoch: "Wir sitzen im selben Boot", das war bei dem Treffen von Chinesen und Amerikanern gleichermaßen zu hören. Klingt ermutigend. Nur dass das Boot heute abdriftet, wenn es nicht schon gänzlich im Sinken begriffen ist. Beide sollten also anfangen zu rudern. Gemeinsam.

Verlassen habe ich die Konferenz mit dem gleichen Bild wie am Ende meiner China-Reise vor einem Monat: Trotz Wohlstand und Zuversicht ist Chinas Führung von internen Angelegenheiten völlig in Anspruch genommen und sieht politische Debatten mit dem Westen nur durch diese beschlagene Linse.

Englische ÜbersetzungDer Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".