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London versucht zu kalmieren - George W. Bush gießt Öl ins Feuer

Von Michael Schmölzer

Analysen

London hat die entwürdigende Präsentation der gefangenen britischen Soldaten im iranischen TV vehement kritisiert. Provozieren lassen will sich die britische Regierung aber nicht.


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Im Gegenteil: Die Briten schlagen sogar versöhnliche Töne an, suchen die Annäherung zu Teheran. So soll London dem Iran die Zusage übermittelt haben, dass es britische Schiffe künftig keinesfalls wagen werden, absichtlich in iranische Gewässer vorzudringen. Das ist keine Entschuldigung, wie der Iran sie fordert, aber eine Geste des guten Willens und der Annäherung. Ein hoher britischer Offizier ist laut Zeitungsmeldung bereits auf dem Weg nach Teheran, um an Ort und Stelle mit den Mullahs zu verhandeln.

Dass sich US-Präsident George W. Bush jetzt in die Angelegenheit eingemischt hat, verringert die Chance, dass die Angelegenheit rasch ein möglichst glimpfliches Ende nimmt. Bush sprach am Samstag in Camp David im Zusammenhang mit den britischen Seeleuten von "Geiseln", nannte deren Festnahme "unentschuldbar" und meinte, die Matrosen seien in irakischen Gewässern festgenommen worden.

Damit hat der US-Präsident Öl in ganz verschiedene Feuer gegossen. Denn zum einen sind die Briten als alte Kolonialmacht im Iran zwar unbeliebt, die US-Amerikaner spätestens seit Khomeinis Machtübernahme 1979 aber verhasst. Uncle Sam gilt hier als "der große Satan" und an iranischen Schulen findet die US-Fahne immer noch als Fußabstreifer Verwendung. Ein Einlenken ist für Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad jetzt schwieriger geworden: Gegner würden ihm das als Einknicken und Feigheit vor dem Erzfeind auslegen. Zumal die US-Amerikaner zudem im Persischen Golf hörbar mit dem Säbel rasseln.

Zum andern rührt Bush mit Verwendung des Wortes "Geiseln" an einer wunden Stelle im kollektiven US-amerikanischen Gedächtnis. Es erinnert an die Erstürmung der US-Botschaft in Teheran durch radikalisierte Khomeini-Anhänger im November 1979. Damals wurden in einem völkerrechtswidrigen Akt rund 100 Menschen, darunter 62 US-Bürger 444 Tage gefangen gehalten. Ein Befreiungsversuch endete in einem Fiasko, in dem acht US-Soldaten den Tod fanden. Bewusst oder unbewusst schürt Bush anti-iranische Ressentiments in den USA.

Drittens kann Bush keinesfalls sicher sein, dass die britischen Soldaten tatsächlich in irakischen Gewässern aufgegriffen wurden. Craig Murray, ein ehemaliger britischer Diplomat und Spezialist für maritime Rechtsfragen, hat gegenüber der "New York Times" auf einen bemerkenswerten Umstand aufmerksam gemacht: Die auf den britischen Militärkarten angegebene Grenze zwischen irakischen und iranischen Gewässern existiert für Teheran und Bagdad nicht.

Was auch nicht weiter verwundert, waren Iran und Irak in den 1980er-Jahren doch in einen Krieg verwickelt, die bilateralen Beziehungen bis zu Saddams Sturz angespannt.