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Licht und Schatten im Fjordenland

Von Christoph Rella

Europaarchiv
In Teilen Norwegens herrscht zwischen November und Februar Dunkelheit - das schlägt sich aufs Gemüt.
© © © Jon Hicks/Corbis

Norwegen ist ein Land der Gegensätze. | Regierung wegen Verboten in Kritik. | "Ich darf aber den König beleidigen."


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Wien/Oslo. Von November bis Februar herrscht in Norwegen Dunkelheit. Nur wenige Stunden am Tag zeigt sich in den kalten Winterwochen die Sonne am Horizont. Dafür strahlt sie sommers nahezu Tag und Nacht vom Himmel. Dabei ist Norwegen nicht nur meteorologisch und naturlandschaftlich ein Land der Extreme. Auch in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gab es immer schon - zumindest vor den Attentaten vom 22. Juli - heftige Wechsel von Licht und Schatten.

Manifestiert hat sich das Hin und Her zwischen Libertät und Konservatismus, das man auch als Identitätssuche bezeichnen könnte, in einer Kultur biedermeierlichen Zuschnitts, wo zwar immer mehr reglementiert und verboten ist, das Verbotene dafür aber mit umso mehr Raffinesse umgangen wird. So wird etwa das Trinken von Alkohol in Norwegen sowohl von der protestantischen Staatskirche als auch vom Gesetzgeber nicht gerade erleichtert. Die einen verbieten es der Sünde wegen, die anderen, um die Zahl der Winterdepressiven nicht allzu rasch dem Alkohol anheim fallen zu lassen. Allerdings ist die Idee, Alkoholika stärker zu besteuern und mit Ausnahme von Bier nur noch in staatlichen Abgabestellen (Vinomonopolet) gegen Vorlage eines Ausweises zu verkaufen, in jüngeren Bevölkerungskreisen gar nicht beliebt.

Trinken mit "Nachspiel"

Die Reaktion: Es wird trotzdem getrunken - und meistens zu Hause. Um Kosten zu sparen wird im Rahmen des "Forspiel" mit selbst gepanschtem Alkohol oder billigem Bier aus dem Supermarkt "vorgeglüht", bis es dann gegen Mitternacht ins Pub zum Tanzen geht. Dort lässt das Budget bei Krügelpreisen um die 8 Euro meistens nur eine Konsumation zu. Um nicht den bösen Blicken der sonntagmorgendlichen Kirchengeher ausgesetzt zu sein, zieht sich die Jugend schließlich ins traute Heim zurück. Zum - erraten - "Nattspiel".

"Wir haben schon das Gefühl, dass uns der Staat unsere Freiheiten wegnimmt", findet die Norwegerin Hilde S. aus Südnorwegen. "Es gibt nur Schwarz und Weiß, und die Verbote werden täglich mehr." So sei angeblich ein Gesetz geplant, wonach den Bürgern das Rauchen im eigenen Haus nicht mehr gestattet sein soll. Gleichzeitig genieße sie aber in Norwegen volle Meinungsfreiheit. "Ich darf in aller Öffentlichkeit unseren König beleidigen und würde nicht festgenommen", wundert sich die 34-Jährige. Daran, dass das neue Tabakgesetz etwas an den Gewohnheiten der Norweger ändern würde, glaubt sie nicht: "Die Leute werden trotzdem rauchen, aber wie immer geheim."

Aber nicht nur wegen ihrer Alkohol- und Tabakpolitik steht die Osloer Regierung unter Druck. Denn anstatt Geld für kaputte Straßen und das Gesundheitssystem in die Hand zu nehmen, regiere der Sparstift - und das, obwohl das schuldenfreie Land aus dem Erdölgeschäft Milliardengewinne einstreift. Wer allerdings glaubt, dieser Überschuss schlage sich positiv auf den lokalen Benzinpreis nieder, der irrt. Die Kosten pro Liter sind so hoch, dass nahezu jeder Lenker gezwungen ist, von Beifahrern und Autostoppern einen Benzinbeitrag einzuheben. Zur Begleichung von Straßen- und Tunnelmauttarifen werden oft zusätzliche Fahrgastentgelte eingefordert.

Das Argument, dass die norwegische Regierung das Geld für spätere Generationen ansparen möchte, lässt Hilde S. nicht gelten. "Erst kürzlich sind in meiner Gegend zwei Krankenhäuser zugesperrt worden", sagt die Krankenschwester. "Auf der einen Seite ist genug Geld da, auf der anderen Seite wird es nicht ausgegeben, obwohl es notwendig wäre, das versteht doch niemand."

Zwei offizielle Sprachen

Die Frage, ob ihr Land, früher Kolonie Schwedens und Dänemarks, unter Minderwertigkeitskomplexen leide, verneint die Norwegerin bestimmt. "Wir sind stolz auf unser Land, wir haben gute Sportler und auch sonst vieles erreicht", sagt sie. So sei unter anderem der Lebensstandard in dem Atlantikstaat heute weit besser als in Schweden oder Finnland. "Viele von denen kommen auch zu uns arbeiten."

Auch gegen Immigranten aus Asien oder Afrika hat die 34-Jährige nichts. Eine Arbeit sollten sie allerdings schon haben, "und die Sprache lernen", wie sie betont. Zumindest Letzteres könnte für den einen oder anderen irgendwann schwierig werden: Denn eine einheitliche norwegische Sprache gibt es nicht. So muss sich der Zugezogene entscheiden, ob er das gehobene "Bokmal" oder den ebenso weit verbreiteten Provinzdialekt "Nynorsk" erlernt. An den dunklen Winter und lichten Sommer wird er sich ohnehin gewöhnen müssen.