Zum Hauptinhalt springen

Lust auf Bildung und Neugierde

Von Brigitte Pechar

Politik

Rund 80 Teilnehmer brachten gestern beim Reformdialog Bildung, zu dem die Regierung geladen hatte, ihre Sichtweise zu Schule und Bildung vor. Drei Sofortmaßnahmen, darunter den Fall der Zwei-Drittel-Mehrheit für Schulgesetze, kündigte Bundeskanzler Schüssel danach in einer Pressekonferenz an. Im Herbst will die Regierung ein Gesamtkonzept vorlegen. Ob es eine Gesamtschule oder doch nicht geben wird, darüber "muss noch weiter diskutiert werden", sagte Schüssel.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 19 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Drei Sofortmaßnahmen kündigte Schüssel an: Die Abschaffung des Absatzes 10 im Artikel 14 der Bundesverfassung, der die Zwei-Drittel-Mehrheitserfordernisse bei Schulgesetzen regelt, soll noch vor dem Sommer im Nationalrat beschlossen werden. Vizekanzler Hubert Gorbach ergänzte, dass damit ein langjähriger Wunsch der FPÖ in Erfüllung gehe. Die SPÖ beugt vor und will einen Initiativantrag zur Abschaffung der Zwei-Drittel-Erfordernisse im Nationalrat einbringen. "Damit es flotter geht", wie Klubobmann Josef Cap meinte. Jedenfalls könne die Regierung nun nicht mehr sagen, dass Reformen im Schulbereich daran scheiterten, dass die SPÖ nicht mitzieht.

Von der zweiten Reformmaßnahme profitieren die Klassenlehrer. Sie erhalten pro Monat 70 Euro mehr. Dritte Sofortmaßnahme ist die Auswertung der PISA-Ergebnisse auf regionaler Ebene. Diese Tiefenanalyse soll bis zum Sommer erfolgen.

Gehrer: 8 Mio. Euro mehr für Lehrstunden am Nachmittag

Als mittelfristige Maßnahmen nannte der Bundeskanzler die Einführung der Fünftagewoche und die Nachmittagsbetreuung. Im Herbst soll ein Gesamtkonzept vorliegen. Erst längerfristig soll die Frage der Schulaufsicht, also wie eine Evaluierung der Schulen zu bewerkstelligen sein wird, geklärt werden.

Bildungsministerin Gehrer präzisierte, dass die Schulen die Eltern zur Nachmittagsbetreuung befragen und ein Angebot erstellen müssen. Für 10 Lehrstunden für 10.000 Plätze am Nachmittag werde der Bund 8 Mio. Euro zur Verfügung stellen. Derzeit zahle der Bund für 50.000 Plätze 40 Mio. Euro. Für die Freizeitbetreuung selbst würden die Eltern etwa 80 Euro pro Monat zu zahlen haben. Das Lehrangebot am Nachmittag komme ab einer Gruppengröße von 15 Schülern zustande.

Insgesamt zeigte sich beim sechsstündigen Reformdialog, dass die anfänglich offen diskutierten Fragen wie Gesamtschule oder verpflichtende Nachmittagsbetreuung gegen Ende hin verengt wurden. Allerdings blieb die Aufforderung "Bildungsreform muss mit Lust passieren", nicht ganz ungehört im Raum stehen. Die Lehrer müssten "Lust auf Neugierde wecken" und ein autonomes, selbstgesteuertes Lernen ermöglichen. Aber auch auf die Lehrer wurde nicht vergesen: Diese bräuchten Anerkennung. Man dürfe ihnen nicht das Gefühl geben, sie hätten bisher alles falsch gemacht. Von einer neuen Kultur der Schule war die Rede, in der Spaß und Leistung keine Gegensätze mehr sind. Auch zum PISA-Bildungsbegriff wurde ein Kontrapunkt gesetzt: Der Fokus dürfe nicht allein auf ökonomischer Verwertbarkeit liegen: "Es gibt ein Leben außerhalb des Arbeitsmarktes."