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(L)Otterleben in Gefahr

Von Alexandra Grass

Artenschutz
Die Forscher analysierten das Genom der verstorbenen Otter-Dame Gidget.
© Monterey Bay Aquarium

Die Zahl der Seeotter ist rückgängig - auch aufgrund einer geringen genetischen Vielfalt.


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Los Angeles/Wien. Wenn sie so seelenruhig in Rückenlage vor der kalifornischen Küste im Wasser treiben, könnte man meinen, die Welt ist in Ordnung. Doch zählen Seeotter zu einer gefährdeten Spezies. Eine große Gefahr sind Ölverschmutzungen, giftige Algenblüten und Fressfeinde wie der Große Schwertwal, der aufgrund der zunehmenden Nahrungsknappheit immer häufiger auch kleinere Individuen aus der Marderfamilie jagt. Doch könnte ihnen auch ihre geringe genetische Vielfalt zum Verhängnis werden, wie ein Forscherteam der University of California nun im Fachblatt "Molecular Biology and Evolution" berichtet.

Das Forscherteam analysierte für ihre Arbeit das Genom von Gidget, einem Otterweibchen, das bis zu seinem Tod im Februar dieses Jahres im Monterey Bay Aquarium an der US-Westküste lebte. Die Daten verglichen die Biologen mit dem Genom des Südamerikanischen Riesenotters. Insgesamt existieren 13 Arten, wobei Seeotter und Riesenotter ganz unterschiedliche Lebensräume haben. Während die Riesen unter ihnen warmes Frischwasser bevorzugen, verbringen die kleinen Seeotter ihre Lebenszeit im kalten Küstenwasser des Nordpazifischen Ozeans. Der Vergleich erlaubt einen tiefen Einblick in die genetische Beschaffenheit.

Ein Glas bunter Murmeln

"Seeotter könnten gefährdet sein", erklärt der Biologe Robert Wayne in der Publikation. "Wir sehen ein Warnsignal, eine rote Flagge. Wir können es nicht zulassen, dass ihre Population weiter schrumpft."

Während die geringe Diversität an sich nicht notwendigerweise Gefahr bedeutet, kommt bei den Tieren eine weitere Diagnose hinzu. Die Forscher entdeckten eine erhöhte Zahl potenziell gefährlicher Genvarianten - vermutlich eine Folge der unerfreulichen Entwicklung, erklärt Studienautorin Annabel Beichman.

Die genetische Diversität ist ein Maßstab dafür, inwieweit sich einzelne Tiere einer Spezies innerhalb einer Gemeinschaft voneinander unterscheiden. Große Populationen neigen zu einer höheren Diversität, während kleinere Populationen eine größere genetische Ähnlichkeit aufweisen.

Zur Erklärung nimmt Beichman ein Glas bunter Murmeln zur Hand. "Eine große Diversität innerhalb einer Population ist wie die Farbenpracht von Glaskugeln. So kann etwa eine grüne Murmel vor einer Krankheit oder Umweltveränderung schützen, während blaue und rote anfälliger reagieren. Gehen allerdings die grünen Murmeln aufgrund der Dezimierung in der Artengemeinschaft verloren, gibt es auch keinen Schutz mehr", so Beichman.

Evolutionär ein Fingerschnipp

Hinzu kommt, dass sich Seeotter erst gar nicht so weit entwickeln konnten. Während Robben und Seelöwen bereits seit mehr als 30 Millionen Jahre im Ozean verbringen, Wale und Delfine gar 50 Millionen Jahre, sind es bei Seeottern gar erst fünf Millionen Jahre. Evolutionär betrachtet sei das wie ein Fingerschnipp.

Am beginnenden 20. Jahrhundert waren es gerade noch 50 Tiere, die vor der Küste Kaliforniens lebten. In den frühen 1970er Jahren bevölkerten noch bis zu 20.000 Individuen das Gewässer. Heute leben dort rund 3000 Otter. Sie unterliegen als gefährdete Art speziellen Schutzmaßnahmen.

Die Entdeckung habe grundsätzlich Einfluss auf den Schutz von seltenen und gefährdeten Arten, wo eine geringere genetische Diversität das Risiko des Aussterbens erhöhen kann. Davon betroffen sind etwa auch Geparden und der Tasmanische Teufel, beschreiben die Wissenschafter in ihrer Studie.