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Liegt Amsterdam denn bei Berlin?

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Nicht jeder mag Amsterdam. Nicht jeder mag Potsdam. Wer aber beides mag, kommt im "Holländischen Viertel" nahe Berlin auf seine Kosten. Wie kommt Amsterdam hier her? | Wer im Norden der Potsdamer Altstadt durch die Gassen schlendert, dem kann es schon passieren, dass er sich plötzlich in einer anderen Zeit und an einem völlig unerwarteten Ort wieder findet.


Was ihn umgibt, ist reiner holländischer Spätbarock aus dem 18. Jahrhundert. Was er fühlt, ist Amsterdamer Flair, wie im Jordaan, einem malerischen Backsteinviertel in der niederländischen Hauptstadt.

In diesem Viertel wohnten ein Zimmermann, seine Frau und seine Kinder. Jan, der ältere Sohn, der das Handwerk vom Vater lernte, war so tüchtig, dass er auch die Lizenz zum Häuserbauen erlangte. Kaum 26 Jahre alt geworden, ereilte ihn ein Ruf aus dem fernen Potsdam, der Residenzstadt des noch jungen Königreiches Preußen.

Der als "Soldatenkönig" bekannt gewordene Pazifist, König Friedrich Wilhelm I, der Vater des modernen Preußens, wollte seinen Staat nicht nur militärisch ausbauen, sondern auch merkantilisch. Die wegen ihrer handwerklichen Kunst geschätzten Holländer wollte er mit Privilegien und geeignetem Wohnraum in seine Residenz an der Havel locken. Deshalb beauftragte er Jan mit dem beziehungsvollen Namen Bouman, eine kleine Stadt in der Stadt zu errichten, in der sich dessen holländische Landsleute wie daheim fühlen sollten.

Jan Bouman, der in Preußen zu Johann Boumann mutierte, musste das dafür vorgesehene Land - ein einziger Sumpf - erst einmal trockenlegen. Hier kamen ihm freilich seine heimatlichen Erfahrungen mit dem Bau von Grachten, windbetriebenen Pumpmühlen und Bassins zugute.

Und dann errichtete er zwischen 1733 und 1740 ganze 134 (!) Backsteinhäuser, deren Giebel und Verzierungen jeweils einzigartig sind und einander niemals gleichen.

Entstanden war ein Bauensemble, das bis heute einzigartig in Europa ist. Nirgendwo außerhalb der Niederlande gibt es eine so geschlossene und stilreine holländische Siedlung. Zwar kamen bei weitem nicht so viele Handwerker wie erhofft, doch das Wohnquartier war attraktiv, so dass sich auch Offiziere, Wissenschafter und Handwerker preußischer Herkunft hier niederließen.

Wie so vieles in DDR-Zeiten kam auch dieser Stadtteil herunter. Aber nach der Wende 1990 begann man, das gesamte Areal liebevoll und möglichst originalgetreu zu restaurieren. Heute gehört das "Holländische Viertel" zu den ersten und beliebtesten Adressen Potsdams, bei Anwohnern wie bei Besuchern.

Es besteht aus pittoresken Häusern in geschlossenen Zeilen; Fassaden von rotem Backstein, unverputzt, mit weißen Fugen, weißen, manchmal grünen Fensterläden und zum Teil geschwungenen Giebeln. Zwei Straßen teilen die Siedlung in vier Karrees. Besonders gründlich wieder hergestellt wurde das Haus Mittelstraße 8, das "Jan-Bouman-Haus". Es ist ein typisches Giebelhaus von 1735 und damit ein besonderes Kleinod Potsdamer Baukunst. Und das erste städtische Siedlungshaus des 18. Jahrhunderts, das für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Das restaurierte Ensemble von Vorderhaus, Hof, Fachwerk-Hofgebäude und Hausgarten ist in seiner ursprünglichen Form erlebbar. Einrichtung, Ausstellungen und Videovorführungen geben Auskunft über die Geschichte der Immigranten sowie die Bau- und Lebensweise der Bewohner.

Neben dieser Siedlung gab und gibt es zahlreiche weitere europäische Baustile in der ehemaligen preußischen Residenzstadt: Die russische Kolonie Alexandrowka, die Schweizerhäuser aus dem 19. Jahrhundert, die norwegische Matrosenstation Kongsnaes (1945 größtenteils zerstört) und das Schloss Cecilienhof im englischen Landhausstil. Gebaute Zeugen preußischer Toleranzpolitik.