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London hat nicht ganz ausgefixt

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft

Manipulierter Libor-Zinssatz wird reformiert - für Abschaffung zu verbreitet.


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London. "Netter Libor", feixte ein Händler der Royal Bank of Scotland (RBS) in Singapur im April 2008. "Unsere Angabe zum Sechs-Monats-Zins hat die ganze Zinsfestsetzung bewegt, hahaha", schrieb er in der Textnachricht an Kollegen. Die SMS lesen sich, als diskutierten einige Trader über Fußballwetten. In Wahrheit ging es um den wohl wichtigsten Zinssatz im Finanzsystem.

Kaum ein Bankkunde, der - bewusst oder unbewusst - nicht schon einmal mit dem Libor, kurz für "London Interbank Offered Rate" zu tun gehabt hätte. Verträge im Wert von unvorstellbaren 300 Billionen US-Dollar hängen direkt oder indirekt von diesem Referenzzins ab. Die Protokolle der RBS-Nachrichten, aus denen die Agentur Bloomberg zitierte, sind ein weiteres Indiz, dass große Banken diesen Zins je nach ihren Erfordernissen beeinflusst haben. Die Dokumente wurden öffentlich, weil sich die RBS-Händler gegen ihre Kündigung wehren - im Dezember sagte der Beschuldigte vor Gericht aus, die Bank habe die Manipulation geduldet und suche nach Sündenböcken. RBS versichert, mit den Behörden vollständig zu kooperieren, um die Angelegenheit aufzuklären.

Who-is-who der Großbanken

Die RBS - an der die britische Regierung pikanterweise 81 Prozent hält - ist nur eine von rund einem Dutzend Banken, gegen die in Sachen Libor ermittelt wird. Betroffen ist gewissermaßen das Who-is-who der Branche. Die britische Großbank Barclay’s hat die Affäre bereits einiges gekostet - dem ehemaligen Chef Bob Diamond den Job und die Bank 453 Millionen Dollar Pönale.

Bei der Deutschen Bank seien derzeit 100 Mitarbeiter damit beschäftigt, 50 Millionen E-Mails nach Hinweisen zu durchforsten, sagte Aufsichtsratschef Paul Achleitner jüngst im "Handelsblatt": Allein schon den Versuch, den Libor zu beeinflussen, wertet er als "eine Katastrophe für die Bankenindustrie" - auch wenn noch gar nicht feststehe, ob die Manipulation tatsächlich funktioniert habe.

Der elitäre Kreis der Verdächtigten hängt damit zusammen, wie der Libor ermittelt wird (englisch nennt sich der Vorgang "Libor Fixing"). Er sollte die Zinskosten für Banken, die sich untereinander Geld leihen, widerspiegeln.

Um 11 Uhr Londoner Zeit melden dazu die beteiligten Banken - 15 für den Euro, 16 für das Pfund, 18 für den Dollar - ihre tagesaktuellen Interbanken-Zinsen vertraulich an den Datenanbieter Thomson Reuters: insgesamt 150 Sätze für verschiedene Währungen und Laufzeiten. Verwaltet wurde das Ganze von British Bankers’ Association (BBA).

Institute werden kontrolliert

Bisher. Denn am Freitag machte Martin Wheatley, Chef der neuen Aufsichtsbehörde FCA, seine Reformpläne öffentlich. "Die Kontrolle hat versagt. Das System ist hinfällig und braucht eine komplette Überarbeitung", so Wheatley. Allerdings, so die frustrierende Erkenntnis, sei der Liborzins zu tief in der Finanzwelt verankert, um ihn abzuschaffen. Kurzfristig gebe es keine besseren Alternativen. Deshalb soll die Aufsicht einer unabhängigen Behörde übertragen werden - womöglich der britischen Finanzaufsicht FSA (künftig FCA). Die Zinssätze sollen nicht mehr auf Schätzungen, sondern auf tatsächlichen Transaktionen basieren. Die Zahl der Sätze soll von 150 auf die 20 wichtigsten reduziert werden - auch dadurch würden Manipulationsmöglichkeiten verringert. Seltene Laufzeiten und Währungen wie kanadischer Dollar werden auslaufen.

Sowohl die beteiligten Banken als auch deren Mitarbeiter müssen sich künftig vor der Finanzaufsicht verantworten. Und: Wheatley möchte, dass schon der Manipulationsversuch künftig als Strafdelikt behandelt wird.

Die britische Regierung und die Nationalbank erklärten, die Änderungen sollten unverzüglich vorgenommen werden. Die Bankerorganisation BBA sagte, sie trage die Empfehlungen mit, selbst wenn sie dadurch die Libor-Verantwortung verliert.

Wichtig für den Finanzplatz

Die Reform soll laut Wheatley Marktverwerfungen verhindern. Allerdings liegt die Vermutung von nationalen Interessen nahe, warum das Libor-Fixing nicht begraben wird: Die Abhängigkeit ist groß. In seinem Bericht schreibt Wheatley von "weitreichenden Implikationen" für Londons Status als führendes Finanzzentrum.

Libor-Manipulationen könnten aus zwei Gründen erfolgt sein: Händler könnten den Zins bewegt haben, um mit ihren Handelsgeschäften Gewinne zu machen. Und: Weil hohe Zinskosten im Interbankengeschäft ein Signal für Probleme sind, könnten Institute versucht haben, sich "gesünder" zu präsentieren, als der Fall war.

Mit dem Euro wurde 1999 Euribor (Euro InterBank Offered Rate) als Alternative geschaffen. Der kleine Bruder kommt recht ähnlich zustande: 43 Kreditinstitute, darunter 11 deutsche Banken, melden ihre Daten. Seit Oktober 2011 untersucht die EU-Kommission, ob es dabei Absprachen gab. Konkrete Banken hat sie nicht genannt.