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Luftpost aus Pjöngjang

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik

Propagandaflyer und Dauerbeschallung: Nord- und Südkorea üben sich regelmäßig in psychologischer Kriegsführung.


Seoul. Das Paketbündel fiel mit voller Wucht vom südkoreanischen Himmel, bohrte sich durch die stählerne Karosserie eines PKWs und entlud sich in dessen Fahrzeuginneren. Als die Anwohner in Ilsan, einer Grenzstadt nahe der Demarkationslinie, das verwüstete Auto entdeckten, fanden sie darin Tausende Flugblätter, bebildert mit obszönen Karikaturen der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye. Ihr Absender: Kim Jong Un.

Über eine Million solcher Propaganda-Flyer soll Nordkorea bereits gesendet haben, montiert an speziell präparierten Heißluftballons, getragen vom koreanischen Südwind. Meist landete die Fracht im nördlichen Speckgürtel von Seoul, oft fiel sie in Bündeln herunter. Die Ballons sind nur einer von vielen, teils absurden Formen der psychologischen Kriegsführung, die die beiden Koreas bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs perfektioniert haben. Seit der nordkoreanische Führer Kim Jong Un am 6. Jänner einen überraschenden Atomtest durchführte, laufen sie wieder auf Hochtouren.

Die südkoreanische Armee steht immer wieder vor dem Dilemma, die feindlichen Handlungen des Nordens nicht tatenlos hinnehmen zu können, gleichzeitig jedoch die innerkoreanischen Spannungen nicht weiter eskalieren zu wollen. Also taten sie nach dem Atomtest etwas, das laut dem amerikanischen Nordkorea-Analysten Nat Kretchun "zumindest für das eigene Volk und den Rest der Welt so ausschaut wie eine Antwort".

In Windeseile stellte die Armee ihre mobilen Propaganda-Lautsprecher entlang der Demarkationslinie auf, deren Schallwellen in bis zu 20 Kilometer Entfernung vernehmbar sind. In regelmäßigen Abständen senden sie politische Nachrichten gen Norden, satirische Meldungen über Kim Jong Un und manchmal auch einfach nur südkoreanische Popmusik. "Die Wahrheit ist die mächtigste Waffe gegen das nordkoreanische Regime", ist Präsidentin Park Geun-hye überzeugt.

Unter Zugzwang geraten, ließ auch Nordkorea nicht lange auf eine Antwort warten - und dröhnte mit seinen eigenen, technisch veralteten, Lautsprechern zurück.

Urs Weber konnte erstmals die "martialische Sprache" und "propagandistische Musik" aus dem Norden vernehmen, wenn auch nur als vages Hintergrundgeräusch. Der Schweizer Generalmajor lebt seit vier Jahren bereits an jenem Ort, den Bill Clinton einst als "furchteinflößendsten der Welt" bezeichnete: die innerkoreanische Grenze. Gerber selbst wählt da angenehmere Worte: Die unberührte Natur der Demarkationslinie sei traumhaft, das Klima angenehm. "Nur der Stacheldraht und die Checkpoints erinnern daran, dass es einer der höchst militarisierten Zonen auf diesem Planeten ist", sagt der General.

Seit die beiden Koreas 1953 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichneten, sichern Soldaten aus Schweden und der Schweiz die südkoreanische Seite der Grenze. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs standen ihnen auf der gegenüberliegenden Seite polnische und tschechische Soldaten gegenüber. Ihre Aufgabe ist eine symbolische, wenn auch immens wichtige: sicherzugehen, dass die Bestimmungen der Waffenruhe tatsächlich eingehalten werden.

Indizien für einen neuen Raketenstart

Gerade in diesen Wochen wird dies jedoch kompliziert, und daran sind nicht nur die Lautsprecher und Luftballons schuld. Erst am 13. Jänner hat Nordkorea eine unbemannte Drohne über die Grenze fliegen lassen, der Süden wiederum antwortete mit 20 Warnschüssen. Und jüngste Satellitenaufnahmen der japanischen Aufklärung lassen darauf schließen, dass das kommunistische Land in den kommenden Tagen eine ballistische Langstreckenrakete testen will. Experten sehen einen direkten Zusammenhang mit der derzeit laufenden Debatte im UNO-Sicherheitsrat, ob wegen des Atomtests im Jänner neue Sanktionen gegen Pjöngjang verhängt werden sollen. Die Regierung in Tokio setzte am Freitag wegen der Hinweise auf eine Raktenstart jedenfalls ihre Streitkräfte in Alarmbereitschaft.

Nordkorea reagiert auf Einmischung von außen empfindlich. Brenzlig wurde es zuletzt im August des Vorjahres. Damals hatten südkoreanische Aktivisten Propaganda-Luftballons über die Grenze steigen lassen. Nordkorea konterte mit der Ausrufung eines "Semi-Kriegszustandes". "Physisch sichtbar sind die Spannungen nicht, sondern viel mehr psychologisch", erinnert sich Weber.

Den sprichwörtlich "gepackten Sack" gäbe es tatsächlich. Regelmäßig würden die ausländischen Soldaten den Rückzug im Falle eines Kriegsausbruchs üben. Dabei führt nur eine Straße zu Urs Gerbers Camp in der demilitarisierten Zone. Wenn die DMZ gesprengt würde, stecke man in dem stark verminten Landstrich fest. Tatsächlich würde jedoch im Dienst so gut wie nichts passieren: "Aber wenn etwas passiert, wird es relativ heikel".

Warum das nordkoreanische Regime derart sensibel auf die Propaganda-Lautsprecher reagiert, weiß Choi Yeong Ok aus eigener Erfahrung. Bevor die heute 48-Jährige in ihre Wahlheimat Seoul flüchtete, wuchs sie in Nordkorea nur wenige Kilometer von der Grenze auf. Als Studentin half sie im Frühling den Bauern bei der Feldarbeit - und vernahm eines Morgens koreanische Volkslieder aus der Ferne. Ohne zu wissen, dass die Klänge aus südkoreanischen Lautsprechern stammen, sangen sie und ihre Kommilitonen fröhlich mit. Noch am selben Abend wurden die Studenten von den örtlichen Sicherheitskräften verhört.

Ausdruck der Verzweiflung, nicht der Stärke

Auch der damalige Agrarwissenschaftler Lee Min-bok flüchtete einst aus Nordkorea, nachdem er einst mehrere Flugblätter aus dem Süden auflas. Ironischerweise entdeckte er nun, über 20 Jahre später, erneut in seinem Vorgarten Propaganda-Flyer - nur stammte die Luftpost diesmal aus dem Norden. "Die Flugblätter zeigen, wie verzweifelt Kim Jong Uns Regime ist", sagte der 58-Jährige der Nachrichtenagentur Bloomberg: "Das ist Teil seiner Verteidigung, keine Offensive".