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Licht in der Krise

Von Werner Pfenningberger

Gastkommentare
Werner Pfenningberger ist Redakteur bei der katholischen Monatszeitschrift "Feuer und Licht".

Die Krise kann ein frischer Wind sein, der den Blick auf das Wesentliche freimacht.


Hoffnung wächst aus der Vorstellungskraft. Die inneren Bilder, die wir von der Zukunft entwerfen, rufen in uns Sehnsucht hervor, und die wiederum gibt uns Kraft voranzuschreiten. Wir sind allerdings nicht frei, einfach Bilder einer Zukunft zu entwerfen, so wie wir es wollen. Also, entwerfen können wir sie schon, aber Kraft geben sie nur, wenn sie der Wirklichkeit in gewissem Maße entsprechen. Man nennt das die "Askese des Realen".

Wir entwerfen diese Bilder auch nicht nur aus uns heraus. Eine ganze Industrie ist damit beschäftigt, Bilder in uns zu pflanzen, Sehnsüchte hervorzurufen und unser Handeln zu beeinflussen. Von der Werbung über die Erwachsenenbildung bis hin zur Gesundheitsvorsorge - wir sind unzähligen Bild- und Sprachattacken auf unsere Vorstellungswelt ausgesetzt, die unser Verhalten in eine gewisse Richtung leiten möchten.

Ein Wort beschreibt gut, was in dieser Zeit allen Zukunftsplänen ihre Färbung gibt: Krise. Krise heißt nichts anderes als: Gefahr! Der Wohlstand des Abendlandes ist bedroht! Diese etwas düstere Färbung unserer Vorstellungswelt gibt natürlich wenig Hoffnung und damit wenig innere Kraft zum Handeln. Das Vertrauen in die Wirtschaft nimmt ab.

In einem gewissen Verzweiflungsakt wird noch einmal kräftig konsumiert, bevor der Euro seinen Wert verlieren soll. Eine geschickte Werbestrategie? Ich habe zu wenig Ahnung von Wirtschaft, um das beurteilen zu können. Dass etwas nicht stimmt, dass wir Wege gehen, die nicht richtig sind, kann man jedenfalls sehen. Aber ist das wirklich neu? Es ist nicht neu! Neu ist nur, dass Konsequenzen sichtbarer werden.

Wer Augen hat zu sehen, der hat es schon vorhergesehen, weil er nicht vom Augenschein ausgeht, sondern die Dinge nach ihrem Wesen beurteilt. Wer den Dingen auf den Grund geht, kommt sonderbarerweise immer in Konflikt mit dem Mainstream. Wenn alles gut geht, alle zufrieden sind, sieht er die Gefahr heraufziehen. Ist die Krise da, erkennt er die Lebenskraft, sie zu überwinden. "Wo die Gefahr am größten, wächst das Rettende auch", sagt Friedrich Hölderlin.

Widrigkeiten sind nicht unbedingt schädlich, im Gegenteil. Durch Belastung stärken sich Muskeln und Gelenke, selbst die Knochen werden härter. So ist es bei allem Lebendigen. Sicherlich, es gibt ein Ausmaß von Erkrankung, bei dem gute Medizin und Ruhe vonnöten sind. Aber wie krank sind wir nun wirklich? Stehen wir vor einer Krise zum Tod oder einer Krise zum Leben?

Hoffnung ist eine Tugend, "virtus" auf Latein, eine Kraft, die in unserer Verantwortung liegt. Hoffnung nährt sich nicht von vorbeifliegenden Brathähnchen, sie verkümmert im Schlaraffenland. Sie nährt sich von Sehnsucht, vom Entwurf einer wertvollen Welt, von Schönheit. Die Überfülle von Ramsch und Glitter ermüdet unseren Geist. Die Krise kann ein frischer Wind sein, der den Blick auf das Wesentliche freimacht. Das Wesentliche? Es wäre nicht so schwer zu finden. Die Hoffnung sagt uns, wo es ist: Es liegt vor uns.