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Lichtjahre von den Mördern entfernt

Von WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein

Politik

20 Jahre nach dem Völkermord haben viele Junge keine Lust auf Volkstrauer und Depression.


Eine neue Generation: Augustin, Amri, Mouna, Celestine und Josh blicken lieber auf die Gegenwart und die Zukunft anstatt auf die blutige Vergangenheit.
© Schlindwein

Kigali. Vier Worte in weißer Farbe, gemalt auf zwei Autoreifen, markieren die Hofeinfahrt: Hoffnung, Träume, Liebe, Leben. "Das Leben ist eine Reise und dies ist unser Motto", erklärt Augustin Hakizimana. Der 25-jährige Künstler steht im verwilderten Garten der Kunstwerkstatt "Uburanga" und grundiert eine Leinwand. Sein Kittel, sein Gesicht, seine langen Rastalocken sind mit kunterbunten Farbklecksen bedeckt. Er lacht ein unverschämt fröhliches Lächeln.

Die Uburanga-Kunstwerkstatt liegt versteckt in einem Mittelklasse-Wohnbezirk auf einem der zahlreichen Hügel von Ruandas Hauptstadt Kigali. Augustin und seine Künstlerfreunde haben sich hinter den hohen Mauern eine eigene Welt erschaffen, eine Art Villa Kunterbunt: Die Baumstämme im Garten haben farbige Kringel, Skulpturen aus Schrott und Eisenwaren stehen dazwischen. Der Ort dient mitunter als Laufsteg für Modeschauen, als Kulisse für Kurzfilme oder als Treffpunkt für Jung und Alt, um rund um das Lagerfeuer auf traditionelle Art Gedichte und Geschichten vorzutragen. "Das Hoftor steht jedem offen", sagt Augustin. Er selbst hat sich mittlerweile als Ruandas berühmtester Künstler international einen Namen gemacht.

Die Alpträume sollen draußen bleiben

Celestine Ntawirema ist 30 und der geborene Überlebenskünstler. Seine Eltern und Geschwister wurden während des Völkermordes 1994 getötet. Er wuchs als Straßenkind auf, hat erst spät eine Schule besucht. Celestine tanzt bei Hochzeiten und Staatsempfängen traditionelle Tänze, schreibt Gedichte und Kurzgeschichten auf seinem Blog und produziert Kurzfilme.

Der 23-jährige Amri Mbera studiert Ingenieurwesen und hat schon zwei Firmen gegründet. In einem Dorf lässt er Pilze anbauen, die er in Kigali an teure Restaurants verkauft.

Die 18-jährige Mouna Dukunde zählt zu Ruandas Top-Models, sie hat vor wenigen Wochen bei der Miss-Ruanda-Wahl teilgenommen, studiert Finanzwesen und will einmal in einer Bank arbeiten. Nebenher arbeitet sie als Hostess bei Investorenempfängen. Sie hat ein umwerfendes Lächeln und strotzt vor Selbstvertrauen.

Der 23-jährige Josh Kubkiayo modelt in Amris Agentur. Josh ist in Uganda aufgewachsen, er kam erst vor zwei Monaten in seine Heimat zurück. Wie so viele im Exil geborenen Ruander kann er mit dem ganzen Genozid-Kram nichts anfangen.

Augustin, Celestine, Mouna, Amri und Josh sind in einem Ruanda nach 1994 groß geworden. Sie gehören zur neuen Generation, die den Völkermord nicht mehr aktiv erlebt hat, sich zum Teil nicht erinnern kann oder gar erst nach 1994 geboren wurde. Damals ermordeten Milizen der Bevölkerungsmehrheit der Hutu rund 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu.

Die junge Generation heute will leben, lachen, lustig sein. Auch dafür bietet Augustins Villa Kunterbunt hinter den hohen farbigen Mauern Platz. Die Depressionen, die Trauer, die Alpträume - das alles soll draußen bleiben.

20 Jahre lang war in dem kleinen Land im Herzen Afrikas kollektive Volkstrauer angesagt. Das Trauma sitzt noch immer tief. Die jährlichen Gedenkrituale von April bis Juli - die hundert Tage, in welchen die Massaker 1994 geschahen - haben die Erinnerungen immer wieder wachgerufen.

Und auch jetzt kurz vor der 20-jährigen Gedenkfeier ist es nicht einfach, erzählt Amri. Die Stimmung zu Hause sei schrecklich, es gäbe Streit. Der Vater war 1994 Soldat in der Rebellenarmee gewesen, die von Uganda aus einmarschiert war, er habe den Genozid leibhaftig gesehen und das Trauma nie überwunden. Momentan sei es besonders schlimm: "Er trinkt den ganzen Tag", erzählt Amri. Er selbst ist 1992 geboren, hat nur verschwommene Erinnerungen im Kopf: "Bilder von Leichen auf den Straßen, aber ich habe damals nicht verstanden, was da eigentlich passiert", sagt er. Er würde zu Hause Rücksicht nehmen, das Trauma des Vaters verstehen. Doch seine 16-jährige Schwester höre laut Musik, habe keine Lust auf die kollektive Volkstrauer. Es gibt nur Ärger.

Das 18-jährige Top-Model Mouna stimmt dem zu. Sie hatte sich am Wochenende noch einmal schick gemacht, sich ein farbiges Kleidchen angezogen, war in den Nachtclubs unterwegs. Während der 100 Gedenktage werden die Discos geschlossen sein, in den Bars nur gedimmt Musik gespielt. Das nervt. "Ich wollte noch mal ordentlich Spaß haben", sagt Mouna.

WLAN und Bürotürme: Ruanda hat sich rasant entwickelt

Ruandas Jugend steht zudem auf das Internet: Landesweit gibt es in dem kleinen Land WLAN-Abdeckung. Mit ihren Smartphones ist zumindest die Hauptstadtjugend via Facebook und Twitter mit der Welt vernetzt.

Das kleine Land im Herzen Afrikas hat sich in den vergangenen 20 Jahren rasant entwickelt. Wer in Kigali auf den Fußgängerwegen entlang der frisch geteerten Straßen unter den Straßenlaternen spazieren geht, der kann kaum glauben, sich in einem Entwicklungsland zu befinden. In der Innenstadt schießen Bürotürme und Einkaufszentren in die Höhe. Am Stadtrand entstehen Einfamilienreihenhaus-Siedlungen und Industrieparks. Dazwischen gibt es angelegte Parks, Spielplätze und Mülltonnen an jeder Straßenecke.

Zugegebenermaßen, Kigali ist nicht Ruanda. Jenseits der Stadtgrenze leben die Ruander von der Landwirtschaft, ist die Bevölkerung arm und auch die Jugend dort weit weg von Kigalis Großstadtkids. Doch auch das soll sich in Zukunft ändern. Ruandas Regierung hat den Entwicklungsplan "Vision 2020" aufgesetzt. Kigali wird nach einem Masterplan radikal grundsaniert. Man kann das Regime unter Präsident Paul Kagame als Entwicklungsdiktatur beschreiben.

Das Land versucht sich neu zu erfinden, das Image von Blut und Leichen loszuwerden. Dies geht einher mit der Konstruktion einer neuen Identität: Heute darf sich niemand mehr offiziell als Hutu oder Tutsi bekennen, heute sind einfach alle nur noch Ruander.

Die junge Generation soll diese Idee von einem neuen Ruanda leben - jenseits der ethnischen Teilung. Doch tut sie das auch? Die fünf Freunde nicken zustimmend. "Bei uns ist es total egal, welcher Ethnie die Freundin angehört, solange man sich liebt", sagt Augustin. Doch auch hier gibt es dann Streit mit den Eltern. Augustin erzählt, wie Hutu-Milizen seiner hochschwangeren Schwester 1994 das Baby aus dem Leib geschnitten hätten. Die Mutter sei bis heute nicht darüber hinweg. Der Hass sitzt tief. "Sie wollte nie wieder einen Hutu im Haus haben und dann entschied sich mein Bruder zu ihrem Entsetzen, seine Hutu-Freundin zu heiraten", sagt er. Die Mutter sei nicht zur Hochzeit gekommen. Um das neue Ruanda zu leben, entferne sich die Jugend weit von ihren Eltern. In der Villa Kunterbunt haben sich diese Jugendliche eine eigene kleine Familie gebastelt.

"Wir waren alle arm und elternlos"

Der 30-jährige Celestine ist ihre Leitfigur. Er ist selbst Waise, hat in seinen Freunden eine neue Familie gefunden. "Wir wissen oft gar nicht, wer welcher Ethnie zugehört", sagt er und erzählt von seiner Jugend im Waisenhaus. "Dort lebten wir Tutsi-Kinder, deren Eltern getötet wurden, zusammen mit Kindern der Hutu-Täter, deren Väter im Gefängnis saßen - wir waren alle arm und elternlos, wir Kinder waren alle gleich", erzählt er. Und Augustin, der Maler mit den Farbklecksen und dem Lächeln im Gesicht, sagt: "Wir sind von den aufgehetzten Jugendbanden, die 1994 mit Macheten durch das Land zogen, Lichtjahre entfernt."