Leuchtturm im Jammertal

Von Wolfgang Liu Kuhn

Wirtschaft
© Infineon

Infineon steckt 1,6 Milliarden in den Standort Villach. Es ist die größte Industrie-Investition in Österreich.


Villach. Mit Partnerschaften kennt sich Günther Albel aus. Immerhin war der Bürgermeister von Villach in seiner Heimatstadt einst als Standesbeamter für die Trauungen zuständig. Zuvor jobbte er als Schüler in den Ferien regelmäßig bei Infineon. Wenn er am Samstag im Beisein der hohen Politik den Spatenstich für das neue Chip-Werk in Villach feiert, schließt sich im gewissen Sinne ein Kreis. Denn Albel weiß, dass diese Partnerschaft für Villach und Kärnten eine immense Bedeutung hat. Es ist die größte Industrie-Investition, die Österreich je gesehen hat, und gerade im strukturschwachen Kärnten ist das Hightech-Unternehmen eine Art Lebensversicherung.

Einen dementsprechend großen Bahnhof erwartet sich die Stadt bei der Feier zum Spatenstich am Samstag: Angekündigt haben sich unter anderem Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), die Minister Margarete Schramböck (ÖVP) und Norbert Hofer (FPÖ) sowie Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) mit Infineon-Konzernchef Reinhard Ploss und Österreich-Chefin Sabine Herlitschka.

750 neue Jobs geplant

Zu feiern gibt es einiges, denn Infineon investiert über einen Zeitraum von sechs Jahren 1,6 Milliarden Euro in die neue Produktion, sie soll nichts weniger als das modernste Chip-Werk der Welt werden. Villach festigt somit seine Position als das Kompetenzzentrum des Konzerns für besonders leistungsstarke Halbleiter auf 300-Millimeter-Dünnwafern. Mit den Bauarbeiten soll Anfang 2019 begonnen werden; wenn die Fertigung 2021 anläuft, soll ein zusätzlicher Umsatz von 1,8 Milliarden Euro erwirtschaftet werden. Insgesamt sollen 750 neue Arbeitsplätze entstehen, 400 in der Produktion und 350 in der Forschung und Entwicklung. Die Sogwirkung am Arbeitsmarkt ist bereits jetzt enorm, Bauherrin Herlitschka berichtet von 15.000 Bewerber-Profilen, die in den vergangenen Monaten eingegangen seien.

Die Suche nach qualifiziertem Personal stellt auch Kärntens Landespolitik vor einige Bildungsaufgaben, denn die Arbeit der künftigen Spezialisten mutet einigermaßen futuristisch an. Hinter dicken Scheiben arbeiten etwa die "Work Area Controller", die in weißen Ganzkörperanzügen wie Astronauten wirken. Sie müssen eine spezielle Luftschleuse durchlaufen, denn in die Reinräume darf nicht das kleinste Staubkorn eindringen, was die hochsensible Fertigung der Halbleiter stören könnte. Die Produktion selbst läuft größtenteils automatisch, lautlos fahren Roboter hin und her und transportieren kleine Kisten, nicht größer als ein Schuhkarton. Die darin enthaltenen Spezialchips können einen Wert von 10.000 Euro deutlich übersteigen. Geliefert werden die Halbleiter an Hersteller von Windrädern, Smartphones, Großrechnern, Elektroautos, Industrieanlagen oder an Unternehmen wie Tesla, Audi oder Apple.

Kärntens größter Arbeitgeber

Bereits jetzt ist Infineon der mit Abstand größte private Arbeitgeber in Kärnten, Landeshauptmann Kaiser und die Stadtpolitik haben daher gute Gründe, in Vorleistungen zu gehen. Gesorgt wird für Kindergärten, eine internationale Schule, Radwege, Straßen und Wohnungen. Mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von zuletzt 33.300 Euro liegt Österreichs südlichstes Bundesland im innenösterreichischen Ländervergleich an drittletzter Stelle, wofür vor allem die verhältnismäßig geringe Industrialisierung verantwortlich ist. Die Entscheidung von Infineon für Kärnten mag daher für Beobachter überraschend kommen, doch Konzernchef Ploss ist vom Standort Villach überzeugt. Einer der Hauptaspekte für die Entscheidung sei gewesen, wo die neue Fertigung am schnellsten hochgefahren werden könnte. Beim derzeitig hohen Bedarf zähle praktisch jeder Tag.

Als Konkurrenten für Villach galten bei der Standortvergabe Destinationen in Asien, insbesondere Malaysia. Aber: "Wir wollen unsere Schlüsseltechnologie sehr gut unter Kontrolle haben, und das ist in Europa gewährleistet, in anderen Regionen dagegen nicht unbedingt", so Österreich-Chefin Herlitschka. Die Technologie mit großen Siliziumscheiben, aus denen leistungsfähigere Halbleiter hergestellt werden, wurde weitgehend in Villach entwickelt, Infineon ist auf dem Gebiet weltweit führend. Es besteht also eine gewisse Sorge, dass in Ländern wie etwa China dieser sensible Vorsprung verloren gehen könne.

Produktion soll 2021 starten

Laut Herlitschka legten auch die Kunden selbst darauf Wert, dass das neue Werk in Europa gebaut wird: "Unsere Kunden wünschen sich eine zweite Quelle, also einen weiteren Standort." Spezielle Förderungen hätten hingegen keinen Ausschlag gegeben: "Wir werden uns um die gesetzlich mögliche Forschungsprämie bewerben. Subventionen lassen die EU-Wettbewerbsregeln nicht zu", so Herlitschka. "Wir müssen aber für die Zukunft für den Standort Europa darüber die Diskussion führen. In den USA und Asien gibt es ganz andere Investitionsprogramme."

Im Rahmen der Möglichkeiten sind Österreich und Kärnten sehr daran interessiert, das zarte Pflänzchen dieser Partnerschaft zu hegen und zu pflegen. So hat Landeshauptmann Kaiser extra eine kleine Gruppe von Mitarbeitern eingesetzt, diese Infineon-Taskforce trifft sich im Abstand weniger Wochen, um alle Probleme zu besprechen und auf dem kurzen Weg zu regeln. Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei zudem gut, die Genehmigungsprozesse seien grundsätzlich schnell, lobt Herlitschka. Noch gebe es allerdings einige Probleme, die vor allem den Verkehr betreffen. Schon jetzt sei die Zufahrt zum Werk regelmäßig überlastet. Ein neunstöckiges Parkhaus für die Mitarbeiter wird daher bereits hochgezogen.

Bis zum Produktionsbeginn 2021 erwartet die Infineon-Chefin auch die vollendete Anbindung an die lange Zeit blockierte 110-Kilovolt-Leitung der Kelag. "Wir beachten in der Produktion selbst die Themen, auf die unsere Produkte global abzielen: Energieeffizienz, Sicherheit, Mobilität und Daten." Und so wird Villachs Bürgermeister Albel (SPÖ) bei der Spatenstich-Feier mit Sicherheit unter Strom stehen. Er weiß: Die Investition des Konzerns entspricht dem achtfachen Villacher Haushaltsbudget.