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"Leute werden uneinsichtiger"

Von Selina Nowak

Politik
Im Sommer werden die Spielkäfige zu eng, und die Kinder weichen auf Rasenflächen aus.
© © Stanislav Jenis

Früher habe der Lärm der Kinder noch keinen gestört, erzählt der Hausmeister.


Wien. Die Aussicht ist atemberaubend. Prater, Riesenrad, Wienerwald und Donau umfasst der Rundumblick, der sich von der Dachterrasse im elften Stock auftut. Mehrere solcher Gemeinschaftsterrassen hat die Wohnhausanlage Handelskai 214. Mancher Mieter genießt den Luxus einer eigenen Dachterrasse, jede Wohnung hat einen Balkon. Wie Bienenwaben reihen sich schöne, gelb gestrichene Balkone an- und übereinander, von ganz oben bis ganz nach unten.

Unten ist der erste Eindruck ein anderer: dunkle Durchgänge, grauer Beton, löchrige Mauern, abgesplitterter Lack, schmutzige Ecken. "Furchtbare Zustände" seien das hier, kommentiert eine stämmige ältere Dame mit Hund die Szenerie. Und die Kinder, immer frecher würden die: "Bis ins Wohnzimmer hams uns die Eier gschmissen." Nicht besser seien deren Mütter, die "Türkenweiber", die einem "nicht ausweichen".

In die gleiche Kerbe schlägt ein Beisl-Besucher nebenan. Über seinem Mittagsbier echauffiert er sich über die Ausländer, die hier immer mehr würden, in Banden herumzögen und nicht mit sich reden ließen. Charaktere wie diese findet man in jedem Gemeindebau. Aber sind sie repräsentativ?

Der Hausmeister ist die "gute Seele" im Haus

Mit 1042 Wohneinheiten ist der Handelskai 214 der größte Gemeindebau in Wien-Leopoldstadt. Mehr als 5000 Menschen leben hier, die Wohnanlage hat somit die Dimension einer Ortschaft. Einen Mieterbeirat hat der Gemeindebau seit fünf Jahren nicht mehr. Dafür gibt es einen Kindergarten, eine Schule, Spielplätze, ein Seniorentreff, verschiedene Ärzte und - eine Besonderheit - immer noch sieben Hausmeister der "alten Zunft" mit eigenen Dienstwohnungen. Einer von ihnen ist Franz Dubovan. Seit 17 Jahren betreut er zwei Stiegen mit 130 Wohnungen. Zu seinen Aufgaben gehören Reparaturen, Schneeräumung im Winter, die Schlüsselvergabe für den Fahrradraum und das Vermitteln in Konflikten. Er ist die gute Seele und kennt die Leute im Haus. Jene, die sich über Kinder und Ausländer aufregen, machen seiner Ansicht nach eigentlich nur eine Handvoll aus.

Von Anbeginn, als die Anlage in den 1970ern eröffnet wurde, seien hier wegen der Größe der Wohnungen kinderreiche Familien eingezogen. "Aber nun werden die Leute älter und vielleicht ein bisserl uneinsichtiger." Als deren eigene Kinder damals noch unten im Hof Lärm machten, da war das in Ordnung. Doch auf einmal fing dann wer zu schreien an, "der ned amoi mei Hautfoab hot. Des is doch wirklich a Gemeinheit!", erzählt Dubovan schmunzelnd.

Klarerweise zögen nun vermehrt Migrantenfamilien ein. Die Vergabekriterien für Gemeindebauwohnungen seien ja noch dieselben, aber es gebe nun einmal kaum noch österreichische Paare zwischen 20 und 30 Jahren mit zwei oder drei Kindern. Das Geschimpfe über die Ausländer gebe sich nach einer Generation schon, ist sich der Hausmeister, dessen Großvater auch einst aus dem Ausland nach Österreich kam, sicher. "Das sind verschiedene Kulturen, die langsamer zusammenwachsen müssen, als manche Leute das gerne hätten." In den umliegenden Gemeindebauten gebe es Versuche, die Neuösterreicher mit den Alteingesessenen zusammenzubringen. Dort würden immer wieder Hoffeste organisiert. Der Erfolg sei aber nur mäßig, so sein Eindruck.

Ein Herr mittleren Alters holt seinen kleinen Sohn vom Kindergarten ab. Er spricht nur ein gebrochenes Deutsch, bemüht sich aber sehr, die Sachlage zu schildern. Besonders eine ältere Dame lauere immer schon auf ihrem Balkon, um dann herunterzukeppeln. "Mein Sohn ist fünf Jahre alt und spielt Fußball. Anstatt höflich zu sein, zu sagen: Bitte nicht spielen, schreit sie ihn gleich an."

Eigentlich darf man ja weder in den Durchgängen noch auf den Rasenflächen Fußball spielen. Dafür gibt es die Spielkäfige. Es sind aber zu wenige für so viele Kinder, sagt Fritz Schalamon, Geschäftsführer des Jugendzentrums Bassena Stuwerviertel, der in den Sommermonaten wöchentlich zur Parkbetreuung am Handelskai 214 kommt.

Er habe nicht den Eindruck, dass, wie so oft behauptet, "Ausländerkinder wilder sind", erklärt Schalamon. Es seien vielmehr die schimpfenden Erwachsenen, die außer Rand und Band gerieten. Ein Mieter zum Beispiel rege sich ständig über die Kinder auf. Er selbst habe aber eine Frau, die vor einem Jahr den Keller angezündet habe. Aus einer anderen Wohnung im fünften Stock sei sogar einmal ein Nachtkästchen heruntergeworfen worden.

Kinder hätten ein Recht auf Bewegung, aber auch Jugendliche bräuchten Orte, an denen sie sich aufhalten könnten. Doch in den Höfen wurden über die Jahre hinweg alle Bänke entfernt, um Herumlungern zu verhindern. Die Jugendlichen wichen aus. "Vor zwei Jahren hatten wir das Problem, dass Jugendliche öfters am Abend und am Wochenende im Garten waren. Manches ging damals auch kaputt", erinnert sich Susanne Lamprecht, Leiterin des Kindergartens am Handelskai 214. Nun gebe es aber keine Probleme.

Überwachungskameras zeigen Wirkung

Um den Vandalismus in den Griff zu bekommen, hat die Stadt Wien Kameras in Kellern, Aufzügen, Müllräumen und Parkgarage montiert. Die Überwachung zeigt Wirkung. Der Vandalismus ist zurückgegangen, die Einbrüche in der Parkgarage haben aufgehört. Die Kameras hatten einen weiteren Nebeneffekt: Die Bewohner stellen nun nicht mehr einfach ihren Sperrmüll in den Müllraum. Dafür stand unlängst eine komplette Kücheneinrichtung unten im Stiegenhaus, erzählt eine Anwohnerin. "Die Leute wissen halt mittlerweile, wo nicht videoüberwacht wird."

Sich organisieren und Eigeninitiative ergreifen, dazu möchten die Wohnpartner ermuntern. Die Institution der Stadt Wien ist Anlaufstelle für Gemeindebaubewohner, die sich an sie mit ihren Anliegen oder Beschwerden wenden können. Dort versucht man mittels Mediation, Coaching, Projekten und Veranstaltungen Probleme zu lösen - wenn nötig auch interkulturell und mehrsprachig. Letztendlich seien es aber die Mieter selbst, die Initiative ergreifen sollten. "Wir sind ja keine Animateure", sagt Teammanagerin Claudia Huemer.

Markus Zingerle ist so ein engagierter Mieter. Er wohnt seit 2006 in der - wie er es nennt - "Wohnmaschine Handelskai 214". Gemeinsam mit seiner Nachbarin möchte er mithilfe der Wohnpartner auf der Dachterrasse einen Gemeinschaftsgarten anlegen, der dann als Treffpunkt dienen könnte, um Probleme wie die Entsorgung des Sperrmülls zu besprechen. Mit dabei sind schon einige junge Familien, darunter eine türkische und eine albanische.