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"Ludwig ist zu wenig Rampensau"

Von Daniel Bischof

Politik

Körpersprache-Experte Stefan Verra analysiert den angehenden Bürgermeister.


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Wien. Er beachtet die kleinen Gesten, die sonst nur wenige beachten, die Handbewegungen, das Augenzucken, die Kopfhaltung der Menschen: Auf dem Gebiet der Körpersprache ist Stefan Verra ein Experte. Für die "Wiener Zeitung" hat er im vergangenen Herbst bereits die Spitzenkandidaten zur Nationalratswahl analysiert. Nun ist Michael Ludwig dran. Was lässt sich aus der Körpersprache des Mannes ablesen, der - so alles nach Plan läuft - heute, Donnerstag, vom Gemeinderat zum neuen Wiener Bürgermeister gewählt wird? Wie tickt der Mann, der Michael Häupl nach fast 24 Jahren Amtszeit ablöst?

"Wiener Zeitung": Herr Verra, wie schätzen Sie Ludwigs Körpersprache ein?

Stefan Verra: Ludwig hat nicht diese konfrontative Körperhaltung, die zeigt, dass er für seine Wähler einsteht. Sie ist momentan noch nicht stark genug, sondern sehr technokratisch.

Was meinen Sie damit?

Seine Körpersprache ist angepasst an die übliche Körpersprache von Gremien, Ausschuss- und Gemeinderatsitzungen. Dort ist es nicht angebracht, zu explodieren, wenn einem etwas nicht passt. Diese unglaublich kontrollierte Körpersprache sieht man bei Ludwig fast durchgehend. Sie ist insgesamt sehr reduziert.

In welchen Gesten zeigt sich das?

Ludwig kann nicht auf den Tisch hauen. Wenn Michael Häupl bei einer Pressekonferenz auf den Tisch gehaut oder einen Sager losgelassen hat, wusste jeder, dass er das beim Wirt’n ums Eck genauso machen würde. Häupl zerschmettert mit seiner Faust das Gegenargument. Ludwig zerschmettert zwar auch, kommt aber auf einem Wattebausch auf. Er formt keine richtige Faust, sondern legt nur die Fingerspitzen zusammen. Mit dieser verkappten Faust klopft er nicht einmal auf den Tisch, sondern stoppt ab, kurz bevor er den Tisch berührt.

Seine Körperhaltung ist zu zurückhaltend?

Ja. Das zeigt sich auch bei seiner Kopfhaltung. Den Kopf hält Ludwig oft schräg zur Seite, damit macht er sich kleiner und zeigt ein wenig seinen offenen Hals her. Wenn jemand zornig ist, hält er den Kopf hingegen ganz gerade, die Nackenmuskel spannen sich automatisch an. Deswegen hält Strache den Kopf meistens gerade - wenn er nach links und rechts pendelt, macht er das nur kurz. Auch streckt Ludwig oft die Zunge heraus, bevor er redet. Das kann viel bedeuten: Bei ihm signalisiert es aber, dass er immer etwas im Stress ist.

Stellt diese Zurückhaltung ein Problem dar?

Ludwig ist wohl an die Gremien angepasst, nicht aber an die Bedürfnisse der Bevölkerung. Die Wiener sind es gewohnt, dass sie Politiker vor sich haben, die körpersprachlich ein wenig in der Sprache des Volkes sprechen. Stellen wir uns einen Mann vor, der in Transdanubien bei Bombardier arbeitet. Liest er in der Zeitung, dass Bombardier Stellen streicht, bekommt der Angst. Diese Angst äußert sich in Aggressivität. In einem Beisl in Floridsdorf haut er auf den Tisch und brüllt: "Die Politik tut nichts für uns, sie versorgt nur die Ausländer." Wenn oben in der Politik ein Häuptling sitzt, der eine sehr zurückhaltende, an Gremien angepasste Körpersprache hat, hat der Arbeiter nicht das Gefühl, dass der ihn richtig vertritt.

Bei Wahlen wird er also kein Stimmenfänger sein?

Das hängt von seinen Gegnern ab. In Deutschland hat Angela Merkel nicht nur gewonnen, weil sie so toll war, sondern auch, weil die Gegner so schwach waren. Wenn die Gegner von Ludwig auch so schwach sind, sehe ich kein Problem. Wenn da aber ein lauter Charismatiker daherkommt, ein neuer Jörg Haider, wird die SPÖ ein Problem haben.

Warum?

Ein Politiker an vorderster Front ist nur ein Übersetzer davon, was die Ausschüsse und Experten im Hintergrund machen. Und Ludwig ist kein guter Übersetzer für das Volk, so wie er jetzt ist. Er mag zwar ein Intellektueller sein. Davon sind aber höchstens die Bewohner im ersten Bezirk und die Bobos im Siebten beeindruckt, nicht die Masse. Da zeigen sich Parallelen zur USA.

Inwiefern?

Donald Trump ist es gelungen, die Emotionen seiner Wähler körpersprachlich widerzuspiegeln. In den USA erhält jemand, der pointiert mit viel Selbstbewusstsein Inhalte vorbringt, mehr Zustimmung, als die Inhalte wert wären. Ich befürchte, dass das auch in Österreich passieren könnte. Ich bin zwar kein Freund einer Politik, die auf Effekthascherei setzt: Wien als zweitgrößte deutschsprachige Stadt braucht aber einen Bürgermeister, der ein bisschen mehr eine Rampensau ist.

Was fehlt Ludwig, um zu dieser Rampensau zur werden?

Im Moment hat Ludwig nicht das Selbstverständnis für sein Amt, das etwa Häupl hat. Ein Beispiel: Während der Flüchtlingskrise hat Häupl gesagt: "Bringt’s uns die Flüchtlinge." Das war keine populäre Aussage in Wien. Trotzdem wurde das akzeptiert. Er hat das mit so einem Selbstverständnis gesagt, dass dann klar war, dass die Diskussion zu Ende ist. Wenn man hingegen so lange herumlaviert, weil man gewohnt ist, sich in Ausschüssen die Netzwerke zu schaffen, ist das nicht die richtige Art für die Stadt.

Was kann Ludwig von Häupl körpersprachlich lernen?

Es gab eine Pressekonferenz, bei der Ludwig und Häupl nebeneinandersitzen. Häupl hat während seiner Rede geradeaus in die Kamera geblickt und sich nicht darum gekümmert, was der Ludwig neben ihm macht. Ludwig hat beim Reden hingegen immer wieder in sehr engen Abständen zum Häupl geschaut, um quasi Blickkontakt zu suchen. Das sind subtile Signale, wodurch jeder mitbekommen hat, dass das wirkliche Alpha-Tier noch der Häupl ist. Denn das Grundprinzip in der Körpersprache ist: Das Alpha-Tier lässt sich anschauen und schaut weniger an. Ludwig hat mit seinen Blicken die Zustimmung des Alpha-Tieres gesucht.

Kann Ludwig noch in diese Rolle des Alpha-Tiers hineinwachsen?

Ludwig hätte es in sich. Bei Häupl hat man in den 1990ern auch geglaubt, dass er dem übermächtigen Helmut Zilk nie Paroli bieten kann. Wenn jemand so lange wie Häupl Bürgermeister ist, bekommt er irgendwann automatisch dieses Selbstverständnis.

Hat diese Zurückhaltung auch eine positive, sympathische Seite, die ihn von anderen Politikern abhebt?

Es gibt sicher Wähler, die dieses prononcierte und nicht aggressive Auftreten auch schätzen. Bei denen kommt er gut an.

Was müssen Parteien denn im Generellen beachten, wenn Sie einen Kandidaten auswählen?

Ich glaube, es braucht in der Politik wirkmächtige Menschen, egal ob Mann oder Frau. Sie müssen dem Volk einen Orientierungspunkt geben und eine Integrationsfigur sein. Das vergessen die Parteien immer wieder. Beim Kampf um das Bürgermeisteramt zwischen Andreas Schieder und Ludwig wurde völlig außer Acht gelassen worden, wer der bessere Volksvertreter ist, ja ob sie überhaupt die richtigen Kandidaten dafür sind. Da ging es nur darum, wer setzt sich innerhalb der Partei durch. Ich will nicht sagen, dass Schieder besser gewesen ist.

Es geht nur darum: Das Volk war bei diesem Entscheidungsprozess nie drinnen. Es wurde nie gefragt, bei welchem Kandidaten fühlt sich der Wiener wohler, welcher Kandidat ist die bessere Integrationsfigur für die Stadt.

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Er ist Bestsellerautor, Coach und Universitätsdozent.