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Löst sich der Gordische Knoten?

Von Kathrin Bachleitner

Gastkommentare

Seit 2011 tobt der Bürgerkrieg in Syrien und bringt mit jedem Jahr ständig komplexere Verstrickungen und neue tragische Wendungen. Der Einsatz der Armee gegen Demonstranten, die Anwendung chemischer Waffen gegen Rebellen, die Ausbreitung und Landnahme des IS, der militärische Eingriff ausländischer und regionaler Mächte und die rapide ansteigende Flüchtlingswelle aus Syrien sind nur einige der tragischen Meilensteine in diesem Krieg. Die Nachricht, dass sich nun jedoch auch Bashar al-Assads eigene Volksgruppe, die der Alawiten, gegen das Regime wendet, wirft einen Hoffnungsschimmer auf das Dunkel. Eine kürzlich veröffentlichte alawitische Erklärung bezeichnet den Aufstand gegen Assad als "Erhebung des gerechten Zorns" und distanziert sich von ihrem Machthaber.

Eine solche Entflechtung zwischen Identität und herrschender Macht gibt echte Hoffnung auf Veränderung. Politische Loyalitäten waren im Nahen Osten von jeher stark an ethnische und religiöse Gruppenidentitäten gebunden. Jeder Versuch, diese zu überwinden, hat oft nur das Gegenteil bewirkt: Die Idee einer pan-arabischen Identität musste den Zugehörigkeiten der Nationen weichen, diese wiederum setzen sich aus vielen subnationalen Ethnizitäten, Religionen und innerislamischen Gruppierungen zusammen. Alle diese Identitäten interagierten nun miteinander je nach Kontext und Zeit in unterschiedlicher Art und Weise. Sie haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind eine angestammte und daher schwer abänderbare Quelle der Legitimation für politische Macht.

Instrumentalisierte Identitäten

Die vielen Diktatoren des Nahen Ostens haben es daher immer verstanden, die unterschiedlichen Identitäten ihrer Bevölkerung für sich und ihre eigenen Ziele zu instrumentalisieren. So auch in Syrien, wo die Familie Assad der innerislamischen Minderheit der Alawiten angehört, die wiederum eine numerische Minderheit innerhalb des Landes bildet: Nur etwa zehn Prozent der Syrier sind Alawiten. Entsprechend dem diktatorischen Machtanspruch des Assad-Regimes wurde die Gewalt in den Händen dieser Gruppe konzentriert, während andere religiöse und ethnische Gruppierungen, vor allem die Mehrheit der Sunniten, mit allen Mitteln klein gehalten und in seltenen Fällen nur zaghaft kooptiert wurden.

Assads eiserner Griff auf seine Macht verfestigte sich nur noch mehr, als sein Regime im Zuge des Arabischen Frühlings ins Wanken geriet. Zur Sicherung des Machtanspruchs brachte er die interreligiösen Unterschiede im Land zur Eskalation, um so eine letzte Quelle der Legitimität für sich auszuschöpfen: die Identitäten der syrischen Minderheiten. Er instrumentalisierte allen voran jene der eigenen Volksgruppe der Alawiten für seine Zwecke.

Ein erster Schritt zum Frieden

Jetzt scheinen sich auch diese fest verwurzelten Loyalitäten zwischen der Identität des Machthabers und den Alawiten zu lösen. In der offenen Erklärung distanzieren sich erstmals einflussreiche Funktionsträger und Großfamilien von der Verknüpfung zwischen Assads Macht und alawitischer Unterstützung: "Die herrschende politische Macht repräsentiert uns nicht und bestimmt nicht unsere Identität." Ein derartiger Einstellungswandel ist in Folge eines Kriegstraumas, wie man es in Syrien erlebt, nicht verwunderlich. Wo gewohnte Gesellschaftsstrukturen kollabieren und Kriegschaos jeglichen bisherigen Sinn zerstört, ist die Nachfrage nach einer Neuerschaffung des eigenen "Ich" am größten. Identitäten sind niemals fixe Kategorien, sie sind immer wandelbar.

Die Alawiten haben nun angefangen, sich selbst neu zu definieren. Sie haben zuerst ihre Identität von der herrschenden Macht in Syrien abgetrennt und somit erkannt, dass die Legitimität eines Regimes von Demokratie und Rechtstaatlichkeit abgeleitet werden muss, nicht von einer einzelnen Volksgruppe. Ihr Versöhnungsangebot zielt daher auf etwas ab, was für ein neues Syrien unerlässlich sein wird: die Schaffung einer zivilen statt einer religiös und ethnisch organisierten Gesellschaft. Nur eine solche könnte den Gordischen Knoten entflechten, indem die herkömmlichen Gruppenzugehörigkeiten mit ihren vielen angestammten Spaltungen, die im Bürgerkrieg die blutigste Form angenommen haben, überwunden werden. Der erste Schritt wurde nun getan. Es bleibt zu hoffen, dass die anderen syrischen Gruppen die Hand nehmen, die ihnen hingestreckt wird.

Kathrin Bachleitner ist Politikwissenschafterin an der Universität Oxford.