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"Listige Witwe" kaum zu bremsen

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Der feindliche Übernahmeversuch schlägt hohe Wellen. | Inhaberin der Schaeffler-Gruppe vor Mega-Coup? | Krisensitzung bei dem deutschen Continental-Konzern. | Herzogenaurach/Wien. Es ist ein extrem spektakulärer, geradezu brutaler Kampf: Ein weithin unbekanntes deutsches Familienunternehmen möchte beim zweitgrößten Automobilzulieferer Europas die Macht übernehmen. Die im fränkischen Herzogenaurach beheimatete Schaeffler-Gruppe teilte Mitte Juli überraschender Weise mit, sich mittels einer komplizierten Finanztransaktion bereits den Zugriff auf 36 Prozent der Anteile am Reifenkonzern Continental gesichert zu haben.


Trotz massiver Widerstände der Conti-Zentrale in Hannover zeigt sich die aus Österreich stammende Eigentümerin der Schaeffler KG, Maria-Elisabeth Schaeffler, fest entschlossen, die feindliche Übernahme eisern durchzuziehen.

Die Durchschlagkraft der attraktiven Dame gilt als legendär: "Mit einem Schmusekurs kommt man in dieser Welt nicht weiter", verriet sie der "Welt am Sonntag" einmal in einem Interview.

Mit dem am 30. Juli unterbreiteten Angebot, 70,12 Euro je Aktie zahlen zu wollen - die Annahmefrist endet am 27. August -, hat sich der in Familienbesitz befindliche, bislang recht öffentlichkeitsscheue Konzern mit einem Schlag auf die Bühne der internationalen Medienwelt begeben.

"Wir bieten einen fairen Preis, der für die Aktionäre der Continental AG interessant ist. Jetzt sollten wir es den Aktionären überlassen, unser Angebot zu bewerten und ihre Entscheidung zu treffen", sagte Jürgen M. Geißinger, Vorsitzender der Schaeffler-Geschäftsleitung. Die Stärke seiner Gruppe bei mechanischen, mechatronischen und Präzisions-Komponenten für Motor, Getriebe und Fahrwerk würde jedenfalls ideal zu den Stärken von Continental bei Elektronik- und Softwaresystemen für Motor, Fahrwerk und Innenraum passen, so Geißinger.

Bald die mächtigstedeutsche Konzernherrin

Die Schaeffler-Gruppe, die zu den größten europäischen Industrieriesen in Familienbesitz zählt, lehnt sich bei diesem Mega-Coup weit hinaus - und ignoriert jeglichen Gegenwind: Die bei manchen als sehr emotionell geltende Firmeninhaberin stört es etwa nicht, dass die Conti-Führung ihre Beteiligung mit 20 Prozent begrenzen möchte und bei der morgen, Mittwoch, stattfindenden außerordentlichen Hauptversammlung einen Abwehrplan präsentieren will. Die Conti-Führung muss jedenfalls bis Mitte der Woche eine offizielle Stellungnahme zu dem Schaeffler-Übernahmeoffert abgeben.

Kurz vor der Krisensitzung dementierte Continental Gerüchte, wonach der Autozulieferer den Übernahmeversuch Schaefflers dadurch abwehren will, dass Continental die "Giftpille" schluckt und selbst ein großes Unternehmen kauft, um für Schaeffler finanziell uninteressant zu werden.

Er werde nichts unternehmen, was Conti schaden könnte, betonte Vorstandschef Manfred Wennemer in einer Aussendung an die Dpa. Er sei gegen "Wert vernichtende Handlungsoptionen", erklärte Wennemer. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" hatte zuvor berichtet, Wennemer plane eine mehr als drei Mrd. Euro teure Übernahme in der Autozulieferer-Branche und habe dabei offenbar die Münchener Knorr-Bremse AG ins Visier genommen.

Schaeffler, die bereits acht Prozent der Conti-Aktien hält, möchte unbedingt strategischer Großinvestor sein. Sie setzt darauf, dass ihre Vorgangsweise, sich über komplizierte Finanztransaktionen den Zugriff auf 28 Prozent zu sichern, nicht - so wie von Conti behauptet - illegal gewesen sei und dabei keine Meldepflichten verletzt wurden. Die Finanzaufsicht BaFin genehmigte jedenfalls das sensationelle Offert, untersucht allerdings noch die Vorgangsweise.

Die Schlacht um Continental rückte die blonde 66-Jährige, die seit rund 12 Jahren das in den Sparten Automotive, Industrie und Aerospace tätige Industrieimperium gemeinsam mit Sohn Georg besitzt, in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: Maria-Elisabeth Schaeffler, die in Wien aufgewachsen und immer noch österreichische Staatsbürgerin ist, führt das Lebenswerk ihres 1996 verstorbenen Mannes zweifellos erfolgreich fort (siehe Kasten "Zur Person").

Vor allem mit zwei Deals hievte sie das Unternehmen in die Topklasse der deutschen Konzerne: Die Schaeffler KG, die zunächst für die Marke INA stand und in jüngerer Vergangenheit rasant gewachsen ist, schluckte 1999 den Kupplungshersteller Luk und erwarb im Jahr 2002 den Konkurrenten FAG Kugelfischer.

Die drei starken Marken wuchsen sodann auf optimale Weise in der Schaeffler-Gruppe (siehe Kasten "Wissen") zusammen, die sich zum Drüberstreuen 2006 noch den französischen Steuerkettenspezialisten Renolds sicherte.

Die "listige Witwe" (wie sie das "Manager-Magazin" einmal bezeichnete), die ihre Ambitionen mit großer Härte durchzusetzen pflegt, weiß, dass das, was ihre Mitarbeiter täglich produzieren, nicht gerade sexy ist: "Ein Wälzlager schenkt man nun mal nicht seiner Frau zu Weihnachten", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Daher hat sie es noch nie auf großartige Publicity abgesehen: Erst die feindliche Übernahme des börsenotierten Konkurrenten brachte ihr bis dahin weithin unbekanntes Unternehmen in die Schlagzeilen.

Schaeffler, 2004 vom Unternehmermagazin "Impulse" als "Familien-Unternehmerin des Jahres" ausgezeichnet, stand im Vorjahr in dem vom "Manager-Magazin" erstellten Ranking der reichsten Deutschen bereits an siebenter Stelle.

Ihr Privatvermögen wird, inklusive dem ihres Sohnes, auf rund 5,5 Milliarden Euro geschätzt.

Die Industrielle, die als Vorsitzende des firmeneigenen Beirats im Hintergrund die Fäden zieht, wäre, sofern der Conti-Coup gelingt, oberste Chefin von weltweit rund 240.000 Mitarbeitern und damit die mit Abstand mächtigste deutsche Konzernherrin.

Der Reiz, den die Continental AG auf sie ausübt, muss beträchtlich sein: Denn der Reifen-Gigant beschäftigt rund 151.600 Mitarbeiter und erzielte zuletzt einen Umsatz von 16,6 Milliarden Euro. Als einer der weltweit führenden Zulieferer der Automobilindustrie ist die 1871 gegründete Conti mit nahezu 200 Werken in 36 Ländern engagiert.

Reicher als Wlaschekoder Mateschitz

Während Continental in Österreich aufgrund des Semperit-Dramas in Traiskirchen sein Image nachhaltig angepatzt hat - Österreichs einzige Reifenproduktion wurde bekanntlich Mitte 2002 von den Deutschen dicht gemacht -, kann sich die rot-weiß-rote Schaeffler-Niederlassung durchaus sehen lassen: 2006 sind die beiden einst selbständigen Gesellschaften INA Austria und FAG Austria in der Schaeffler Austria GmbH verschmolzen.

Der Firmensitz wurde in der Folge von Vösendorf nach Berndorf-St.Veit verlegt, wo die mehr als 600 Mitarbeiter ein neues Bürogebäude bezogen haben. Das Werk in Berndorf, wo seit mehr als 50 Jahren hochwertige Wälzlager hergestellt werden, ist auf Kegelrollenlager spezialisiert. Die tägliche Produktion hält derzeit bei 27.000 Stück.

Die oberste Chefin gilt im Alpenland laut dem Ranking des Magazins "Trend" bereits knapp hinter den Familien Porsche und Piech sowie den Flick-Erben als drittreichste Österreicherin - schon deutlich vor Immobilien-Tycoon Karl Wlaschek, der Kaufhaus-Witwe Heidi Horton und "Red Bull"-Erfinder Dietrich Mateschitz.

Zur PersonMaria-Elisabeth Schaeffler, geborene Kurssa, kam am 17. August 1941 in Prag zur Welt. Ihr Urgroßvater hatte vor 102 Jahren in Jungbunzlau den Autokonzern Skoda mitbegründet. Sie wuchs in Wien auf und studierte zunächst an der Universität Wien Medizin. Als sie den 24 Jahre älteren Georg Schaeffler kennenlernte, der in Herzogenaurach die Schaeffler KG gegründet hatte, brach sie das Studium ab und heiratete den Industriellen 1963.

Seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 1996 ist sie zusammen mit ihrem Sohn Georg, der als Wirtschaftsanwalt in Dallas/USA tätig ist, Gesellschafter des Unternehmens, das mit weltweit rund 86.000 Mitarbeitern ein wahrer Weltkonzern sowie eines der 50 größten Industrieunternehmen Deutschlands geworden ist. Seit April 2008 fungiert Schaeffler als Aufsichtsrätin der Österreichischen Industrieholding (ÖIAG). Sie gilt als beinharte Unternehmerin, aber auch großzügige Kunstmäzenin. Sie ist eine leidenschaftliche Golfspielerin und besitzt drei Hunde. Schaeffler hat sowohl die deutsche, als auch die österreichische Staatsbürgerschaft.

+++ Wissen:Zahlen und Fakten: Die Schaeffler-Gruppe erwirtschaftete im Jahr 2007 weltweit einen Umsatz von fast neun Milliarden Euro. Sie entwickelt und fertigt unter den drei Marken INA, Luk und FAG Präzisionsprodukte für alles, was sich bewegt: Maschinen, Anlagen, Kraftfahrzeugen und die Luft- und Raumfahrt.

Derzeit ist die Schaeffler KG an 180 Standorten in mehr als 50 Ländern tätig. Bereits seit 1956 im französischen Haguenau engagiert, wurde die Expansion auf Auslandsmärkten konsequent ausgebaut. Seit 1991 wird etwa auch in der Slowakei produziert, seit dem Jahr 1995 in China. Weitere Produktionsstätten gibt es beispielsweise in Italien (seit 1996), Rumänien (2005) oder Indien (2007).

Die Gruppe, die zur Jahrtausendwende rund 25.000 Mitarbeiter beschäftigt hatte, dehnte sich insbesondere durch die 2002 erfolgte Übernahme der FAG Kugelfischer AG & Co. KG in Schweinfurt aus - seither ist sie nach der schwedischen SKF zweitgrößter Wälzlagerhersteller der Welt. Seit 2003 bilden die drei Marken INA, Luk und FAG die Schaeffler-Gruppe.