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Lob statt Tadel

Von Christina Mondolfo

Reflexionen
Martin Rütter im Gespräch mit Galia
© Mondolfo

Bello zieht an der Leine, Tina verbellt jeden Radfahrer und Jogger und Lumpi kann nicht mit anderen Artgenossen: Hundeerziehung ist gar nicht leicht.


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Der Beschluss und das Inkrafttreten des neuen niederösterreichischen Hundehaltegesetzes per 1. Februar 2010 sowie die Diskussion samt baldiger Volksbefragung zum Thema Kampfhunde in Wien spaltet die Nation wieder einmal in zwei Lager. Besonderer Streitpunkt ist die sogenannte Rasseliste, auf der etwa der als Kampfhund bezeichnete Pitbull, Dogo Argentino, Mastiff oder Tosa Inu zu finden ist, weil sie als besonders gefährlich gelten. In der Beißstatistik liegen allerdings andere Rassen vorne, etwa der Schäferhund oder der Dackel. Hört man sich unter Hundetrainern um, so sind sich alle einig: Jeder Hund kann scharf und damit zur Waffe gemacht werden, auch ein Pudel. Dessen Biss kann aber zugegebenermaßen nicht so viel Schaden anrichten wie etwa der eines Pitbulls . . . Hunde werden jedenfalls nicht als beißwütige Aggressionsbündel geboren, sie werden dazu gemacht - und der Mensch nutzt leider die dem Hund eigene Loyalität zu seinem Besitzer und seinen Wille zu gefallen viel zu oft zum Schaden aller aus.

Erziehung auf die sanfte Tour. Die Angst der Menschen vor Hunden begründet sich oft mit dem schlechten Benehmen der Vierbeiner. Und das liegt wiederum an der Erziehung - womit sich der Kreis zum Menschen schließt. Der muss nämlich am meisten lernen, was richtige Hundeerziehung angeht . . .

Hunde haben eine sehr diffizile Form der Kommunikation, ihr ganzer Körper, die Ohren, die Rute, die Pfoten, ihre Augen, alles drückt Stimmungen, Wünsche und Befindlichkeiten aus. Ob richtig darauf eingegangen wird, hängt davon ab, wie weit der Mensch diese Signale lesen und deuten kann. Und dann muss der Hundehalter noch auf seine eigene Körpersprache achten, denn die kann der Hund sehr wohl lesen - und reagiert dann eben manchmal so, wie es der Mensch überhaupt nicht erwartet hat.

"Hunde haben den Nachteil, dass sie viel schneller als die Menschen sind - nicht was ihr Lauftempo angeht, sondern beim Lernen", weiß Hundetrainerin Brigid Weinzinger aus langjähriger Erfahrung. Und dass Lernen am besten über positive Motivation geht, hat sie schnell erkannt: "Der Hund soll das, was ich von ihm möchte, von sich aus machen, weil es sich für ihn lohnt - indem er ein Stück Futter bekommt, man mit ihm spielt oder ihn überschwänglich lobt." Als sie ihren ersten Hund bekam, war sie über die rüden Methoden und den rauen Umgangston auf den Abrichteplätzen entsetzt. Sie suchte nach hundeverständigen Trainern und absolvierte selbst ein Studium als Tierverhaltensberaterin an der Universität von Southampton. "Ich wollte aus meinem Hund keinen Sklaven machen, sondern einen Partner. Die Regeln, die der Mensch aufstellt, sollen den Alltag erleichtern, beim Erlernen derselben soll allerdings der Spaß im Vordergrund stehen", umreißt sie ihre Philosophie. Dass man sich dabei die unglaublichen kognitiven Begabungen des Hundes zunutze machen kann, hat sich allerdings bis heute noch nicht so richtig herumgesprochen. Nach ihrer Erfahrung sei es in den vergangenen Jahren aber schon um einiges besser geworden, sieht sie Hoffnung am Horizont der modernen Hundeerziehung. Doch auch wenn Stachelhalsbänder und Elektroschocker verboten sind, der Leinenruck oder das Anbrüllen findet man teilweise immer noch: "Hunde hören ausgesprochen gut, man muss also nicht schreien, und der Ruck am Halsband tut sehr weh - beides ist nicht notwendig. Gewünschtes Verhalten belohnen, unerwünschtes ignorieren - so funktioniert das am besten", wird Brigid Weinzinger nicht müde zu betonen. Der Lernprozess darf dem Hund aber keinesfalls Stress bereiten, sonst verliert er die Motivation.

Hunde mit einem echten Aggressionsproblem hat sie selten, meist stecke dahinter aber Angst, ausgelöst durch Stress: Falsche Haltebedingungen, Unter- oder Überforderung oder Frust können die Ursache sein. Und der Mensch hat auch so seine Probleme mit der Angst: "Das Kontrollstreben über den Hund entsteht oft aus der Angst vor dem Kontrollverlust. Und in dieser angespannten Haltung passieren einfach viele Fehler", sagt Weinzinger. Doch wenn der Wunsch da ist, seinen Hund zu verstehen, sich auf ihn einzulassen und ein angenehmes gemeinsames Leben mit ihm zu führen, könne man mit einigem Training viel wieder "reparieren".

Entertainer mit Hundeverstand. Der deutsche Hundeprofi Martin Rütter hat auf Hundeabrichteplätzen ähnliche Erfahrungen wie Brigid Weinzinger gemacht: "Die Gewalt dort hat mich total abgeschreckt", erinnert er sich noch heute. Nach einem Jahr in Australien, wo er mit Australian Cattle Dogs und Dingos gearbeitet hatte, kam er mit seiner eigenen Methode nach Deutschland zurück: D.O.G.S. (Dogs Oriented Guiding System), ein an den Bedürfnissen des Hundes orientiertes Führungssystem. Das funktioniert laut Rütter seit 18 Jahren, oberste Maxime sind auch hier der ruhige, liebevolle Umgang mit dem Hund - "die Sprache der Hunde ist eine leise Sprache" - und das Verstehen seiner Körpersprache.

Er weiß, dass entspannte Menschen meist auch entspannte Hunde haben, also versucht er, ihnen die Angst vor dem Mysterium "schlimmer Hund" zu nehmen und lobt sie, wenn sie etwas richtig machen. Die häufigsten Probleme, die ihm in seinem Hundezentrum begegnen, sind Verhaltensstörungen, die meist aus Ängsten entstanden sind, Unverträglichkeit mit anderen Hunden, unerwünschtes Jagdverhalten oder schlechte Leinenführigkeit. Um Menschen den richtigen Umgang mit Hunden zu vermitteln, macht er abseits seiner unterhaltsamen Shows auch Programme für Kinder: "Ich gehe mit einem Kollegen im Hundekostüm in Schulen oder Kindergärten und zeige an ihm, was man mit einem Hund nicht machen darf. Am richtigen Hund zeige ich dann, was man darf."

Dass nicht nur die Anforderungen an die Hunde gewachsen sind - "sie finden sich heutzutage in jedem Lebensraum auf der Erde, wobei die Städte wahrscheinlich zu ihrer größten Herausforderung geworden sind" -, sondern auch die an ihre Besitzer, gibt er unumwunden zu, ihm fehlt allerdings das Mittelmaß zwischen absolutem Drill und antiautoritärer Erziehung: "Der Hund ist heute ein Sozialpartner und zwar durch alle Schichten. Dass er bestimmte Regeln für dieses Zusammenleben braucht, ist klar. Doch man sollte ihn als intelligentes Lebewesen sehen, dem man mit Respekt und Freundlichkeit begegnet." Allein damit wäre wohl viel Hundeleid und -elend aus der Welt geschafft . . .

Info

Brigid Weinzinger, Hundeschule "Denktier" in Neulengbach (an der Straße zwischen Tausendblum und Schönfeld), T: 0664/33 89 247,

www.denktier.at

Martin Rütter, D.O.G.S.

Zentrum für Menschen mit Hund,

www.ruetters-dogs.de

Martin Rütter kann man sich auf DVD ins Wohnzimmer holen. "Hundetraining mit Martin Rütter" und "Sprachkurs Hund" zeigen Beispiele aus der der täglichen Praxis, Verständigungsprobleme zwischen Hund und Menschen werden aufgezeigt, Lösungen angeboten. Außerdem lernt man einiges über die Körpersprache des Hundes, was die Verständigung mit dem Vierbeiner wesentlich vereinfacht. Zum Nachlesen gibt es beide Ausgaben als Buch.

"Hundetraining mit Martin Rütter", Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-10827-7, 20,60 Euro

"Sprachkurs Hund" von Martin Rütter, Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-11225-0, 20,60 Euro

"Hundetraining mit Martin Rütter", DVD, Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-10891-8,

ca. 20 Euro

"Sprachkurs Hund" von Martin Rütter, DVD, Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-11566-4,

20,99 Euro

Tierheimhund Duffy bestand nur aus Angst, doch die Hundetrainerin Stephanie Jäger schaffte es mit einer eigenen Methode, die sie nach ihrem Hund benannte, aus Duffy wieder ein fröhliches, angstfreies Tier zu machen. Wer sich viel mit Hunden beschäftigt, für den ist diese Methode gar nicht so neu, aber für einige Probleme zumindest inspirierend.

"Die Duffy-Methode" von Stephanie Jäger, Cadmos Verlag, ISBN 978-3-86127-778-6, 25,50 Euro

Der Österreicher Ekard Lind gilt als einer der Wegbereiter der modernen Hundeausbildung, seine Methode ist als "Lind-art" bekannt. Daneben prägte er für den Hundesport die Leitwirkungen.

"Hunde sanft leiten und motivieren", von Ekard Lind, Cadmos Verlag, ISBN 978-3-386127813-9, 20,50 Euro