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"Links saß ein Nazi, rechts auch"

Von Walter Hämmerle

Politik
Der Staatssekretär a.D. mit eigener Büste: Veselsky in seinem Garten in Velden.
© Peter Just

Am Sonntag feiert Ernst Eugen Veselsky seinen 80. Geburtstag


Klagenfurt. Am Anfang steht eine Suada an die Gegenwart. Ob früher denn, in den längst verklärten 70ern der Kreisky-Ära, tatsächlich alles besser war? "Ja, sogar unendlich viel besser", sprudelt es aus Ernst Eugen Veselsky heraus. Die heutigen Spitzenpolitiker - "rekrutiert aus einem Haufen Nicht-Gebildeter und Nicht-Ausgebildeter". Und die Medien erst: Hier paare sich "Inkompetenz mit purer Böswilligkeit". Widerspruch sinnlos, Veselsky ist ein Mann mit starken Überzeugungen.

Vielleicht steht ihm dieses harte Urteil tatsächlich zu. Ohne ihn wäre aus dem Oppositionsführer Bruno Kreisky womöglich nie der "Sonnenkönig" der Zweiten Republik geworden. Es war Veselsky, der trockene Wirtschaftswissenschafter aus der Arbeiterkammer, der ab 1967 die Kärrnerarbeit auf sich genommen hatte, jene längst legendären "1400 Experten" zu rekrutieren und zu koordinieren, die sodann die Grundlage für ein Reformprogramm erarbeiteten, mit dessen Hilfe die SPÖ die Nationalratswahlen 1970 und 1971 gewann. Zum Dank beförderte ihn Kreisky 1970 zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt.

Eine Wiederholung dieses Experten-Experiments wäre heute nicht mehr möglich, ist Veselsky überzeugt. Mit der Vertreibung der linken Intelligenz aus der SPÖ gebe es keine qualifizierte Öffentlichkeit mehr. An deren Stellen seien Sekretäre und "angebliche Experten" getreten. Weder Partei noch Land hätten von dieser Entwicklung profitiert. Und überhaupt sei es damals eine völlige andere Zeit gewesen. Die Menschen, vor allem die Experten, seien enthusiastisch gewesen, mit Engagement und einer gehörigen Portion Idealismus ausgestattet.

Die Karriere in der roten Reichshälfte der Republik - Arbeiterkämmerer, Generalrat der Nationalbank und Geschäftsführer des Beirats für Wirtschafts- und Sozialfragen - war Veselsky alles andere als in die Wiege gelegt. Die Familie - alter Adel, schwer katholisch; der Urgroßvater - Seeheld an der Seite des legendären K&K-Admirals Tegetthoff; der Vater - früh verstorben, von den Nazis verfolgt und gefoltert.

Und der Sohn? "Am Kabinettstisch saß links von mir ein Nazi und rechts von mir noch ein Nazi. Das war für mich unerträglich." Damit spielt Veselsky auf die damals längst noch nicht aufgearbeitete nationalsozialistische Vergangenheit des Landes und seiner Parteien an. In Kreiskys Alleinregierung saßen vier ehemalige Mitglieder der NSDAP, darunter Otto Rösch, der von 1970 bis 1983 Minister war. Und als Veselsky im Streit mit den Gewerkschaftern 1979 auf die Nationalratswahlliste der SPÖ Kärnten "strafversetzt" wurde, wie er es selbst formuliert, ging es mit einschlägigen Erlebnissen für den gebürtigen Wiener munter weiter: "Im Landesparteivorstand sind Lieder gesungen worden, und zwar kollektiv gesungen worden, die auf der Verbotsliste stehen."

Sein Rücktritt aus der Regierung 1977 war für Veselsky das Resultat einer Intrige, die im Kabinett des damaligen Finanzministers Hannes Androsch ihren Ausgang genommen habe. Streitpunkt war die geplante Einführung einer Luxussteuer auf Autos, gegen die sich Androsch, der Jungstar dieser Regierung, aussprach. Ein klassischer Richtungsstreit über die Rolle des Staates.

Während einer Auslandsreise Kreiskys soll der Pressesprecher Androschs, Beppo Mauhart - für Veselsky der "böse Geist" -, dieses Detail Journalisten gesteckt haben. Die medialen Wogen gingen hoch. Kreisky wurde bei seiner Ankunft von dem Thema überrascht, es kam zum Bruch mit dem langjährigen Weggefährten. "Dabei hatte ich bereits eine Mehrheit in der Regierung für das Vorhaben", sogar der Kanzler sei dafür gewesen, so Veselsky im Rückblick. Die mediale Aufregung habe dann alles zunichte gemacht. Die nachfolgenden Jahrzehnte herrschte Eiszeit zwischen Androsch und Veselsky. Heute gesteht der Jubilar zu, dass der Finanzminister womöglich nichts von der Intrige seines Kabinetts wusste. In der Sache bleibt der Dissens, das gilt wohl auch für einen Gutteil seiner Partei.

Veselsky blieb nach seinem Abgang von der großen Bühne noch etliche Jahre in der Politik, wenngleich nur noch in der zweiten Reihe; zunächst bis 1986 als Nationalratsabgeordneter und dann zwei weitere Jahre als Bundesrat. Daneben lehrte der Jurist und Wirtschaftswissenschafter an der US-Universtiät Standford. Als Vorsitzender des Datenschutzbeirates (1980 bis 1995) warnte er vor der Einführung des sogenannten großen Lauschangriffs. Als seine Bedenken keine Früchte trugen, zog er die Konsequenzen und nahm seinen Hut.

Diesen Sonntag wird Veselsky, der erst kürzlich eine schwere Krankheit überstand, 80 Jahre alt. Er lebt mit seiner zweiten Frau in Velden am Wörthersee.