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Lückenhaftes Geschäft mit der Angst

Von Eva Stanzl

Wissen
Internet-Gentests: Nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen schreiben sich die Gene um. Foto: corbis

Umstrittene Internet-Screenings sagen wenig über Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen aus. | Umwelt spielt größere Rolle als Gen-Variationen. | Wien. Eltern würden ihre Kinder auf genetische Risiken für Krankheiten testen lassen. Das zeigt eine US-Studie des National Human Genome Institute, der Harvard School of Medical Health und fünf weiterer Institute in den USA. Demnach ist die Sorge amerikanischer Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder so groß, dass sie am liebsten lückenlos informiert wären. Dazu würden sie sogar zu den umstrittenen Gentests im Internet greifen, berichten die Forscher im Fachjournal "Pediatrics".


219 Mütter und Väter, die im Rahmen einer Studie ihr eigenes Risiko genetisch überprüfen ließen, an Magen-, Nieren- oder Lungenkrebs, Herz-Kreislaufleiden oder Diabetes Typ 2 zu erkranken, wurden befragt, ob sie ein solches Angebot auch für ihre Kinder nützen würden. Dabei mussten sie die Vor- und Nachteile solcher Tests einschätzen.

Tests in Österreich verboten

Selbst nachdem sie von Ärzten über die Risiken der Screenings aufgeklärt worden waren - etwa die Unsicherheit der Ergebnisse oder psychische Belastung -, äußerten sich die Eltern positiv zu Gentests an ihren Kindern. Grundsätzlich stieg die Bereitschaft mit der Zustimmung der Erwachsenen zu einem Test an ihren eigenen Genen. Mütter zeigten sich noch besorgter um die Gesundheit ihrer Kinder als die Väter und waren öfter dafür.

In den USA floriert die "personalisierte Genomik". Interessierte könnten ihr Risiko überprüfen lassen, im Laufe des Lebens genannte Krankheiten zu erleiden. In Drogerien erhältliche Tests geben Aufschluss, ebenso wie Internet-Firmen, die Speichelproben auswerten und die Resultate ebenfalls im Netz bekanntgeben.

Derzeit sind die Tests in den USA nur für Erwachsene zugelassen. Gen-Screenings an Kindern werden jedoch kontrovers diskutiert. "Es gibt keine Evidenz, dass sie schädlich wären", betont die federführende Studienautorin Colleen McBride vom National Human Genome Institute: "Gentests werden als Gesundheitsvorsorge vermarktet. Die Frage ist allerdings, ob das die sinnvollste Art und Weise ist, in die Gesundheit seiner Kinder zu investieren."

Europäische Genetiker mahnen zu einem sparsamen Einsatz von solchen Überprüfungen. In Österreich dürfen Gentests nicht direkt an Konsumenten verkauft werden. Ihr Einsatz und ihre Interpretation muss durch einen Arzt erfolgen. Die Österreichische Bioethikkommission hält zum Punkt der "Gen und Genomtests im Internet" fest: In vielen Fällen sei kein Facharzt in Test und Auswertung einbezogen. Die Ergebnisse seien äußerst lückenhaft und es würden oft unzulässige Relationen hergestellt - etwa zwischen einem bestimmten Gen und komplexen Leiden wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Mediziner warnen vor allem davor, dass mit der Angst von Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder Geschäfte gemacht werden könnten. Denn sie betonen: "Internet-Gentests überprüfen nicht genetische Veränderungen, sondern Gen-Variablen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit einer ,Risiko-Variable für Diabetes allein deswegen daran erkrankt, ist aber gering", betont etwa Franco Laccone vom Institut für Medizinische Genetik der Meduni Wien. Besonders bei Krebs und Herzkreislauf-Erkrankungen würden die Einflussfaktoren der Umwelt überwiegen. Und bei Diabetes sei in den allermeisten Fällen Übergewicht ausschlaggebend.

Sinnvoll bei Erbkrankheiten

Sinnvoll seien solche Untersuchungen im klinisches Bereich bei Verdacht auf monogenetische Erbkrankheiten, bei bestimmten Krebs-Erkrankungen oder in der künstlichen Befruchtung, wo vermieden würde, Eizellen mit Chromosomen-Fehlverteilungen in den Mutterleib einzusetzen.

Die Basis der Tests: Jeder Mensch hat 46 Chromosomen. Das sind 22 Chromosomen-Paare, die das Erbgut von Mutter und Vater enthalten, plus die Geschlechtschromosomen xx oder xy. "Die Chromosomen kann man sich wie Bibliotheken vorstellen, in denen die Gene die Bücher sind", erklärt Laccone. Die je 22 Bibliotheken von Mann und Frau enthalten die rund 22.000 menschlichen Gene. "Ein Gentest prüft, on das Buch korrekt geschrieben ist oder ob Seiten fehlen", sagt der Genetiker.

Offene Bibliothek der Gene

Fehlt etwas, suchen Mediziner in der anderen Bibliothek nach dem korrekten Buch. Wenn es auch fehlerhaft ist, dann spricht man von einer genetischen Veränderung, die eine Krankheit auslösen kann. "Etwa bekommt ein Kind bei einem bestimmten Gendefekt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:4 die zystische Fibrose, bei der die Sekrete dickflüssig sind. Das kann chronische Lungeninsuffizienz zur Folge haben sowie eine Malfunktion der Verdauung." Solche medizinischen Gentests fördern handfeste Risiken zu Tage. Ein gewisser Gen-Defekt etwa ergebe ein 80-prozentiges Risiko, im Laufe des Lebens an Brustkrebs zu erkranken.

"Lifestyle-Screenings im Internet zeigen solche Risiken nicht auf, sie zeigen eben die Gen-Variablen", sagt Laccone. Umgelegt auf die Metapher der Bibliothek heißt das, dass sich unter bestimmten Voraussetzungen die Bücher umschreiben. Denn Zellen entstehen immer wieder neu, indem sie die gesamte Bibliothek immer wieder kopieren. Mit zunehmendem Alter können dabei Fehler passieren, sodass schließlich Krankheiten entstehen wie Krebs oder Bluthochdruck. "Manche Gene haben eine größere Anfälligkeit, sich umschreiben zu lassen. Das zeigen die Internet-Testkits", so der Genetiker. Vorerst haben Europäer also weder Möglichkeit noch Grund, sich mit Screenings zu beunruhigen.