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Liz Truss erhält Monster-Ministerium

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Britische Außenministerin soll sich um Umsetzung des Brexit kümmern. 46-Jährige ist bei Parteibasis enorm populär.


London. Im September erst ist Liz Truss zur britischen Außenministerin ernannt worden. Nun soll die 46-jährige Politikerin sich auch um die weitere Umsetzung des Brexit kümmern - um ein minenbestücktes Terrain, das bisher aus der Zuständigkeit des Foreign Office ausgegliedert und im Kabinett mit einem eigenen Minister vertreten war.

Der plötzliche Rücktritt dieses Ministers, Lord Frost, und die damit verbundene Aufregung bewogen Premierminister Boris Johnson offenbar, die Europa-Politik erst einmal wieder in ihrem alten Ressort zu verankern. Von nun an soll Liz Truss auch die diversen Post-Brexit-Ausschüsse in London leiten, die erforderlichen Verhandlungen mit Brüssel führen und generell ein neues Verhältnis mit den europäischen Nachbarn zuwege bringen. Daneben behält sie ihr separates Amt als Staatssekretärin für Frauen und Gleichberechtigung. Und als Außenministerin wird von ihr erwartet, dass sie die ganze Welt bereist und zu allem etwas zu sagen weiß.

Ein wahres "Monster-Ministerium" sei ihr zugefallen, finden darum auch loyale Mitarbeiter der Foreign-Office-Chefin. An einem zweifelt freilich niemand: Truss ist nun endgültig ein politisches Schwergewicht im Kabinett geworden. Sie hat neben Schatzkanzler Rishi Sunak die besten Aussichten, Johnson als Premierminister zu beerben, wenn es dazu einmal kommt.

Denn bei der Parteibasis, die über die Wahl eines oder einer neuen Parteivorsitzenden zu entscheiden hätte, steht sie auf der Popularitätsliste ganz oben. Dass sie fest entschlossen ist, aus dem Brexit "einen Erfolg" zu machen, nehmen ihr nationalkonservative Parteigänger ohne weiteres ab. Schon als Außenhandelsministerin, auf ihrem ersten Posten in Johnsons Regierung, hatte sie Johnsons Vision eines "globalen Britannien" nach Kräften propagiert, auch wenn die Bilanz dieser Zeit eher bescheiden ausfiel.

Mit Helm auf Panzer

Bei ihrem Wechsel an die Spitze des Außenministeriums hatte sie gelobt, Außenpolitik post Brexit noch stärker an die Handelsinteressen ihres Landes zu koppeln als bisher. Vor allem gefällt vielen Tories Truss’ ausgesprochen prokapitalistisches Denken. Schon als Co-Direktorin des rechtslastigen Thinktanks Reform und als Mitautorin des Programms "Britannia Unchained" (Britannien entfesselt) hatte sie sich nachdrücklich für die "Kräfte des freien Marktes" und für "freies Unternehmertum" eingesetzt. Gegen neue Steuererhöhungen habe sie im Kabinett ebenso Stellung bezogen wie gegen schärfere Covid-Restriktionen, berichteten Kollegen. Bei Truppenübungen in Estland ließ sie sich, gut behelmt, auf dem Geschützturm eines Panzers filmen - eine Reminiszenz an ein ähnliches Foto der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher.

In der Tat soll Liz Truss schon als Achtjährige die damalige Premierministerin bei einer Schulaufführung mit Begeisterung gespielt haben. Andere Chronisten wollen hingegen wissen, dass sie in jenen Jahren bei Anti-Atomwaffen-Kundgebungen an der Seite ihrer Eltern, die sie selbst als "links" einstuft, "Maggie Maggie Maggie Out Out Out" gerufen habe. Als Studentin in Oxford gehörte sie zunächst dem liberaldemokratischen und erst später dem konservativen Studentenverband an. Und zwei Tage vor dem Brexit-Referendum in Sommer 2016 sprach sie sich noch für den Verbleib in der EU aus, "weil die Befürworter eines Austritts kein einziges Land nennen können, mit dem wir einen besseren Handels-Deal bekommen könnten".

Nach dem Brexit-Votum gab es dann nichts Besseres mehr als den Austritt, als eine scharfe Absetzung von der EU. Seither hat sich Liz Truss zum Liebling der Brexit-Hardliner aufgeschwungen. "Zuversichtlich, über die eigenen Grenzen hinausblickend, patriotisch und positiv" könne Großbritannien außerhalb der EU operieren, hat sie jüngst wieder erklärt.

Gespannt fragt man sich nun auf der Insel, ob das bedeutet, dass sie Lord Frosts Kollisionskurs mit Brüssel weiterverfolgen will - oder ob sie einen konzilianten Ton anzuschlagen plant, was eigentlich nicht ihre Art ist.