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Libanon: Nach Panzern rollen Bagger

Von WZ-Korrespondent Markus Bickel

Politik

Streubomben machen Aufbauarbeiten lebensgefährlich. | Lokalaugenschein an der libanesischisraelischen Grenze. | Kfar Kila. Condoleezza Rice grinst hämisch auf die beiden Soldaten herab. "Ein Geschenk der Kinder von Kfar Kila" steht auf dem Plakat mit der US-Außenministerin als Comic-Figur, das an einer Laterne direkt am Grenzzaun zu Israel angebracht ist.


Oben an dem Pfosten weht die gelbe Fahne der Hisbollah, am nächsten Pfahl die grüne der schiitischen Schwesterorganisation der "Partei Gottes", Amal. Die rot-weiß gestreifte libanesische Fahne mit der grünen Zeder ist nicht zu sehen, lediglich die beiden Armeeangehörigen, die an diesem heißen Oktober-Nachmittag Dienst schieben, machen deutlich, dass zwei Monate nach Ende des neuen Libanon-Krieges nun staatlich Besoldete an der Grenze zum Nachbarstaat das Sagen haben.

Direkt nach der von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenruhe Mitte August rückten Tausende libanesische Truppen in das bis zuletzt von der Hisbollah kontrollierte Gebiet südlich des Flusses Litani vor. Von den israelischen Soldaten, vor denen sie ihr Land schützen sollen, ist nichts zu sehen. Trümmer liegen um den verwaisten israelischen Kontrollposten hinter dem Grenzzaun am "Fatima Gate" von Kfar Kila. Und auch die Säule mit dem Bildnis des israelischen Expremierministers Ariel Scharon, die Hisbollah-Anhänger bis zum Beginn des Krieges im Juli regelmäßig mit Steinen bewarfen, wurde während der 33-tägigen Kämpfe zerstört.

Ein paar hundert Meter weiter nördlich frisst sich das satte Grün des nördlichsten Zipfels Israels in einem Bogen in libanesisches Territorium hinein. Staatliche Stellen in Beirut haben den Militärs in Jerusalem vorgeworfen, die anhaltende Besatzung des Grenzörtchens Ghajar diene dazu, libanesisches Wasser zu stehlen. Die unterhalb der auf einem Kliff gelegenen Gemeinde, nur ein paar Kilometer entfernte Wazzani-Quelle sei der eigentliche Grund, weshalb auch fast neun Wochen nach Kriegsende noch nicht alle israelische Soldaten aus dem Libanon abgezogen seien.

Auch in der kleinen Gruppe von Männern, die sich rund um eine Baugrube am Straßenrand in Sichtweite der Grenze geschart haben, macht das Gerücht die Runde. Ein Jeep und ein großer mit Rohren beladener Lastwagen mit dem Logo des Technischen Hilfswerks (THW) sind hier geparkt.

Wasser für 7000 Familien

Nur ein paar Schritte entfernt hat die libanesische Armee zwischen Trümmerhaufen einen Checkpoint errichtet. Ein von Granatsplittern zersiebtes, Faust dickes Metallrohr liegt neben dem Loch, in der ein THW-Mitarbeiter gerade versucht, die Schäden an der während des Krieges getroffenen Leitung zu beheben.

Im Schatten des Lastwagens steht Jan Plüschke, der Projektleiter der unmittelbar nach Kriegsende in den Libanon entsandten Schnelleinsatzeinheit Wasser Ausland (SEEWA) der deutschen Katastrophenschutzorganisation. Er ist schon lange vor den ersten Bundeswehrsolden - sie werden am Sonntag im Hafen von Beirut ankommen - in am Ort des Geschehens. Noch bis Mitte nächster Woche wird der 38-jährige gemeinsam mit acht weiteren Mitarbeitern im Einsatz sein, um zumindest einen Teil der unzähligen während des Krieges zerstörten Wasserleitungen und -anschlüsse zu reparieren. Danach löst ein neues Team die kleine Truppe an Freiwilligen und Festangestellten ab. Auf die Hilfe der Einheimischen sind sie bei den Arbeiten dringend angewiesen. "Wir unternehmen nichts auf eigene Faust", versichert Plüschke.

Allein die über eine Million Streubomben, die israelische Kampfflieger in den letzten drei Tagen des Krieges überall in den südlich des Flusses Litani gelegenen Landstrichen abgeworfen haben, machen die Zusammenarbeit mit den Lokalen unabdingbar. Um beschädigte Rohre zu finden, greifen diese darüber hinaus nicht nur auf das hoch entwickelte technologische Gerät der deutschen Zivilschützer zurück, sondern drehen einfach den Wasserhahn auf und beobachten, an welcher Stelle die Erde feucht wird.

Bereits über 7000 Haushalte konnten die beiden seit Verkündung der Waffenruhe Mitte August in den Libanon entsandten THW-Teams wieder an das Wassernetz anschließen - in Kooperation mit den Wasserbehörden an Ort und Stelle und Bewohnern der vielen von den wochenlangen israelischen Luftangriffen und Artilleriebeschuss betroffenen Gemeinden. Eine Leistung, auf die der aus der Lüneburger Heide kommende Plüschke stolz ist. "Wenn wir hier weggehen, sieht man, dass einiges passiert ist", sagt er.

Überall auf der Strecke zwischen Khiam, Marjajoun, al Klaia und Kfar Kila kommen einem große orangene Lastwagen entgegen, voll beladen mit dem Schutt bombardierter Häuser. Staub liegt in der Luft. 150.000 Wohneinheiten sind zerstört oder schwer beschädigt worden. Ehe der Winter kommt, müssen die größten Schäden behoben sein. Weil die von der Regierung zugesagten Hilfen nur schleppend anlaufen, halten sich die meisten an Hisbollah, Dschihad al-Binaa (Baukampf) und nicht an die während des Bürgerkrieges entstandene staatliche Wiederaufbauorganisation "Rat des Südens".