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Linsengericht: Big Brother weiß alles

Von Manfred A. Schmid

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Alle reden mit Entrüstung über das bevorstehende Fernseh-Spektakel "Big Brother". Auch ich halte das Ganze für einen Tiefpunkt der Bildschirm-Unterhaltung, doch niemand wird mich zwingen können,

RTL II aufzudrehen, wenn er diese medialen Gladiatorenkämpfe mit ihrer entlarvenden Mischung aus Exhibitionismus und Voyeurismus überträgt. Auch die aktive Teilnahme als Kandidat geschieht auf

freiwilliger Basis. Zu achten wäre daher nur darauf, dass nicht auch die öffentlich-rechtlichen Sender diesen geilen Quotenbringer absorbieren.

Jener "Big Brother", der mir Angst und Schrecken einjagt, ist ganz wo anders zu finden. Und dort habe ich · Stichwort erweiterte Rasterfahndung · nicht die Möglichkeit, mich mittels Knopfdruck

auszuklinken. Telefonanrufe können abgehört werden, an Hand meiner Kontobewegungen via Creditkarte oder Internet lassen sich, wenn man will, meine privaten Aktivitäten und Freizeitvergnügungen

rekonstruieren. Das geschieht natürlich alles nur zum Schutz des Staates. Wir werden aber darauf achten müssen, dass in seinem Namen kein Missbrauch mit unseren Daten getrieben wird.

Und wie es demnächst an unserem Arbeitsplatz aussehen könnte, darüber informierte ein ORF-2-"Brennpunkt" am Mittwochabend um 22.30 Uhr: Überwachung total · mittels Videokamera und Abhörgeräten · von

der Rauchpause über das informelle Gespräch unter Kollegen bis hin zu Telefon und Internet sowie GPS-Überwachung des Dienstwagens: "Der Chef weiß alles." Das ist der eigentliche "Big Brother", der

mir Angst und Bange macht.