Zum Hauptinhalt springen

Literarischer Aperitif

Von Gerald Schmickl

Kommentare

Das ist keine Kritik. Ein komischer erster Satz, zugegeben, ähnlich rätselhaft wie jener, mit dem Max Frischs Roman "Stiller" beginnt: "Ich bin nicht Stiller."

Romananfängen war diese Woche die erste Hälfte des Ö1-"Radiokollegs" gewidmet, den Krämpfen, unter denen Literaten leiden, aber auch den Tricks und Finessen, derer sie sich bedienen, um ihre Bücher zu eröffnen.

Neben Beispielen aus der Weltliteratur kamen vor allem österreichische Autoren ausführlich zu Wort. So erfuhr man etwa, dass Christoph Ransmayr zwei Jahre am ersten Satz für seinen Roman "Morbus Kitahara" tüftelte (er lautet übrigens: "Zwei Tote lagen schwarz im Januar Brasiliens"), Marlene Streeruwitz möglichst lakonische Anfänge liebt, und Wolf Haas das Problem trickreich umgeht, indem er seine Krimis stets mit dem selben Satz beginnen lässt: "Jetzt ist schon wieder etwas passiert."

Warum man sich als Leser an so wenige erste Sätze aus Büchern erinnern kann, wurde im zweiten Beitrag der "Radiokolleg"-Woche deutlich, in dem es unter dem Titel "Vergessene Welten" um das (versagende) Gedächtnis ging. Meinen liebsten ersten Satz habe ich allerdings nicht vergessen, er stammt aus Anthony Burgess' Roman "Der Fürst der Phantome" - und passt gut in die gegenwärtigen Zeiten: "Am Nachmittag meines einundachtzigsten Geburtstages, als ich mit meinem Buhlknaben im Bett lag, kam Ali und sagte, der Erzbischof sei da und wolle mich sprechen."