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Live-zeitversetzter Unfug

Von Manfred A. Schmid

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Ein Besonderheit, an die ich mich nicht gewöhnen will, ist die Behauptung, dass irgendein Event, z. B. eine Konzertaufzeichnung oder eine Opernaufführung, "live-zeitversetzt" gesendet werde. Meinem Verständnis nach kann von "live" nur dann die Rede sein, wenn das, was via Bildschirm zu erleben ist, tatsächlich genau zur gleichen Zeit irgendwo in der Welt auch geschieht. Wenn der Dirigent also um 19.30 Uhr seinen Taktstock hebt und die Besucher in der Staatsoper die ersten Takte der "Fidelio"-Ouvertüre hören, dann bin ich bei einer Live-Übertragung eben genau zu diesem Zeitpunkt via Bildschirm oder Radioapparat "live" dabei. Immer mehr Sender aber lassen eine Aufzeichnung ein paar Stunden später senden und versehen das Ganze dann mit dem Etikett "live-zeitversetzt". Gemäß dieser Auslegung wäre ich auch "live-zeitversetzt" dabei, wenn ich beispielsweise einen Live-Mitschnitt der Callas auf einer CD abspielen würde. Und das will mir nicht einleuchten Ob eine Aufnahme/Aufzeichnung

20 Minuten, eine Woche oder ein halbes Jahr später ausgestrahlt wird, macht für das Publikum keinen prinzipiellen Unterschied mehr. Mit dem Ankündigen "live-zeitversetzter" Übertragungen sollte man daher schleunigst aufhören.

Live dabei war ich vergangenen Donnerstag, als in der "ZiB 2" SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer Gesprächspartner von Gerald Groß im Studio war. Der Protest der Opposition wegen "unausgewogener Berichterstattung" in den Tagen davor blieb also doch nicht ungehört. Dass im vorher gezeigten Beitrag über den Stand der Wahlkampf-Vorbereitungen in der Parteizentrale vor allem eine Blumenhändlerin ausführlich zu Wort kam und über die derzeitige Nachfrage bzw. Nicht-Nachfrage nach roten Nelken befragt wurde, vermerke ich als Kuriosum eines auf Originalität bedachten Redakteurs oder einer ebensolchen Redakteurin.