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Lettland: Exodus macht EU-Neuling zu schaffen

Von Alexandra Frech

Europaarchiv

Mehrere Branchen beklagen Arbeitskräftemangel. | Experten rechnen mit Rückwanderung. | Riga. (apa) Mit dem Beitritt zur Europäischen Union im Mai 2004 und der Öffnung der Arbeitsmärkte für "neue" EU-Bürger in mehreren "alten" Mitgliedstaaten hat nicht nur in Polen eine massive Auswanderungsbewegung eingesetzt. Die Folgen sind besonders in kleineren Staaten wie Lettland mit seinen 2,3 Millionen Einwohnern mittlerweile spürbar. "Es ist ein Problem in dem Sinne, dass es das rasche Wachstum unserer eigenen Wirtschaft unterminieren kann, denn mehrere unserer Wirtschaftssektoren erleben einen Arbeitskräftemangel", resümiert der Politische Direktor im Rigaer Außenministerium, Ilgvars Klava.


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Wenn Lettland mehr Arbeitskräfte hätte, könnte die Wirtschaft noch mehr und noch schneller wachsen, ist Klava überzeugt. Zudem gebe es speziell in den östlichen Grenzregionen Gebiete mit nach wie vor ziemlich hohen Arbeitslosenraten. Viele der Bewohner seien jedoch beispielsweise nicht mobil genug oder "psychologisch nicht bereit", woanders in Lettland zu arbeiten. "Gleichzeitig wirkt Irland geographisch sehr weit entfernt, aber wir haben sehr gute Flugverbindungen, und in ein paar Stunden ist man dort. Im Grunde macht es also keinen Unterschied: Wenn man nahe bei der russischen Grenze wohnt, kann man nach Irland fliegen oder nach Riga fahren. Es dauert ungefähr gleich lang." Und da in Irland die Löhne ziemlich hoch seien, habe es viele eben dorthin gezogen.

Noch in einer weiteren Hinsicht macht sich die Auswanderung laut Klava für die in Lettland bleibenden Bürger bemerkbar. Die Emigration habe zu höheren Löhnen und Kosten beigetragen, was sich beispielsweise im Bausektor zeige und auf die Immobilienpreise Auswirkungen habe. "Ein Quadratmeter hier kostet mehr als in Berlin." Mancherorts in Riga bezahle man für Wohnungen mittlerweile bis zu 5.000 Euro pro Quadratmeter. Leistbar werde dies nur durch Kredite. "Die Leute wollen unbedingt ihre Lebensbedingungen verbessern", und die Letten hätten zunehmend Vertrauen in die Zukunft. Das mache Darlehen populär.

"Übergangsphänomen"

Generell ist Klava davon überzeugt, dass es sich bei der lettischen Emigration in größerem Ausmaß um ein temporäres Phänomen handelt. "Ich glaube, es wird der Punkt kommen, wo das vorbei ist oder die Abwanderung zumindest abnimmt. Besonders Irland ist kein so großes Land, da gibt es bestimmte Grenzen, und wir sind nicht die einzigen, die dort hinziehen - da sind Polen, Litauer, Ukrainer und viele andere." Auch mit einer gewissen Rückwanderung sei zu rechnen. Manchmal ginge ein Teil der Familie weg, und die verdienten Mittel würden in Lettland - etwa in ein Haus - investiert. "Verloren gehen", meint Klava, könnten Letten jedoch in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten, wo es weitaus größere Möglichkeiten gebe. Beide Staaten seien nicht mit Irland vergleichbar, wohin bisher der größte Teil ausgewandert sei.

Die Leiterin der EU-Abteilung im lettischen Außenministerium, Veronika Erte, beziffert die Zahl der Letten, die bisher ihr Land in Richtung Irland oder Großbritannien verlassen haben, mit 20.000 bis 30.000. Über eine detaillierte Statistik zu den Alters- und Berufsgruppen verfüge sie nicht. Da die Lohndiskrepanz besonders für jene Emigranten, die der englischen Sprache mächtig seien, ein wesentlicher Faktor sei, habe die Regierung beschlossen, "den Löhnen besondere Aufmerksamkeit zu widmen".

Gleichzeitig hofft man darauf, dass die Emigranten nicht auf ewig im Ausland bleiben, wie Erte betont: "Natürlich hat Lettland ein Interesse daran, dass diese Leute nach einer gewissen Zeit mit neuen Erfahrungen nach Lettland zurückkehren. Sie werden hier gebraucht." Da auch Familien ausgewandert seien, habe der Staat etwa in Irland Möglichkeiten für die Kinder geschaffen, die lettische Sprache zu erlernen.