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Liebestöter aus dem Mund

Von Wolfgang Kappler

Wissen

Morgenstund - Geruch im Mund. Mit dem ersten Schluck Kaffee und dem Schrubben der Zähne verflüchtigt sich der üble Odem zwar meist, aber längst nicht bei jedem. Je nach Quelle leiden zwischen 25 und 50 Prozent der Menschen in hiesigen Breiten zu unterschiedlichen Tageszeiten an Mundgeruch, zwischen sieben und zehn Prozent sogar dauerhaft. Oft merken es die Betroffenen selbst nicht einmal, andere schämen sich und tabuisieren das Thema. Aus Höflichkeit wird man solch einen Freund oder Bekannten kaum darauf hinweisen: "Du riechst aus dem Mund". Eher schon ist man geneigt zur dezenteren Frage: "Hast Du's mit dem Magen?"


Dabei spielt der Verdauungstrakt bei der Entstehung von Mundgeruch nur eine untergeordnete Rolle. Denn in 90 Prozent aller Fälle entsteht der Geruch tatsächlich im Mund. Doch hartnäckig hält sich die Ansicht, dass hauptsächlich Erkrankungen des Magens Ursache für Mundgeruch seien. "Dies erklärt auch, warum ein großer Anteil der Patienten, die unsere Mundgeruchssprechstunde aufsuchen, bereits eine oder mehrere Magenspiegelungen über sich haben ergehen lassen", sagt Dr. Rainer Seemann vom Zentrum für Zahnmedizin der Berliner Charité.

Solche Spezialsprechstunden gibt es inzwischen an immer mehr zahnmedizinischen Universitätskliniken und auch niedergelassene Zahnärzte verstehen sich zum Teil als Mundgeruch-Praxis. Sie verzeichnen eine zunehmende Zahl von Patienten. "Dies dokumentiert einerseits den enormen Bedarf seitens der Bevölkerung, zeigt aber auch, dass mit einer solchen Spezialsprechstunde die Hemmschwelle überwunden werden kann, mit einem Arzt oder Zahnarzt über Mundgeruch zu sprechen", sagt Dr. Andreas Filippi, Universität Basel.

Ursache für Mundgeruch sind Bakterien, die organische Substanzen aus Speichel, Nahrungsresten, abgestorbenen Zellen oder Blut zu flüchtigen chemischen Verbindungen abbauen: Schwefelwasserstoff (Geruch von faulen Eiern), Dimethylsulfid oder Propionsäure (Geruch von Erbrochenem), Buttersäure (Geruch nach ranziger Butter oder Schweiß). Da die Fäulnisbakterien in der Mundhöhle viele Verstecke vorfinden, wird der Zahnarzt alte Füllungen, Zahnzwischenräume, Kronen, Zahnfleisch und vor allem die Zunge kritisch begutachten und Fremdkörper entfernen oder Schlupflöcher versiegeln.

Findet er nichts, wird er den Patienten an einen HNO-Arzt verweisen. Denn: "Fremdkörper, vor allem in der Nase oder in den Nasennebenhöhlen sind gar keine so seltene Ursache für Mundgeruch, weil sie auch Bakterienschlupfwinkel sind. Man entfernt sie wenn möglich direkt mit dem Endoskop oder auf operativem Wege", sagt Dr. Benno Raddatz aus Durmersheim. Häufig finden Ärzte eine Störung im Gleichgewicht der biologischen Mikroflora von Mund, Nase, Rachen und Verdauungstrakt, insbesondere nach Behandlungen mit Antibiotika oder Cortison, Verletzungen und Operationen.

Wenn die Ursache doch nicht im Mund ist

Mundgeruch kann dann nur durch die Wiederherstellung eines für Bakterien und Pilze gleichermaßen freundlichen und harmonischen Klimas beseitigt werden. Mundgerüche können aber auch Hinweise auf andere Erkrankungen liefern. Leberschäden lösen zum Beispiel einen mäuseartigen Geruch aus und Diabetiker riechen häufig nach Aceton. Wenn die Nieren nicht mehr richtig arbeiten, gehen Stoffe, die eigentlich in den Harn gelangen sollten, ins Blut und letztlich über die Lungen in die Atemluft. Dann riecht es nach Urin. Bei einem übersäuerten Magen ist manchmal der Geruch von saurer Milch wahrnehmbar.

Die Geruchsquellen-Suche erfolgt bei Experten durch Blickdiagnose, den Einsatz elektronischer Spürnasen (Halimeter), Fragebögen und mikrobiologischen Untersuchungen. Die Behandlung richtet sich letztlich nach der Ursache, deren Aufspüren oft die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachärzte erforderlich macht.

Auch wenn zur Mundgesundheit ein frischer Atem gehört, so reichen Zahnpasten, Spülungen, Kaugummis, Pastillen und Sprays oft nicht aus. Wer sich ausschließlich auf deren vertuschende Wirkung verlässt, riskiert möglicherweise ernsthaft krank zu sein oder zu werden. Darin liegt auch die Gefahr einer Erfindung des Siemens-Konzerns: Die nächste Handy-Generation soll mit einem Mini-Sensor ausgestattet sein, der auch Mundgeruch aufspürt.

Vorbeugend gegen Mundgeruch hilft eine gute Mundhygiene, wobei auch die Zunge besonders berücksichtigt werden sollte. Zungenreiniger gibt es in allen Apotheken und Drogeriemärkten. Der Effekt lässt sich in der Regel unmittelbar beurteilen. Unterstützend können auch antibakterielle Mundspüllösungen eingesetzt werden.