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Louise und Jakob Fleck, österreichische Filmpioniere in China

Von Ursula Wolte

Reflexionen
Drehbesprechung im Büro der Produktionsrma Min Hua in Shanghai: Louise Fleck in der Bildmitte, links zu ihr gewandt Fei Mu, rechts Jakob Fleck.
© Georg Kolm

Das Ehepaar und sein in Shanghai entstandener Spielfilm "Kinder der Welt".


Als Louise Fleck und ihr zweiter, jüdischer Ehemann Jakob Fleck im Februar 1947 - im Jahr der Eröffnung von Österreichs erstem Nachkriegsstudio Belvedere Film - aus dem Exil in Shanghai nach Wien zurückkehrten, waren sie, wie viele andere Heimkehrer, mittellos und zu alt für einen Neubeginn. Ihre im Exil entstandene Regiearbeit, "Kinder der Welt" ("Shijie Er Nv"), gedreht unter den widrigen Bedingungen der japanischen Besetzung und 1941 in Shanghai uraufgeführt, sollte daher ihr letztes Werk bleiben.

Louise Flecks Bedeutung für die österreichische Filmgeschichte ist einzigartig. Sollte es sich bestätigen, dass sie 1907/8 erstmals Regie führte - bei zwei verlorengegangenen Filmen "Am Gänsehäusl" und "Von Stufe zu Stufe" -, wäre sie mit ihrem damaligen Ehemann Anton Kolm als Produzenten die erste Filmregisseurin der k. u. k. Monarchie und die zweite nach der Französin Alice Guy gewesen.

Älteste Film-Dynastie

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war der Wachsbildhauer Ludwig Veltée aus Lyon nach Wien gekommen und errichtete am Kohlmarkt das "Wiener Stadtpanoptikum". Kurz nachdem die Brüder Lumière die "Lebenden Bilder" erfunden hatten, präsentierte auch Ludwig Veltée als Erster 1893 diese neue Erfindung dem staunenden Wiener Publikum. Seine Tochter Louise, geboren 1873, arbeitete an der Kasse und interessierte sich besonders für die technischen Geräte. Der außergewöhnliche Erfolg dieser Darbietungen veranlasste Vater Veltée, seinen Schwiegersohn, den Fotografen Anton Kolm, mit dem Auftrag nach Paris zu schicken, eine der ersten Filmaufnahmekameras zu erwerben.

Nach vielen Versuchen drehte Anton Kolm um das Jahr 1900 bereits Kurzfilme und gründete 1904 die erste österreichisch-ungarische Film-Produktionsgesellschaft, die 1908 in die Wiener Kunstfilm GesmbH mit Atelier und Kopieranstalt überging, womit sich die Familie Kolm-Veltée als älteste Film-Dynastie der Welt etablierte. Sie endet im März 1999 mit dem Tod des einzigen Sohnes von Louise und Anton Kolm, Walter Kolm-Veltée, dem Gründer der Filmakademie, dessen Film "Eroica" (1949) bis heute zu den erfolgreichsten österreichischen Streifen zählt.

Louise Kolm arbeitete in der Wiener Kunstfilm als Regisseurin und Produzentin. Sie war ein geniales Allroundtalent, während sich ihr Ehemann Anton hauptsächlich um die Finanzen kümmerte. Sie war experimentierfreudig, nicht nur was das Genre des Films anging, sondern auch bezüglich Licht und Ton. Sie war eine dynamische, humor- und fantasievolle Frau, arbeitete intuitiv und sorgte auch dafür, dass sozialkritische Themen behandelt wurden, wie beispielsweise Spannungen in der Gesellschaft und die Rolle der Frau.

Das Ehepaar Fleck am Hafen von Shanghai
© Georg Kolm

Insgesamt schrieb Louise Kolm 18 Drehbücher, führte 53 Mal Regie und war Produzentin von 129 Spielfilmen sowie von Dokumentar- und Kurzfilmen. Ab 1911 arbeitete sie mit Jakob Fleck als Kameramann und Co-Regisseur zusammen. 1920 folgte die Überleitung der Wiener Kunstfilm in eine Aktiengesellschaft mit Namen Vita Film AG, aus der die bedeutendsten österreichischen Ateliers, die Rosenhügel-Studios, hervorgingen.

1922 verstarb Anton Kolm und die Vita Film AG musste aufgelöst werden. Louise übersiedelte mit ihrem zweiten Ehemann Jakob Fleck und Sohn Walter nach Berlin. Es folgte intensive Produktionstätigkeit bis in die frühen 1930er Jahre. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete die Karriere des Juden Jakob Fleck - und damit auch jene seiner nicht-jüdischen Frau. In den fünf Jahren bis zum "Anschluss" 1938 konnten Louise und Jakob nur noch zwei Filme fertigstellen: Einer davon, "Der Pfarrer von Kirchfeld", enthielt die ersten Massenszenen des österreichischen Kinos.

Mit viel Glück und aktiver Mithilfe des in die USA emigrierten deutschen Schauspielers und Regisseurs Wilhelm Dieterle gelang es Louise 1940, ihren sechzehn Monate zuvor nach Dachau und Buchenwald verschleppten Jakob freizubekommen und sich zwei Schiffskarten für Shanghai zu besorgen. Nach mehrwöchiger Fahrt, mit wenig Geld und bar jeder Kontakte - inzwischen 67 und 59 Jahre alt -, kamen sie im Februar 1940 in China an.

Zwei Dokumente, die Paul Rosdy bei den Recherchen für seinen Film "Zuflucht in Shanghai - The Port of Last Resort" 1998 entdeckte und die in der Wiener Ausgabe des "Jüdischen Nachrichtenblatts" vom 22. Juli 1940 bzw. 10. Jänner 1941 abgedruckt wurden, zeigen die großen Schwierigkeiten, mit denen sich das Ehepaar Fleck in diesen Jahren in Shanghai auseinanderzusetzen hatte. Jakob Fleck hat in seinem Bericht unter dem Titel "Von den Emigranten in Shanghai" in der Ausgabe 1940 die Herausforderungen so zusammengefasst:

"Man muß viel umlernen und vorallem den Willen haben sich einzugewöhnen. Wir, meine Frau und ich, haben das Fremdartige noch nicht ganz überwunden, obschon wir das Glück hatten, rasch Beschäftigung und Verdienst zu finden und noch dazu in unserem bisherigen Beruf, beim Film".

Kooperation mit Fei Mu

Zu den größten Studios im Shanghai der Dreißiger Jahre zählte das 1929 gegründete Lian Hua Filmstudio, das eine Reihe bekannter Filme produzierte. Der in China bekannte Lian-Hua-Regisseur Fei Mu gründete 1938 das Min-Hua Studio und lernte im März 1940 während der Dreharbeiten seines Kostümfilms "Konfuzius" Louise und Jakob Fleck kennen.

Bereits beim ersten Zusammentreffen ließ das Ehepaar Fleck sein Interesse an einer filmischen Zusammenarbeit mit Fei Mu erkennen. Dieser reagierte anfänglich zurückhaltend, aber in der Folge traten viele Gemeinsamkeiten zwischen den drei Künstlern zutage. Mitte 1941 begannen die Dreharbeiten zu "Kinder der Welt". Fei Mu verfasste das Drehbuch, Louise und ihr Mann übernahmen offiziell die Regie, doch muss man davon ausgehen, dass sich Fei Mu erheblich an der Inszenierung beteiligte, nicht zuletzt aufgrund der sprachlichen Situation, da alle Mitarbeiter Chinesen waren.

Louise Fleck bei der Rückreise von Shanghai, 1947.

Noch vor den Dreharbeiten schrieben die Flecks an den nach London emigrierten Drehbuchautor Emeric Pressburger über den geplanten Film, der zu diesem Zeitpunkt noch den Arbeitstitel "Heimatlos in Shanghai" trug: "Selbstverständlich wird dieser Film in englischer Sprache gedreht. Die Spezialität dieses Films ist, dass wirklich echtes Leben und Treiben, das Lachen und Weinen von Shanghai mit seinen 46 Nationen und mit seinen Emigranten in dieser aktuellen, starken Handlung gezeigt wird (. . .) Da die Herstellungskosten dieses Films sich hier in Shanghai um 1000 % billiger stellen als in Europa, geschweige denn in Hollywood, so ist es immer möglich, an großartiger Ausstattung und an Massenszenen nichts fehlen zu lassen."

"Kinder der Welt" wurde ein chinesischer Film. Es ist ein intimes Werk über die Freundschaft von zwei Männern und zwei Frauen. Die beiden jungen Männer, die wie Brüder aufgewachsen sind, verlieben sich in dasselbe Mädchen. Die Handlung beginnt 1927, der Hauptteil der Geschichte spielt zwischen 1937 und 1941. Es ist einer der seltenen Filme dieser Zeit, die sich mit der Gegenwart auseinandersetzen, allerdings in indirekter Form. Die seit 1937 bestehende Okkupation Shanghais durch die japanischen Truppen und der heftig geführte Krieg zwischen Japanern und Chinesen wird nicht explizit erwähnt, die Andeutungen waren jedoch für das damalige Publikum unmissverständlich.

Die Flecks drückten dem Film ihren Stempel auf. So spielt eine Szene in einer Kirche, andere bei einer Weihnachtsfeier und in einer westlich gestalteten Tanzhalle. Die jungen Männer kleiden und benehmen sich europäisch. Die Kameraführung ist für damalige chinesische Verhältnisse innovativ, die Musik westlich ausgelegt, mit u.a. der Ouvertüre zu "Wilhelm Tell" und Auszügen aus dem Ballett "Schwanensee".

"Kinder der Welt" handelt von gegenseitiger Achtung, von persönlichem Leid, von Hoffnung, der Bereitschaft zum Opfer und vom Kampf für Recht und Freiheit. Die drei Filmschaffenden einte ein tiefes Verständnis für das Schicksal von Menschen in Krisenzeiten. Alle hatten sie den Untergang einer Welt erlebt: die Flecks jenen des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs, Fei Mu den der traditionellen chinesischen Werte. Die alte Welt war im Umbruch. Für alle drei gab es nur eine Antwort, um diese schweren Zeiten zu überstehen: am Ideal festzuhalten und Menschlichkeit zu leben.

Aussichtslose Lage

Am 4. Oktober 1941 gelangte der Film zur Uraufführung im Jingdu Theater, dem "Theater der goldenen Metropole" in Shanghai, und lief einige Wochen in verschiedenen Kinos. Nur wenige Wochen später wurde die so erfolgreich begonnene Arbeit der Flecks jäh unterbrochen. Nach dem Eintritt Japans in den Weltkrieg und der japanischen Besetzung der Internationalen Konzessionen in Shanghai am 7. Dezember 1941 wurde der Film vom Spielplan genommen, und die staatenlosen jüdischen Flüchtlinge wurden bis auf wenige Ausnahmen im Bezirk Hongkou (damals Hongkew) interniert. So auch die Flecks, deren neue Wohnung - 12 Quadratmeter ohne sanitäre Einrichtungen - in einer Art Kellergeschoß lag. Das Ehepaar hatte keine Möglichkeit mehr, Geld zu verdienen und konnte nur dank der Flüchtlingsunterstützung und der Hilfe ihres Freundes Fei Mu überleben.

Mit präzisen Angaben machen Louise und Jakob Fleck in ihren wenigen Briefen deutlich, wie sehr sie abgemagert sind. Ihre lebensbedrohende Lage veranlasste das Ehepaar, ihre Freunde in den USA um eine Sammlung für das Nötigste zu bitten. Der letzte Brief vom 2. Juli 1946 zeigt, dass sich die schlechten Bedingungen ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs und nach der Kapitulation Japans noch nicht gebessert hatten. Es dauerte bis 1947, bis Jakob und Louise Fleck die erforderlichen Papiere und Geld aufgetrieben hatten, um nach Wien zurückkehren zu können. Louise starb 1950, ihr Mann drei Jahre später. Fei Mu, der große kongeniale Partner und Freund von Louise und Jakob Fleck, starb 1951.

Literatur:

Ulli Jürgens: Louise Licht und Schatten. Die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck. Mandelbaum Verlag, Wien 2019, 240 Seiten, 20,- Euro.

Das Buch wird am 27. März um 18.30 Uhr im Metro-Kino in Wien (inkl. Stummfilm und Klavierbegleitung) präsentiert.