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Libanons Wirtschaft: Auferstanden aus Ruinen - und wieder am Boden

Von WZ-Korrespondent Markus Bickel

Politik

Krieg wirft das Land wieder um Jahre zurück. | Rating-Agenturen stuften Libanon bereits zurück | Beirut. Ach, was waren das für Zeiten! Mitten während des traumhaften mediterranen Beiruter Frühlings, Mitte Mai, erklärte Tourismusminister Joseph Sarakis, er erwarte mehr als anderthalb Millionen Touristen in der Zedernrepublik. Rund zwei Millionen US-Dollar Reinerlöse dürfte der Reiseboom 2006 in die Kassen von Hotels, Restaurants und anderen Tourismusbetriebe pumpen, so die Prognose.


Welch ein Kraftakt: Erst nach der Ermordung von Expremierminister Rafik Hariri im Februar 2005 hatte vor allem das Dienstleistungsgewerbe des Viermillioneneinwohnerlandes arge Einbußen hinnehmen müssen. Anderthalb Jahrzehnte nach Beginn des mühevollen Wiederaufbaus nach Ende des Bürgerkrieges (1975-1990) sah sich die stolze Händlernation im Frühjahr 2005 schon wieder vor einem Absturz in längst überwunden geglaubte Zeiten. Um elf Prozent fielen die Besucherzahlen in der westlichsten Hauptstadt des Nahen Osten und in der zweiten großen Touristenattraktion, den Ruinen von Baalbek. Aber wie so oft meisterte die libanesische Gesellschaft auch diese Krise.

"Wir sind daran gewöhnt", sagen Wirtschaftsexperten und Politiker, darauf angesprochen, ob die Bewohner des Landes erneut die Kraft aufbringen können, sich am eigenen Schopf aus dem Morast zu ziehen. Auch Finanzminister Jihad Azour übt sich in Optimismus, wenn es um die Zukunftsaussichten geht. "Wir waren schon in der Vergangenheit in der Lage, unser kleines Boot durch bewegte Wasser zu manövrieren, das wird uns auch in Zukunft gelingen". Die Wiederaufbauleistung nach dem Krieg und die Bewältigung der Krise nach der Ermordung Hariris seien dafür die besten Beispiele. "Als wir vergangenen Sommer die Regierungsgeschäfte übernahmen, hatten wir ein Außenhandelsdefizit von mehr als 1,5 Milliarden Dollar und Nullwachstum", sagt der dem Syrien-kritischen Bündnis um Hariris Sohn Saad und Premierminister Fouad Siniora angehörende Azour. "In zwölf Monaten ist es uns gelungen, bei den Exporten ein Plus von einer halben Milliarde zu erzielen und das Wachstum zumindest leicht zu beschleunigen."

Und es stimmt: Vor allem die Hauptstadt Beirut, in den 1960er und 1970er Jahren wegen seines florierenden Bankenwesens und seiner hedonistischen Night-Life-Szene noch als "Paris des Nahen Ostens" geadelt, erlebte in den drei Jahren vor dem Beginn des neuen Libanon-Krieges am Mittwoch vor zwei Wochen einen ungeahnten Bauboom. Viel Geld, das Investoren aus den Öl-reichen Golf-Staaten vor den Terroranschlägen des 11. September 2001 noch in den USA oder Westeuropa investiert hatten, steckten sie seitdem wegen dort vorherrschender antiarabischer Ressentiments ins einstige Bankenzentrum von Nahost.

Erst im Frühjahr kündigte das Abu Dhabi Investment House ein 600-Millionen-Dollar-Projekt im mondänen, nach dem Krieg wieder aufgebauten Beiruter Stadtzentrum an. Geistiger und finanzieller Vater des von teuren Restaurants und Cafés gespickten, seit Kriegsbeginn jedoch ausgestorbenen Nobelviertels Solidere war der im saudi-arabischen Baugeschäft reich gewordene, später zum Nachkriegspremier aufgestiegene Hariri, schon zu Lebzeiten als "Mr. Lebanon" tituliert.

Doch Hariri ist tot, und ein neuer Staatsmann von seinem Format und seinen Kontakten gibt es im Libanon nicht. Erste internationale Ratingagenturen haben schnell auf den Konflikt mit Israel reagiert und das Land bereits zurückgestuft, also die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten schlechter bewertet. Damit muss der hoch verschuldete Libanon für Ausstände noch höhere Zinsen bezahlen.