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Ludwig van Corona auf ewig

Von Edwin Baumgartner

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"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

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So schön war es gedacht. So groß war es geplant. Noch vor wenigen Wochen war 2020 das Jahr Ludwig van Beethovens. Ein wenig Hölderlin mochte auch dazugemischt sein. Und wenn jemand auf die Jubiläen von Raffael und Marcel Reich-Ranicki verwiesen hätte, hätte man gesagt: Ja, und? Dieses Jahr 2020 hat doch sogar 366 Tage statt der üblichen 365, da ist für jeden Platz. - Und nun?

Wird der Komponist von "Freude, schöner Götterfunken" in Zukunft Ludwig van Corona sein? Wird man seine Hymne der Verbrüderung jemals wieder vor sich hin trällern können, ohne Social Distancing und Atemschutzmasken als Subtext mitzusummen?

Mit einem Mal ist der Jubiläumsmitläufer omnipräsent. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch": Ihn zitierend, vertrauen jetzt manche auf Hölderlin, die ihn vorher kaum namentlich kannten.

Wie war doch gleich der 9/11-Effekt? - Nahezu jeder weiß, wo er sich aufgehalten hat, als New York vom Terror getroffen wurde. Beim Corona-Effekt ist das wohl noch leichter: zu Hause oder an seiner Arbeitsstelle im Dienst am Patienten oder am Kunden. Die Frage aber ist, ob dieses Corona-Jahr kulturell jemals überwunden wird. Also, ob wir jemals wieder unbefangen Beethoven hören und unbefangen Hölderlin lesen werden. Und ob wir die Isolationsliteratur, die jetzt zweifellos schon im Entstehen ist, jemals auf ein historisches Geschehen bezogen, quasi aus der Distanz heraus, lesen können.

Mögest Du in interessanten Zeiten leben, sagen die Chinesen. Sie meinen es als Verwünschung.