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Literaturnobelpreis: Die Reden der Schreiber

Von Wolfgang Machreich

Reflexionen

Vor der Verleihung kommt es in Stockholm traditionell zu einer Vorlesung. Ein kleines Potpourri aus den vergangenen Jahren.


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Eigentlich ist es eine Zumutung, Schreibvirtuosen bei deren Aufnahme in den Schriftstellerolymp zu einer Rede zu verpflichten. Elias Canetti dachte so und lieferte 1981 keine Nobelpreisrede ab.

Er war nicht der Erste, Samuel Beckett verweigerte 1969. Bei seiner Preisverleihung 2001 erklärte der britische Nobel-Schriftsteller karibischer Herkunft V. S. Naipaul den Widerwillen des Schreibers zu reden: "Leuten, die mich bitten, einen Vortrag zu halten, sage ich, dass es nichts gibt, was ich vortragen könnte - und das ist die Wahrheit. Es mag seltsam erscheinen, dass ein Mann, der seit beinahe fünfzig Jahren mit Worten, Gefühlen und Ideen handelt, nicht ein paar davon erübrigen kann. Aber alles, was ich an Wertvollem zu sagen habe, steht in meinen Büchern. Und alles, was ich darüber hinaus in mir habe, ist noch nicht vollkommen ausgeformt. Ich bin mir seiner kaum bewusst; es wartet auf das nächste Buch. Es wird mir - wenn ich Glück habe - beim Schreiben bewusst werden und mich überrumpeln."

Als bisher Letzter überrumpelte Bob Dylan das Nobelpreiskomitee. Zuerst ließ sich der Nobelpreisträger für Literatur 2016 vier Monate Zeit, den Preis im Rahmen eines Tournee-Stops persönlich abzuholen; dann dauerte es noch einmal bis Juni 2017, bis Dylan seine Nobelpreisvorlesung schickte. Ohne Rede kein Preisgeld von rund acht Millionen schwedischen Kronen (über 800.000 Euro), lautete die inoffiziell aufgebaute Drohkulisse, die Dylan anscheinend zum Auftritt bewegte. Der Barde schickte ein 26-minütiges, mit Klaviermusik unterlegtes Tondokument im Stil seiner legendären Radiosendungen zur Musikgeschichte.

Dylans Plagiat

Die Akademie atmete auf, freute sich über den "außerordentlichen" und "eloquenten" Text und das doch noch gute Ende ihres "Abenteuers Dylan", und die Dylan-Exegeten jubelten: "Dylan spricht aus der Tiefe seines Herzens und seiner Lese- und Songerfahrungen." Der singende Dichter nützte für die Nobelpreisrede aber auch seine Copy & Paste-Erfahrungen. Eine US-Plagiatsjägerin konnte nachweisen, dass der Nobelpreisträger für seine Hymne auf "Moby Dick" aus einer Online-Interpretationshilfe für Schüler abgeschrieben hatte. Skandal! Doch ein Dylan durfte das. Die "Zeit" nannte ihn zwar den "Lümmel aus der letzten Reihe", gratulierte aber gleichzeitig zum "Geniestreich".

Da konnte dann Kazuro Ishiguro, der Nobelpreisträger für Literatur 2017, gar nicht anders, als schon zu Beginn seiner Preisrede auf den Nobel-Vorgänger zu verweisen: "Wären wir miteinander ins Gespräch gekommen", erzählte der britisch-japanische Literat über seine Vorlieben als junger Mann, "hätten wir vielleicht über den Totalen Fußball der niederländischen Nationalelf geredet oder über das jüngste Album von Bob Dylan, vielleicht auch über mein soziales Jahr in London..."

Ishiguros Rede steht beispielhaft für den Duktus der allermeisten Nobelpreisvorlesungen: Die Ausgezeichneten beginnen mit einer biographischen Anekdote, zeigen sich absolut überrascht, dass sie in den Nobel-Adel aufgenommen werden, beichten Lust und Leiden ihres Schreibens und enden meist mit einem Aufruf, "meinem Nobel-Appell, wenn Sie so wollen", nannte ihn Ishiguro: "Gerade in einer Zeit gefährlich um sich greifender Spaltung müssen wir zuhören. Gute Literatur - geschrieben und gelesen - wird Barrieren einreißen. Es könnte sich sogar eine neue Idee finden, eine große humane Vision, der wir uns anschließen."

Müllers Taschentuch

Mit einem Taschentuch beschrieb Herta Müller ihre Vision großartiger Mit-Menschlichkeit. In ihrer Nobelpreisrede am 7. Dezember 2009 erzählte die deutsche Schriftstellerin aus dem rumänischen Banat von ihrer Mutter, die jeden Morgen am Haustor die Tochter vorm Rausgehen fragte: Hast du ein Taschentuch? "Ich hatte keines", schilderte Müller die Szene: "Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet."

Und vom Kleinen kommt Müller im Laufe ihrer Rede zum Großen, von der Haustür in die Welt, von der Liebe zum Hass, vom Behütet-Sein zum Ausgeliefert-Sein, von der Geborgenheit zur Gewalt und zu ihrem Nobel-Appell: "Ich wünsche mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen alle Tage, bis heute, die Würde nimmt - und sei es ein Satz mit dem Wort Taschentuch. Und sei es die Frage: Habt ihr ein Taschentuch?"

Mütter, Väter, Geschwister, erste Freunde, erste Feinde sind immer wiederkehrende Protagonisten in den Nobelpreisvorlesungen. Es scheint, als schauten die Ausgezeichneten, am Scheitel ihrer Erfolgssträhne stehend, am liebsten auf ihre schriftstellerischen Haarwurzeln zurück, an den Ort, wo ihr schreiberisches Wachsen begann, zu den Menschen, die ihnen ihre ersten Geschichten vorlebten, vorliebten, vorhassten und sie inspirierten, ihre Welt zu beschreiben. Auch Peter Handke thematisiert in seiner Preisrede seine Herkunft, wie er vorweg verriet: "Ich nenne mich immer Familienmensch. Mein ganzes Träumen geht eigentlich nur um Familie. Es geht dabei aber auch um die Toten. Die Toten der Familie werden mich bis zu meinem eigenen Hinscheiden auf den Weg bringen."

Ein Gedanke, der Orhan Pamuk nicht fremd ist. Seine Stockholmer Vorlesung mit dem Titel "Der Koffer meines Vaters" beendete der Literaturnobelpreisträger 2006 mit einer Hommage an seinen einige Jahre zuvor verstorbenen Vater. Davor gab Pamuk in seiner Rede noch einen Einblick in das Geheimnis seines Schreibens, das für ihn nicht in einer von irgendwoher kommenden In-spiration, sondern in Hartnäckigkeit und Geduld liegt. Und dann malte er in der Schwedischen Akademie mit Hilfe der türkischen Redensart "mit einer Nadel einen Brunnen graben" ein Bild von seiner und anderer Schriftsteller Arbeit: "Als ich in dem Roman ‚Rot ist mein Name‘ von alten persischen Miniaturenmalern erzählte, die in jahrelanger leidenschaftlicher Übung immer wieder ein und dasselbe Pferd zeichneten, bis sie es schließlich auch mit geschlossenen Augen abbilden konnten, da war mir bewusst, dass ich eigentlich vom Beruf des Schriftstellers und von meinem Leben sprach."

Im darauffolgenden Jahr malte Doris Lessing an Pamuks Schriftsteller-Tableau weiter und über den Rahmen der professionellen Literaten hinaus: "Der Geschichtenerzähler ist tief in uns allen. Der Geschichten-Macher ist immer da. Nehmen wir an, dass unsere Welt durch einen Krieg verwüstet wird, durch jene Schrecken, die wir uns alle ohne Weiteres vorstellen können. (...) Der Geschichtenerzähler wird da sein, denn es ist unsere Vorstellungskraft, die uns formt, erhält, erschafft - im Guten wie im Schlechten. Es sind unsere Geschichten, die uns wiedererschaffen, wenn wir zerrissen, verwundet, ja vernichtet sind."

Ein Lebens- und Überlebensmotiv, das der ersten österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nicht fremd ist. "Für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", bekam sie 2004 den Preis zugesprochen. Mit ihrer Rede "Im Abseits" bedankte sie sich dafür, wobei sie den Titel wörtlich verstand und nicht nach Stockholm reiste, sondern wie Jahre nach ihr der Nobelpreis-Sänger-Lyriker ein Rede-Video an die Akademie schickte.

Die akademische Germanisten-Zunft las "neben dem ausgewiesenen Heideggerschen Subtext" auch noch Jelineks "elaboriertes Verfahren des Kryptozitats und der verfremdeten Anspielung" aus ihrer Preisrede heraus sowie Goethe, Hölderlin, Schubert, Karl Kraus, Paul Celan, Sigmund Freud... Jelineks Rede ist vor allem jedoch anders, kühler, grauer, abseitiger als die Vorlesungen der meisten anderen Nobel-Literaten.

Jelinek beschreibt ihr Innerstes, ihre Sprache: "Das Geschriebene, das vom Geschehen handelt, läuft einem unter der Hand davon wie die Zeit, und nicht nur die Zeit, während der es geschrieben wurde, während der nicht gelebt wurde." Gleichzeitig ist sie ihrer Sprache ausgeliefert: "Ich bin ihr zu Handen, aber dafür ist sie mir abhanden gekommen. Ich aber bleibe. Was aber bleibt, stiften nicht die Dichter. Was bleibt, ist fort. Der Höhenflug wurde gestrichen. Es ist nichts und niemand eingetroffen. Und wenn doch, wider jede Vernunft, etwas, das gar nicht angekommen ist, doch ein wenig bleiben möchte, dann ist dafür das, was bleibt, das Flüchtigste, die Sprache, verschwunden. Sie hat auf ein neues Stellenangebot geantwortet. Was bleiben soll, ist immer fort. Es ist jedenfalls nicht da. Was bleibt einem also übrig."

Seine Antwort darauf wird Peter Handke an diesem Samstag, den 7. Dezember geben. Im Unterschied zu Jelinek wird er seine Ansprache jedoch wohl mehr im Modus der Überzeugung, der Gewissheit und Sicherheit vortragen. "Ich bin kein Prophet, aber die Schatten werden nicht bleiben", sagte er auf die Frage zu den Auswirkungen der wieder aufgeflammten Diskussion über seine Haltung zu den Jugoslawien-Kriegen.

Preis aus Dynamit

Im Dezember 1999 stand Günter Grass am Redepult der Schwedischen Akademie. Grass ließ die Gelegenheit nicht aus, auf den nicht nur hellen Ursprung des Preises zu verweisen: "Wie der Nobelpreis, sobald wir ihn aller Feierlichkeit entkleiden, auf der Entdeckung von Dynamit fußt, das wie andere menschliche Kopfgeburten - sei es die Spaltung der Atome, sei es die gleichfalls nobelierte Aufschlüsselung der Gene - das Wohl und das Wehe in die Welt gesetzt hat, so beweist die Literatur ihrerseits Sprengkraft..."

Und dass es immer literarische Sprengmeisterinnen und -meister geben wird, viele in Stockholm und anderswo ausgezeichnete und noch viele mehr ohne Nobel-Ehre, aber mit nobler Gesinnung, daran ließ der Altmeister dieser Zunft keinen Zweifel aufkommen: "Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben und gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten aufs Neue zu Fäden spinnen: laut und leise, hechelnd und verzögert, manchmal dem Lachen, manchmal dem Weinen nahe."

Wolfgang Machreich ist freier Autor und Journalist, zuletzt erschienen:
"360° um die Welt - Alle Länder von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang"
(360° Medien).