Zum Hauptinhalt springen

Liebe Grüße aus der Hölle

Von Alexandra Zawia

Reflexionen
Ob realer "Dark Tourism" nach Tschernobyl oder fiktiver in "Jurassic World": Leid und Gefahr ziehen an - und sei es nur, um die eigene Komfortzone zu bestätigen.
© Corbis/Zuma Press/Michael F. Rothbart, Universal Pictures

Reisen zu Schreckensorten, das nennt man "Dark Tourism". So etwas gibt es nicht nur im Film "Jurassic World".


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Schon einmal in Erwägung gezogen, den Sommerurlaub auf der Isla Nublar zu buchen? Dort, unweit von Costa Rica, gibt’s Dinosaurier, einen riesigen Vergnügungspark und: viel Gefahr - oft sogar mit tödlichem Ausgang!

Eine rein theoretische Überlegung natürlich.

Die Isla Nublar existiert nur in Michael Crichtons Roman "Jurassic Park" und in den mittlerweile vier Verfilmungen, von denen die aktuelle, "Jurassic World", momentan im Kino läuft.

Macht nichts, es gibt weltweit genug andere Schreckensorte, die man besuchen kann. "Dark Tourism" nennt man, was vor allem in jüngster Zeit wieder zum Reisetrend wurde. Man bezahlt, um dem Risiko, gerne auch dem Tod ganz nah zu sein, freilich aus einer Sicherheit heraus. Man will ja schließlich nicht in echt sterben, nur "ganz authentisch" fühlen, wie es sein könnte.

Urlaubsfahrt ins Elend

Auf zu den Wellblechhütten eines Townships in Kapstadt oder in eine Favela also. Die schlimmen hygienischen Zustände bemitleiden und den Kindern lieber keine Zuckerl schenken, weil: schlecht für die Zähne; darüber hinaus gekonnt in keine Drogenschießerei geraten, denn "die Führung endet hier". Oder doch zur Villa Grimaldi in Santiago de Chile, wo Oppositionelle der Pinochet-Diktatur gefoltert wurden. Vielleicht lieber in die Sperrzone rund um den Atomreaktor von Tschernobyl oder zur Mauer zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland. Auch beliebt: Auschwitz, Hiroshima, Alcatraz. Danach zu den Killing Fields in Kambodscha, ins Kigali Genocide Center in Ruanda oder das Hoa-Lo-Gefängnis in Vietnam und, nicht zu vergessen, die Cu-Chi-Tunnel, inklusive anschaulicher Führung durch die brutalen Todesfallen, als wäre gerade noch Krieg.

Auf den ersten Blick scheint es bizarr, dass ausgerechnet eine Industrie, die dem Vergnügen verschrieben ist, Reisen in Konzentrationslager organisiert, an Kriegsschauplätze, zu den zerstörten Orten nach Naturkatastrophen. Liegt darin die Möglichkeit, schmerzvolle Erinnerungen und Traumata zu bewältigen? Oder bedient diese Art von Reise nur die Lust am Voyeurismus, schürt die Ausbeutung, fördert die Heuchelei? Die Berührungsängste gegenüber vergangenen Gräueltaten nehmen offenbar ab, während das Interesse an präzisen Informationen und historischen Hintergründen steigt.

Thanatourismus - abgeleitet vom griechischen Wort "thanatos" für "Tod" - aber ist kein neues Phänomen und auch Literatur gibt es darüber zuhauf. Auch den Armutstourismus, "Slumming" genannt, gibt es dokumentiert seit dem 19. Jahrhundert, als wohlhabende New Yorker durch die Armenviertel der Stadt schlichen, um zu schauen, wie es sich denn auf der anderen Seite so lebt. Auch Filme wie "Slumdog Millionaire" oder "Tropa de Elite" kurbeln derartige "Schauplatz"-Besuche heutzutage immer wieder an.

Beides Formen des "Dark Tourism", sind diese extremen Reiseunternehmungen aber nicht (nur) moralisch zu verwerfen. Im akademischen Diskurs seit fast 20 Jahren nun analysiert, fächert sich das Phänomen stetig weiter auf, statt dass es sich genau kategorisieren ließe. Vom ökonomischen Wert für betroffene Länder über die Sinnhaftigkeit der künstlichen Produktion von "Erlebbarem", vom aufklärerischen Nutzen bis zur soziologisch plausibel gemachten Konsequenz menschlicher Abstumpfung, wie sie auch durch die Medien sowohl gefördert als auch verurteilt wird, kann man über den "Dark Tourism" zumindest eines mit Sicherheit sagen: Er hat viel mehr mit dem - aktuellen - Leben zu tun als mit dem Tod.

Im Gegensatz zu Township-, Tsunami-, Kriegs-, und Slumtourismus bleibt vor allem der Gedenkstätten-Tourismus ohne soziokulturelle Auswirkungen auf die Bevölkerung und dient viel offensichtlicher einer guten Sache. Dennoch sind auch Gedenkstätten immer eine Frage der Politik, schon alleine, weil natürlich die Täter großes Interesse daran haben, dass es keine Gedenkstätte gibt. Den Opfern allerdings einen Ort des Gedenkens zu verweigern, ist nur neuerlich grausam, denn unbestritten ist: Trauer braucht einen Ort, an dem man sie in gewisser Weise verankern und sich von dort allmählich distanzieren kann.

Dickens sieht eine Enthauptung

Doch beim "Dark Tourism" geht es nicht nur um Trauer.

In der Antike schon haben etwa im ägyptischen Tal der Könige die Besucher gerne ihre Namen in Grabsteine eingeritzt, unter denen sie Berühmtheiten wähnten, und in Frankreich erschien der erste "Michelin"-Reiseführer zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bereits 1917 - also noch während der Kriegshandlungen. Charles Dickens gehörte zu den bekennenden "Dark Tourists", als er während eines Romaufenthalts im Frühjahr 1854 die öffentliche Exekution eines Raubmörders auf keinen Fall verpassen wollte und seine Beobachtungen in der Reportage "Death by Guillotine" (in "Pictures from Italy", 1846) sehr genau beschreibt: Die Jahrmarktstimmung, das merkantile Treiben der Zigarren- und Naschwarenverkäufer rund um die Guillotine - bis schließlich der abgetrennte Kopf des Raubmörders vom Scharfrichter geschickt in einem Lederbeutel aufgefangen wird. "Niemand war sonderlich beeindruckt, es gab keine Reaktionen, die auf Empörung, Mitleid, oder Trauer hinwiesen", resümiert Dickens. Freilich wirkte die Erzählung in ihrer knappen Dramaturgie und der lakonischen Erzähltechnik umso erschütternder.

Vielleicht kennt man aus eigener Erfahrung das seltsame Gefühl, das einen in den endlosen Wegen von Auschwitz beschleicht, die überall von Imbissständen gesäumt sind. Die Baracken übrigens, und solche Informationen erfährt nur, wer ausdrücklich nachfragt, wurden "zur Veranschaulichung" nachgebaut. Was daran zusätzlich verstört, ist die Tatsache, dass diese Information nirgends ausgewiesen ist.

Die didaktische Aufarbeitung von "dunklen Epochen" für nachkommende Generationen, die es "besser" machen sollen, bleibt eine Gratwanderung zwischen Vermittelbarkeit und (notwendiger) Befriedigung von Sensationslust. Eine grundsätzlich kritische Haltung weiterzugeben könnte hier der wichtigste Aspekt sein.

Im Spiegelbild die Hybris

Wenn im Film "Jurassic World" die Köpfe rollen, dann "natürlich" als Spektakel inszeniert und, schon klar, das ist Kino, hier geht es um Dinosaurier, also: "Eh nicht echt." Dennoch spielt gerade dieser Film auch mit der Idee, wozu der Mensch - also auch jeder Zuseher - fähig ist. Lenkt Regisseur Colin Trevorrow hier den Blick tief in das weit aufgerissene Maul dieser künstlich gezüchteten, genmutierten Schreckenssaurier, dann ist das durchaus auch als Spiegel für die hässliche menschliche Hybris gemeint.

Der schlechte Kultur-Mainstream freilich betreibt selbst oft genug Thanatourismus, und es gibt allein schon zu viele Filme, die schreckliche Ereignisse nicht diskutieren, sondern genüsslich aus einer Komfortzone heraus abhandeln. Fast ist es, als würden sie aus dem klimatisierten Luxusbus auf das Leid der Welt blicken. Dennoch ist auch die moralische Entrüstung, die vor allem medial kreiert wurde, seit die ethische Diskussion über das Thema (übrigens bereits bei Madame Tussauds) vervielfältigt und weit verbreitet werden konnte, kritisch zu hinterfragen.

1921 hatte der zutiefst empörte Karl Kraus den Schlachtfeld-Tourismus als "Reklamefahrt zur Hölle" verflucht und wenig scheint diese Kritik bewirkt zu haben, zieht man den Boom in Betracht, den der "Dark Tourism" gerade heutzutage wieder verzeichnen kann.

Fühlt man sich in dieser Welt vielleicht nur noch sicher, wenn man in dafür explizit ausgewiesenen Zonen steht? Ist besser, wer dafür bezahlen kann, um zu sehen, wie es anderen schlechter geht? Spürt man Sicherheit nur noch in der direkten Gegenüberstellung mit der Gefahr und wenn man dem Tod so nah kommt als möglich?

Nicht zwingenderweise, könnte man meinen, wie sonst ist es zu erklären, dass viele sich zum Beispiel angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme vor ihrer Haustüre völlig blind stellen? Ja wie - außer mit der menschlichen Hybris?