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Linkedin lässt Dotcom-Hysterie an Börsen aufleben - und alte Ängste

Von Karl Leban

Analysen

Ein furioses Börsendebüt an der Wall Street hat Ängste vor einer neuen Internet-Blase wachgerüttelt. Unberechtigt sind sie nicht: Der Ansturm auf die Aktien von Linkedin, einer Online-Plattform für berufliche Kontakte, war am Donnerstag derart heftig, dass der Kurs wie eine Rakete abhob und sich gegenüber dem Emissionspreis von 45 Dollar mehr als verdoppelte. | Was vor allem zu denken gibt: Linkedin schrieb 2010 gerade einmal 15 Millionen Dollar Gewinn - bei Umsätzen von 243 Millionen Dollar (170,5 Millionen Euro). Dies entspricht - gemessen an amerikanischen Verhältnissen - allenfalls der Größe eines kleinen bis mittleren Unternehmens. Nichtsdestotrotz erfreut sich Linkedin mit fast neun Milliarden Dollar eines exorbitant hohen Werts an der Börse. Zur Illustration: Das ist 600 Mal mehr, als diese Internet-Firma zuletzt verdiente. Und mehr, als etwa der um ein Vielfaches größere heimische Stahlriese Voestalpine derzeit am Aktienmarkt auf die Waage bringt - umgerechnet rund acht Milliarden Dollar.


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Goldgräberstimmung

Mit Linkedin zeichnet sich ein neuer Boom bei Internet-Aktien ab. Auch andere Kandidaten zieht es an die Börse, um Milliarden einzusammeln. So scharren der Gutscheinanbieter Groupon, der Kurznachrichten-Dienst Twitter und der Spielehersteller Zynga ("Farmville", "Mafia Wars") in den Startlöchern. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von US-Investmentbanken bereits vorab zu astronomischen Preisen in zigfacher Milliardenhöhe gehandelt werden.

All das wird freilich von dem in einem Jahr erwarteten Börsengang des Freunde-Netzwerks Facebook in den Schatten gestellt werden. Facebook-Anteile werden mit Vorschusslorbeeren geradezu überhäuft und in Zweitmärkten daher schon jetzt zu Preisen taxiert, die einen gigantischen Börsenwert von mehr als 70 Milliarden Dollar bedeuten würden.

Jedenfalls macht sich immer mehr eine Goldgräberstimmung breit. Vieles erinnert dabei an die sogenannte Dotcom-Blase, die vor elf Jahren spektakulär geplatzt ist. Auslöser des Booms waren damals weit überzogene Wachstums- und Gewinnerwartungen, die durch das gerade erst entwickelte Internet entfacht worden waren. In blinder Gier investierten Anleger - etwa am "Neuen Markt" in Frankfurt und an der New Yorker Nasdaq - in fast alles, was eine Internet-Adresse hatte. Viele Firmen, die im Blitztempo gegründet und an die Börse gebracht worden waren, häuften jedoch immer höhere Verluste an, weil sie kein tragfähiges Geschäftskonzept hatten. Eine Insolvenzwelle ließ die Blase im Jahr 2000 schließlich platzen. Viele Kleinanleger verloren dabei ein Vermögen. Aus dieser Zeit gingen allerdings auch heutige Top-Unternehmen wie Amazon und Ebay hervor.

Ein Gebot der Vorsicht

Ob sich der Wahnsinn von damals wiederholt, ist seriös nicht vorauszusagen. Bei Aktien, wo nur nach dem Motto "Es lebe die Fantasie" gekauft wird, ist aber generell Vorsicht geboten. Allzu schnell kann es hier ein böses Erwachen geben.