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London erneuert Attacke gegen Russland

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Die britische Regierung hat schwere Vorwürfe gegen Moskau erhoben. Die Nowitschok-Opfer schweben in Lebensgefahr.


London. Halbwegs durch die Fußball-WM und wenige Tage vor dem nächsten Nato-Gipfel hat die britische Regierung erneut scharfe Vorwürfe gegen Moskau erhoben. Im Unterhaus erklärte am Donnerstag Großbritanniens Innenminister Sajid Javid, London werde nicht zulassen, dass "unsere Straßen, unsere Parks, unsere Städte als Müllhalden für Gifte" benutzt würden durch den Kreml, durch den russischen Staat.

Die britische Regierung, fügte der Minister hinzu, werde "allen Aktionen wehren, die unsere Sicherheit und die Sicherheit unserer Partner gefährden" - egal ob es sich um gezielte Aktionen oder um Aktionen mit zufälligen Opfern handle. "Wie zuvor schon, werden wir uns auch nach den neuesten Ereignissen wieder mit unseren internationalen Partnern und Verbündeten beraten", sagte Javid. "Gegenwärtig richten sich die Augen der Welt voll auf Russland, nicht zuletzt wegen der Fußball-Weltmeisterschaft."

Der Innenminister, der am Donnerstag eine Notstands-Sitzung in der Regierungszentrale leitete, forderte die russische Regierung auf, der Welt "zu erklären, was hier eigentlich vor sich geht". Aus Moskau hieß es, Theresa Mays Regierung solle "endlich aufhören mit ihren Intrigen und Spielchen". Russland habe mit der Geschichte nichts zu tun.

Anlass des neuen zornigen Wortwechsels war die Einlieferung zweier weiterer Bürger aus dem Raum Salisbury, offenkundig mit schwerer Nervengas-Vergiftung, in die örtliche Klinik. Im März war in der südenglischen Stadt ein Anschlag mit dem hochgradig giftigen militärischen Kampfstoff Nowitschok auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia verübt worden. London hatte den Mordversuch damals Moskau zur Last gelegt. Der Vorfall hatte eine schwere diplomatische Krise zwischen Russland und vielen anderen Staaten ausgelöst.

Moskau hatte alle Verantwortung für die Tat abgestritten. In der Folge hatten Polizeibeamte, Terrorabwehr und Giftgas-Experten Parks und Gebäude in Salisbury abgesperrt und wochenlang durchfilzt, aber weder Tatwaffe noch Hinweise auf die Täter gefunden. Nowitschok, hieß es, sei seinerzeit als Gel verwendet und auf die Türklinke Skripals gestrichen worden.

Unentdeckte Reste von März?

Erst vor zwei Wochen hatten Prinz Charles und seine Frau Camilla noch Salisbury besucht, um der Stadt zur Rückkehr zu "normalen Verhältnissen" zu gratulieren. Am vergangenen Samstag aber ergingen zwei neue Notrufe in der Ortschaft Amesbury, zwölf Kilometer von Salisbury entfernt. Im Abstand von fünf Stunden wurden an diesem Tag eine 44-Jährige und ein 45-Jähriger ins Bezirkskrankenhaus eingeliefert. Beide schweben seither in Lebensgefahr.

Nach Auskunft der Rettungsdienste hatten deren Helfer zunächst geglaubt, es mit Drogenopfern zu tun zu haben. Die Opfer waren als heroinsüchtig beziehungsweise Alkoholiker bekannt. Bereits beim Abtransport der gelähmten und aus dem Mund schäumenden Opfer trugen Ambulanzfahrer aber Schutzanzüge. Am Montag gingen Proben von der Klinik ans nahe Militärforschungszentrum Porton Down. Dienstagnacht stand fest, dass die beiden mit Nowitschok in Berührung gekommen waren.

Dass das Nervengas für diese Personen bestimmt war, wird von der Polizei allerdings als unwahrscheinlich betrachtet. Beide waren arbeitslos und hatten keinerlei Verbindungen zu den Skripals oder zu Geheimdiensten irgendwelcher Art. Theorie der Terrorabwehr ist, dass die beiden Briten irgendwo auf bislang unentdeckte Reste des im März benutzten Nowitschok-Stoffes gestoßen waren.

Außer der Wohnung des männlichen Opfers wurden in der Folge eine Reihe von Plätzen und Gebäuden abgesperrt, in denen sich die Vergifteten kurz vor ihrer Erkrankung aufhielten. Darunter befand sich Queen Elizabeth Gardens, ein größerer Park mit Kinderspielplatz, mitten in Salisbury - unweit der Stelle, an der die Skripals im März bewusstlos aufgefunden worden waren.

Auch das Obdachlosenheim, das das weibliche Opfer noch bis vor kurzem bewohnte, wurde vorsorglich geschlossen. Es liegt genau gegenüber dem Restaurant Zizzi’s, das von den Skripals vor deren Kollaps frequentiert wurde - und das noch immer geschlossen ist.

"Zur Vorsicht" rieten die Gesundheitsbehörden allen Bewohnern der Gegend, die sich jüngst an entsprechenden Lokalitäten aufgehalten hatten, ihre Kleidung erneut zu waschen, Schmuck und Brillen abzuspülen und Handtaschen und Mobiltelefone mit feuchten Tüchern abzureiben. Vor allem solle niemand Gegenstände wie zum Beispiel weggeworfene Nadeln und Spritzen anfassen oder aufheben.

Bewohner sind verunsichert

Die Polizei räumte aber ein, dass bis heute unklar ist, auf welche Weise im März das Nowitschok-Gel an der Haustür Skripals angebracht wurde. Natürlich, erklärte Minister Javid, sei ihm bewusst, dass die Bevölkerung in der betroffenen Gegend sich nun "verunsichert" und "verängstigt" fühle. Es bestehe aber für die Allgemeinheit "kein sonderlich großes Risiko".

Der für Sicherheitsfragen zuständige Staatssekretär Ben Wallace fügte hinzu: "Das Risiko ist gering, aber nicht gleich null." Mittlerweile wissen viele Bewohner im Raum Salisbury freilich nicht mehr, was sie glauben sollen - und ob noch immer weitere Nowitschok-Reste in der Stadt oder der Umgebung Salisburys vorhanden sind.

Experten sind sich einig, dass Nervengas dieser Art auch nach längerer Zeit noch eine Gefahr darstellen kann. Ein britischer C-Waffen-Experte, Ex-Brigadier Hamish de Bretton-Gordon, warnte gestern, dass "selbst ein paar Tropfen" vier Monate alten Nowitschoks noch tödliche Wirkung haben können. Und die Organisation fürs Verbot chemischer Waffen, die das im März benutzte Nowitschok analysierte, bescheinigte dem Kampfstoff, "von höchster Reinheit" gewesen zu sein.