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"Letztlich muss die Politik entscheiden"

Von Walter Hämmerle

Politik
Hans-Werner Sinn
© Andy Urban

Hans-Werner Sinn über die Rolle der Ökonomen und Kosten und Nutzen eines "Grexit".


Wien. Wem glauben, wem vertrauen in der Griechenland-Krise? Quer durch Politik und Wissenschaft geht ein tiefer Riss in der Frage, ob und - wenn, ja - unter welchen Bedingungen Griechenland in der Eurozone bleiben soll. Die einen warnen vor möglichen katastrophalen Folgen eines "Grexit" für Europa, die Eurozone und Griechenland; die anderen sehen genau darin die Voraussetzung für ein Ende der Dauerkrise mit Vorteilen für alle Seiten. Hinzu kommt, dass sich die Lage fast stündlich ändert.

In dieser Situation sprach die "Wiener Zeitung" mit Hans-Werner Sinn. Er zählt zu den lautstärksten und - zumindest in der deutschsprachigen Öffentlichkeit - wirkmächtigsten Befürworter eines "Grexit". Sinn war auf Einladung des liberalen Instituts "Agenda Austria" in Wien.

"Wiener Zeitung": Herr Professor, man hat den Eindruck, den Ökonomen geht es längst wie Politikern: Die Bürger wissen nicht, wem sie vertrauen, wem sie glauben sollen.Hans-Werner Sinn: Ich weiß nicht, auf welche Wirtschaftswissenschafter man hier hört, aber es ist natürlich eine schwierige Situation. Immerhin sind jetzt einige zentrale Entscheidungen gefallen: Griechenland hat, indem es die fällige Ratenzahlung an den IWF nicht geleistet hat, kundgetan, dass es zahlungsunfähig ist.

Selbst hier gibt es die Ansicht, dass die Nicht-Einhaltung einer Zahlungsfrist beim IWF nicht automatisch einen Konkurs auslöst.

Was stimmt, ist, das staatsrechtlich ein Konkurs nicht definiert ist. Aber da der Währungsfonds immer den höchsten Gläubigerrang einnimmt, führt hier die Nichtbedienung zwingend zum Konkurs. Eine weitere Frist halte ich für spekulativ.

Aber an welche Ökonomen sollen sich die Politiker halten: an Sie, der für den "Grexit" plädiert, oder an Ihre Kollegen, die genau dies für den falschen Weg erachten?

Es gibt tatsächlich viele Meinungen in dieser chaotischen Situation. Letztlich müssen die Politiker die Verantwortung tragen. Wie viele Leute welche Meinung haben, ist irrelevant. Entscheidend ist allein das Gewicht der Argumente. Hier gibt es nur richtige und falsche Argumente, die alle auf den Tisch müssen, damit die Politiker abwägen und entscheiden können.

Wie würden Sie am Sonntag beim Referendum abstimmen?

Ich halte das Angebot der Gläubiger für fantastisch, das müsste man eigentlich annehmen. Nur würde dann die Misere endlos weitergehen. Deshalb wäre es im Interesse ganz Europas, über neue Wege nachzudenken. In der jetzigen Situation ist für mich der Austritt aus der Eurozone der einzig sinnvolle Weg, da sich Griechenland nicht mit dem Euro wirtschaftlich erholen kann. Das Land ist nachweislich nicht wettbewerbsfähig. Die Löhne liegen bei knapp 15 Euro pro Stunde, die Nachbarn Bulgarien und Rumänien bei 3-4 Euro, Polen bei gut 7 Euro. Bei Standortentscheidungen ist Griechenland von der Landkarte verschwunden. Theoretisch könnte man auch Löhne und Preise im Land senken, aber eine solche reale Abwertung ist in der Praxis fast unmöglich, weil man Kredite und Mieten nicht mitabwerten kann.

Wie beurteilen Sie die politischen Kosten eines "Grexit"?

Der Nachteil liegt darin, dass der Euro den Status eines ewigen Bündnisses verliert; genau darin liegt aber auch der Vorteil: Deutlich zu machen, dass es Regeln gibt, die man einhalten muss.

Die linkspopulistische Syriza will nicht nur die griechische Politik verändern, sondern ganz Europa. Andere linke Protestparteien wollen das Gleiche. Bleibt Athen im Euro, geht dieser Richtungskampf weiter, im Falle eines "Grexit" wäre die Revolution wohl abgesagt.

Ja, wir stehen jetzt an einer Weichenstellung, wie wir Europa künftig gestalten wollen: a.) als Transferunion oder b.) als ein Europa, wo jeder einen Lebensstandard hat, der der eigenen volkswirtschaftlichen Produktivität entspricht. Fall a.) läuft auf Massenarbeitslosigkeit in großen Teilen Europas hinaus, die von den anderen finanziert werden muss; Fall b.) verhindert dieses Szenario, ist aber mit größeren Einkommensunterschieden verbunden. Wen man beginnt, Einkommensprobleme zu einer politischen Frage zu machen, gibt es nichts als Streit.

Der Süden klagt, dass der Norden, insbesondere Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit durch bewusst niedrige Löhne erhöht hat.

Das ist korrekt, allerdings ist der vermeintliche Vorteil inzwischen in einen Nachteil umgeschlagen. Man kann nämlich auch zu billig sein. Deutschland müsste dringend im Verhältnis zu Südeuropa teuer werden, auch durch Lohn- und Preissteigerungen . . .

. . . in welchem Ausmaß?

Relativ zu Griechenland bewegt sich das im Umfang von dutzenden von Prozenten. Grundsätzlich sehe ich keine Möglichkeit, den Euro wie den Dollar zu betrachten, solange wir nicht über eine politische Zentralgewalt wie die USA haben. So lange Europa das nicht hat, ist es besser, einen "atmenden Euro" zu haben, aus dem man austreten kann, wenn es nötig ist, in den man aber auch wieder hinein kann. Was ist daran so schlimm?

Den Satz von Angela Merkel, wonach Europa scheitert, wenn der Euro scheitert, ist demnach falsch?

Ich halte ihn jedenfalls für politisch ungeschickt. Ein "atmender Euro" ist für mich kein gescheiterter, sondern ein erfolgreicher Euro. Natürlich ist die Dauer-Krise ein großes Unheil, aber in jedem Unheil liegt auch die Chance, daraus zu lernen.

Zur Person

Hans-Werner Sinn

ist einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands, seine Thesen zur Eurokrise heftig umstritten. Der 67-Jährige ist seit 1999 Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Sinn versteht sich als Ordo-Liberalen und ist ein Kritiker des Ankaufs staatlicher Anleihen durch die Europäische Zentralbank.