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Luftangriffe als Teil der politischen Strategie

Von Gerald Jatzek

Politik
Die russische Basis Hmejmim bei Latakia.
© Russisches Verteidigungsministerium

Russlands militärisches Eingreifen war auch eine Warnung an Saudi-Arabien und die Türkei.


Russland steht auf dem Standpunkt, dass die Konflikte in Syrien nur unter Beteiligung der Regierung von Bashar al-Assad gelöst werden können. Dem stehen die Positionen der USA und syrischer Oppositionsgruppen entgegen. Russische Friedensinitiativen wurden Anfang 1912 wurden von den westlichen Staaten und dem Syrischen Nationalrat (politischer Arm der Freien Syrischen Armee) abgelehnt.

Im September 2015 gab das Parlament Präsident Wladimir Putin freie Hand für den Einsatz von Truppen in Syrien. In der Folge führten russische Flugzeuge ab dem 30. September vom Stützpunkt Hmejmim bei Latakia aus zahlreiche Angriffe auf Rebellengruppen durch. Dabei wurden nicht nur Positionen des Islamischen Staates attackiert, sondern auch Einheiten anderer Oppositionsgruppen wie der Al-Nusra-Front und der von der Türkei und Saudi-Arabien unterstützten Dschaisch al-Fatah.  Auch russische Kriegsschiffe griffen vom im Kaspischen Meer aus mit Raketen in die Kämpfe ein.

Das russische Eingreifen erfolgte nach einer Reihe von Niederlagen der Regierungstruppen. Zwar versuchte Assad den Verlust einiger Gebiete als taktischen Rückzug schön zu reden, doch musste er massive Probleme mit der Stärke der Armee zugeben. Die Mannstärke dürfte von 300.000 auf 80.000 gesunken sein. Viele Soldaten sind desertiert, und die zu Assad loyalen Alawiten sind zumeist nur mehr bereit, ihre Siedlungsgebiete im Westen des Landes zu verteidigen.

Die Luftschläge fanden oft in Koordination mit Angriffen von Bodentruppen statt. Dabei arbeitete die russische Führung einerseits mit der syrischen Armee und anderseits mit iranischen Truppen und der Hisbollah zusammen.

Im November führte der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei zu verbalen Scharmützeln zwischen Putin und dem türkischen Präsidenten Erdogan.

Verbale Unterstützung erhielt Russland im Februar von Carla Del Ponte. Die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes lobte das russische Eingreifen in einem Interview mit der Schweizer Station RTS: "Endlich greift jemand diese terroristischen Gruppen wie IS und Al-Nusra an."

Am 14. März 2016 befahl Putin einen Teilabzug der Einheiten aus Syrien. Am selben Tag landeten einige Bomber vom Typ SU-34 im Süden Russlands. Die in Syrien verbliebenen Flugverbände sollen jedoch weiterhin Schläge gegen den IS durchführen, erkärte der stellvertretende Verteidigungsminister Nikolai Pankow.

Eine Bilanz Anfang März 2016 zeigt, dass Putin die Ziele seiner Intervention weitgehend erreicht hat:

1. Den russischen Einheiten gelang es, die Rebellen mit intensiven Angriffen entscheidend zu schwächen. Die Jets flogen dabei täglich bis zu 100 Angriffe, ein Vielfaches der Luftattacken der USA und ihrer Verbündeten. Wesentliche Verbindungswege standen dadurch wieder offen, was die Position der Regierungstruppen in kurzer Zeit stärkte.

2. Aufgrund der Verschiebung der Kräfte machen Verhandlungen ohne die Beteiligung Assads keinen Sinn. Russland kann somit seine Position mit Fakten belegen, die es selbst mitgeschaffen hat.

3. Russland sandte mit der Intervention sowohl Saudi-Arabien wie der Türkei Botschaften. Beiden Ländern muss nach den effektiven Luftangriffen klar sein, dass die Entsendung von Bodentruppen in das Bürgerkriegsland sehr schnell in einem militärischen Desaster ändern könnte.

4. Putin führte dem Westen die Schlagkraft der oft unterschätzten russischen Waffentechnologie vor. Insbesondere die Raketen der Kaspischen Flotte, die über 1500 km flogen, ehe sie Ziele im Bereich der IS trafen, überraschten selbst Experten. Nebenbei präsentierte er potentiellen Waffenkäufern die Effektivität der vergleichsweise billigen russischen Technik.

5. Und nicht zuletzt verfügt Russland mit Hmejmim nun über einen Luftwaffenstützpunkt am Mittelmeer in der Nähe der Flottenstation im Hafen von Tartus, die seit 2009 ausgebaut wird. Die Nutzung von Hmejmim ist laut Vertrag unbeschränkt.