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Lexikon der Medizin-Irrtümer: Zu viel wird blind geglaubt

Von Frank Ufen

Wissen

Der Mensch, ist immer wieder zu hören, lernt in erster Linie aus Erfahrung. Manchmal stimmt das sogar. Doch in den allermeisten Fällen würde es ihm nicht im Traum einfallen, die Theorien, Ideen und Hypothesen, von denen er sich im Alltag leiten lässt, in der Praxis auf die Probe zu stellen. In der Regel genügt es ihm völlig, wenn sie das Gefüge seiner Gewohnheiten einigermaßen im Gleichgewicht halten, ihn von lästigen Zweifeln befreien und ein Handeln ermöglichen, das nicht allzu großen Schaden anrichtet.


Denn - wie Karel van het Reve Karl Popper zu Recht entgegengehalten hat - Menschen sind nicht Frage-, sondern Antworttiere. Und die Antworten, mit denen sie sich abspeisen lassen, sind oft genug nichts anderes als zählebige Mythen, Vorurteile, Ammenmärchen oder, wenn es hoch kommt, Halbwahrheiten. Das gilt in besonderem Maße für die gängigen Vorstellungen über Krankheit und Gesundheit.

Die "Erkältung"

Seit etlichen Generationen warnen Mütter ihre Kinder dringend davor, in nassen Strümpfen oder mit feuchten Haaren herumzulaufen und sich nicht genügend gegen Kälte und Zugluft zu schützen - denn damit würden sie riskieren, sich eine Erkältung oder Schlimmeres zuzuziehen.

Diese Auffassung ist allerdings inzwischen gründlich widerlegt. Vor einiger Zeit hat man experimentell erforscht, was passiert, wenn man Versuchspersonen nach einem heißen Bad bei Zugluft frieren, sie mit durchnässten Haaren und in klammen Socken und Hosen im Freien ausharren oder sie in frostigkaltem Wasser schwimmen lässt. Das eindeutige Ergebnis: Nichts davon löst eine Erkältung aus. Erkältungen sind immer das Ergebnis einer Infektion, doch die Fröstelgefühle, die sie typischerweise hervorruft, führen das Alltagsdenken in die Irre. Ansonsten gilt: Kälte kann allenfalls die Immunabwehr des Körpers schwächen.

Das gute Vitamin C und Essen vor dem Schlafen

Und weshalb kommt es im Winter am häufigsten zu Erkältungserkrankungen? Weil die geschlossenen warmen Räume, in die man sich dann gern zurückzieht, auch das bevorzugte Milieu der Viren sind. Übrigens: Dass Erkältungen durch Vitamin C bekämpft werden können, ist alles andere als sicher. Und dass es gefährlich ist, den Schleim in der verstopften Nase hochzuziehen, offenbar eine weitere Legende.

Wer schlank bleiben will, sagt man, sollte eines auf gar keinen Fall tun: sich abends den Bauch voll zu schlagen. Warum? Weil Magen und Darm während des Schlafs träge reagieren und nur noch auf Sparflamme arbeiten. Diese Erklärung klingt einleuchtend, aber sie ist falsch.

In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt. Die Evolution hat es so eingerichtet, dass das vegetative Nervensystem, das die Verdauung reguliert, gerade während der Perioden des Dösens und Schlafens am intensivsten beschäftigt ist. Und deshalb ist es dem Körper gleichgültig, wann ihm Nahrung zugeführt wird. Ihn interessiert nur, welche und wie viel. Dass Rauchen das Herz-Kreislauf-System schädigen und Krebs verursachen kann, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Aber nach wie vor hält man der Nikotinsucht zugute, zumindest ein wirksames Mittel gegen Übergewicht zu sein. Leider stimmt auch das nicht. Die Gewichtsentwicklung von Rauchern und Nichtrauchern ist etliche Male empirisch erforscht worden, doch signifikante Unterschiede sind dabei nicht zu Tage getreten. Wer es allerdings schafft, mit dem Rauchen aufzuhören, hat tatsächlich gute Chancen, einiges an Gewicht zuzulegen und früher oder später übergewichtig zu werden.

Übergewichtslegenden

Apropos Übergewicht. Übergewichtige beteuern nicht selten, sie würden nicht mehr als andere essen, hätten aber das Pech, "schlechte Futterverwerter" zu sein. Dass auch diese Erklärung nicht stichhaltig ist, haben britische Forscher vor einigen Jahren herausgefunden, als sie die Energiezufuhr und den Energieverbrauch von 319 erwachsenen Probanden maßen. Der Befund: Je höher die Gewichtsklasse ist, der ein Proband angehört, desto höher ist sein Energieumsatz und desto reger ist sein Stoffwechsel.

Auch die "schweren Knochen", die angeblich manchmal an den zu vielen Kilos auf der Waage schuld sein sollen, finden vor der Wissenschaft keine Gnade. Die Knochen machen nämlich sowieso nur acht bis neun Prozent des Körpergewichts aus, und ihr Gewicht steht bei allen Menschen im selben Verhältnis zur Körpergröße. Bleibt noch der "Winterspeck". Ihn gibt es zweifellos, doch für Übergewichtsprobleme lässt er sich schlecht verantwortlich machen. Forscher des amerikanischen Gesundheitsinstituts NIH konnten zwar eine Gewichtszunahme während der Feiertage in den Wintermonaten ermitteln. Aber sie betrug nur einige hundert Gramm.

Sex, Salz und Sport

Magengeschwüre werden durch Stress hervorgerufen. Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen, verdirbt die Augen. Das Trinken von destilliertem Wasser führt zum Tod. Sex beeinträchtigt das sportliche Leistungsvermögen. Männer im Kreißsaal sind eine große Hilfe für die werdenden Mütter. Der Schlaf vor Mitternacht ist der gesündeste. Männer erkranken niemals an Brustkrebs. Ausgiebiger Salzverbrauch führt zu Bluthochdruck. Wer Ausdauersport betreibt, hat beste Aussichten, ein hohes Alter zu erreichen. Wer Kirsch- oder Weintraubenkerne verschluckt, bekommt leicht eine Blinddarmentzündung . . .

200 medizinische Mythen

Der Arzt und Journalist Werner Bartens hat 200 solcher medizinischen Mythen gesammelt und sie nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Bartens schreibt witzig und lakonisch, und alles, was er schreibt. hat Hand und Fuß. Rätselhaft ist bloß, was Stichwörter wie "Seitensprünge" oder "'Mit Kind und Kegel' bedeutet mit der ganzen Familie" in diesem Lexikon verloren haben. Denn zum Ausdruck "mit Kind und Kegel" fällt ihm nur ein, dass damit ursprünglich die ehelichen und unehelichen Kinder gemeint waren. Und die Auffassung, dass Frauen weniger oft Seitensprünge begehen und sexuell weniger aktiv sind als die Männer, ist zwar tatsächlich absurd - denn "it takes two to tango". Aber wieso gehört sie zu den medizinischen Irrtümern?

(Werner Bartens: Lexikon der Medizin-Irrtümer. Vorurteile, Halbwahrheiten, fragwürdige Behandlungen. Eichborn, Verlag, Frankfurt/Main 2004. 347 S., 22,90 Euro.)