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Lieber raus ins Freie

Von Matthias G. Bernold

Politik
Öffentlicher Raum soll nicht nur zum Shoppen verwendet werden, das bringt laut Experten auch mehr Wohnzufriedenheit.
© xraum

Urbanize Festival: Architekt warnt vor Individualisierungs-Tendenzen.


Wien. Durchwegs unterschiedliche Rezepte für die Zukunft des Wohnens gab es bei einer Podiumsdiskussion am Montagabend im Rahmen des Urbanize Festivals im Wiener Architekturzentrum zu hören. "Es geht darum, dass man die Leute aus den Wohnungen zurück auf die Straße bringt", erklärte Architektin Anna Popelka vom Wiener Büro PPAG: "Nach 200 Jahren des Rückzugs ins Private begreifen die Leute den öffentlichen Raum wieder als etwas, das ihnen gehört. Als etwas, das mehr als nur zum Shopping verwendet werden soll."

Abgesehen von diesem Wendepunkt, glaubt die Architektin, seien die Voraussetzungen für Wohnzufriedenheit seit langem bekannt: Licht, Grünraum, ausreichend Platz, eine Verbindung zum öffentlichen Raum. Architekten wie Harry Glück mit dem Wohnpark Alt Erlaa hätten bereits in den 1970er Jahren nach diesen Grundsätzen gebaut. "Ich wundere mich, dass so etwas nur selten verwirklicht wird und dass man so etwas immer noch als Wohntyp der Zukunft bezeichnen muss."

Während sich Popelka, die derzeit an einem Wohnprojekt in der Seestadt Aspern arbeitet, einem Wohnbau verpflichtet fühlt, der auf die individuellen Bedürfnisse seiner Bewohner abstellt und sich flexibel an deren wechselnde Bedürfnisse anpassen kann, geht der Wiener Architekt Michael Klein einen anderen Weg. Klein, der an der TU Wien lehrt und forscht, erinnert an die erfolgreichen Anfänge des sozialen Wohnbaus in Wien und rät zur "Vorsicht bei Individualisierungs-Tendenzen: "Wir sollten die fortschreitende Fragmentierung der Gesellschaft nicht auch im sozialen Wohnbau nachbilden oder gar weiter treiben."

Der Wiener Sozialbau als technisierte, rationalisierte und standarisierte Architektur ließe zwar weniger Raum für Lifestyle-Aspekte und Wohnen als soziales Distinktionsmerkmal. Aber es sei dadurch seit den 1920er und 1930er Jahren gelungen, Wohnungen den Warencharakter zu entziehen. Aufgrund dieses Erbes sei die Situation am Wiener Wohnungsmarkt heute so viel sozial verträglicher als in anderen europäischen Städten, wo die Mietpreise in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt seien. Für Klein sei es höchste Zeit, sich in Wien vom Neubau hin zum Umbau zu orientieren. "Es kann nicht die Lösung sein, die Fläche der Stadt ständig zu erweitern, um Raum für mehr Bewohner zu schaffen", sagt Klein: "Wir müssen wieder auf kleinere Wohnformen umsteigen."

Das Stadtforschungs-Festival Urbanize findet noch bis Sonntag in Wien statt. Neben Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und der Ausstellung Park! Platz! Play! im Hundsturm in Margareten gibt es zahlreiche Interventionen und künstlerische Aktionen an verschiedenen Orten in der Stadt.