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Liberale Moschee stößt auf heftige Ablehnung

Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

Politik

Die religiösen Behörden in der Türkei und in Ägypten bezeichnen das Projekt als "unislamisch". Dortige Medien verbreiten Falschmeldungen.


Istanbul. Das Berliner Projekt einer liberalen Moschee der Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hat nicht nur in den westlichen Medien ein starkes Echo gefunden, sondern mit kleiner Verzögerung nun auch in der muslimischen Welt. Die obersten religiösen Autoritäten der Türkei und Ägyptens kritisierten das Vorhaben in scharfer Form als "unislamisch". In der Türkei wird die Moschee zudem als Projekt der verbotenen Gülen-Bewegung bezeichnet. Seyran Ates wies die Kritik als "absurd" zurück.

Die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet schrieb in einer schriftlichen Erklärung, die Berliner Neugründung verletze "die Grundsätze unseres heiligen Glaubens" - ohne diese konkret zu benennen. Die Behörde unterstellt, dass das Moscheeprojekt die Religion "untergraben und zerstören" solle.

In dem neuen Gotteshaus beten Frauen und Männer nebeneinander, während sie in traditionellen Moscheen getrennt sitzen. Das erste Freitagsgebet leiteten ein Mann und eine Frau gemeinsam, wobei die Imamin kein Kopftuch trug. Vermutlich sind es diese Merkmale, die in der türkischen Religionsbehörde als "unislamisch" empfunden werden.

Gleichzeitig bringt Diyanet die Neugründung aber auch mit den mutmaßlichen Urhebern des gescheiterten Militärputsches vom Juli 2016 in Verbindung, nämlich der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen, der in der Türkei immer wieder auch als "Fetö" bezeichnet wird.

Die unterstellte Gülen-Verbindung geht offensichtlich auf einen Falschbericht des regierungsnahen türkischen TV-Senders AHaber zurück, der für seine "fake news" berüchtigt ist. AHaber hatte darin ein Bild von Seyran Ates zusammen mit dem Freiburger Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi gezeigt, der aber fälschlicherweise als Ercan Karakoyun, Vorsitzender der deutschen Gülen-nahen Stiftung "Dialog und Bildung", bezeichnet wurde.

AHaber bezeichnete das Moscheeprojekt auch gleich als "Verrat"; wieder einmal zeige Deutschland sein "schändliches Fetö-Gesicht". Zahlreiche regierungsnahe Medien griffen den Bericht sofort auf. Die auflagenstarke "Sabah" etwa schrieb vom "liberalen Moschee-Wahnsinn". Und das Revolverblatt "Star" meldete zu Unrecht, dass in der "Fetö-Kirche" Frauen mit Kopftuch keinen Zutritt hätten.

"Das ist alles totaler Blödsinn der türkischen Lügenpresse", kommentierte die Frauenrechtlerin die Berichte. "Was wir machen, ist der Gülen-Bewegung doch ebenfalls zutiefst suspekt. Ich finde es absurd, dass die türkische Regierung auf solche Falschberichte anspricht." AHaber hat nicht einmal davor zurückgeschreckt, in dem Fernsehbeitrag zur Illustration einen Koran auf den Boden zu werfen und darauf herumzutrampeln. "Das würde ich nie tun, ich bin doch nicht verrückt!", sagte Ates.

Auch in der arabischen Welt schlug das Ereignis Wellen. Laut einem ARD-Bericht schrieb die Fatwa-Behörde in Ägypten, Dar al-Ifta, in einer offiziellen Erklärung auf Facebook mit dem Titel "Nein zur Verletzung der religiösen Grundlagen - nein zur liberalen Moschee", dass das Gebetshaus unmöglich als Moschee anerkannt werden könne.

Auch Dar al-Ifta argumentiert mit Verstößen gegen das islamische Recht, wie zum Beispiel das Gebot für Frauen, beim Gebet ein Kopftuch zu tragen: "Bei Verletzung dieser Vorschrift wird das Gebet ungültig." Besonders stößt sich die ägyptische Behörde an der Tatsache, dass Frauen und Männer in der Moschee nebeneinander beten.

Seyran Ates sagt, offenbar wirke die bloße Existenz ihres Moscheeprojekts als Provokation. "Man kann jetzt klar sehen, welche Gesinnung diese offiziellen Behörden haben. Sie argumentieren aus ihrer Machtposition heraus, nicht religiös und inhaltlich, denn sonst müssten sie sich damit auseinandersetzen, dass wir zeitgemäß lebenden Muslime uns auch eine zeitgemäße Religiosität wünschen. Ich suche nach Texten, in denen sie sich ebenso kritisch mit dem IS oder Al-Kaida auseinandersetzen, aber die finde ich nicht. Sie gehen der Auseinandersetzung aus dem Weg. Aber das heißt auch, dass jetzt jeder genau sehen kann, wo sie stehen."