Zum Hauptinhalt springen

Lösegeld auf Umwegen

Von Hermann Schlösser

Kommentare

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Irritierend waren die "Tagesthemen" am Montagabend: Im Zentrum des Nachrichtenmagazins der ARD stand natürlich die Freilassung der 14 Geiseln. Moderatorin Anne Will - bekannt für ihre ironisch hochgezogenen Augenbrauen - berichtete, die deutsche Bundesregierung habe erklärt, von deutscher Seite sei keinerlei Lösegeld gezahlt worden. "Das muss auch so sein" kommentierte Anne Will diese Aussage, denn schließlich dürfe man keine Wiederholungstäter anlocken, indem man ihnen Hoffnungen auf Geldzahlungen mache. Auch der Kommentator Thomas Baumann äußerte sich in dieser Richtung: Ein Staat dürfe nicht erpressbar sein, und deshalb sei es richtig, nicht jeden Sahara-Touristen, der in die Hände von Entführern gefallen sei, freizukaufen.

So weit, so einleuchtend. Nun aber kommt das Problem: Unmittelbar nach diesen Erläuterungen berichteten die "Tagesthemen" weiter, die deutsche Regierung zahle sehr wohl für die Freilassung der Geiseln. Der Staat Mali, der das Lösegeld offiziell aufgebracht habe, werde dafür mehr als entschädigt, sodass man von einem "Lösegeld auf Umwegen" sprechen könne. Mit dieser Meldung wurde also genau das erreicht, was angeblich verhindert werden sollte: Der deutsche Staat wurde als potentiell erpressbar hingestellt. Sie sagen zwar, dass sie hart bleiben, aber wenn es ernst wird, zahlen sie doch - diese Botschaft konnte man den Informationen der "Tagesthemen" durchaus entnehmen. Ein Fall für eine journalistische Ethikkommission ist das zwar nicht - zum Nachdenken über die Grenzen der Berichterstattung aber kann es schon anregen.