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Lustpartien und Leidenswege

Von Karl-Markus Gauß

Reflexionen

Seit der Antike gibt es Touristen, die unterwegs sind , um welterfahren zurückzukehren und Flüchtlinge, die anderswo nach einer neuen Heimat suchen.


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Wer dem Suchdienst Google den Begriff "Reise" eingibt, der sieht sich nach 0,41 Sekunden mit dem Verhängnis konfrontiert, dass sich im unermesslichen Raum des World Wide Web 161 Millionen Dateien zu diesem Stichwort finden. Wer sich im Internet seriös über das Reisen informieren möchte, sollte sich daher vergegenwärtigen, dass er, fünf Minuten je Datei vorausgesetzt, dafür rund 1500 Jahre benötigen und, anders als Odysseus, der Urvater aller Reisenden auf seiner Irrfahrt, mit einem Leben alleine bei weitem nicht auskommen wird.

Odysseus und Aeneas

In Homers Epos braucht Odysseus zwanzig Jahre, um aus dem Trojanischen Krieg nach Ithaka zurückzufinden, auf Wegen, die ihn in große Gefahren brachten, aber auch Dinge entdecken ließen, von denen er nicht einmal geahnt hatte, dass es sie, betörend und erschreckend, überhaupt gab. Heimkehrend scheint er darüber in eine Stimmung geraten zu sein, in der er womöglich so rasch gar nicht mehr nach Hause finden, sondern lieber noch eine aufregende Zeit in der Fremde verbringen wollte.

Achthundert Jahre später erzählt der lateinische Dichter Vergil, wie sein Held, Aeneas, aus dem brennenden Troja flüchten muss und nach entbehrungsreichen Reisen, von denen eine ihn bis in den Hades führte, Latium erreichte, Italien, wo die Römer nach den Griechen das zweite antike Weltreich gegründet hatten, dessen mythologische Vorgeschichte Vergil mit der Lebens- und Fluchtgeschichte des Aeneas entwirft.

Die abendländische Literatur hebt also mit zwei Werken an, die vom Schicksal des Menschen erzählen, indem sie von dessen Reisen, den freiwilligen und erzwungenen, berichten. Beidemale geht es nicht allein um die Erkundung des Raumes, der sich im Reisen beständig erweitert, sodass die Welt, je öfter sich die Reisenden verirren, umso größer und beeindruckender wird in ihrer Vielgestalt, sondern auch um deren Selbsterfahrung. Der Sturm wirft sie auf unbekannte Inseln, sie verlieren sich in unwegsamem Gelände, aber wem sie begegnen, das sind nicht nur fremde Wesen, anziehende und abstoßende, Nymphen und Ungeheuer, sondern auch sie selbst. Es ist nicht weniger als die Lebensreise, das Leben als Reise, die schon in den beiden Portalwerken der europäischen Literatur zum Thema wird, die Lebensreise des Menschen, dessen Persönlichkeit sich gewissermaßen in der Bewegung formt, mit der er sich reale Räume erschließt und imaginäre erschafft.

Krieg und Reise

Und noch etwas haben Odysseus und Aeneas gemein: Für beide sind ihre Reisen untrennbar verbunden mit dem Krieg, er ist es, der sie dazu bringt, die Heimat zu verlassen, sich auf den Weg zu machen, in die Fremde zu begeben: Odysseus kehrt aus der Fremde heim, aber erst, nachdem er sich gründlich als neugieriger und allezeit zornbereiter Mann ausgetobt hat; Aeneas hingegen kann nicht zurückkehren, er ist auf der Flucht, seinen Vater Anchises auf dem Rücken tragend, seinen Sohn Askanios an der Hand führend, und findet in der Fremde seine neue Heimat, in der er zum mythischen Urvater der Römer wird. Mit Odysseus, dem Heimkehrer, und Aeneas, dem Vertriebenen, ist von Anbeginn unserer Kultur eine Konstellation gegeben, die wir unschwer auch in unserer heutigen Welt entdecken können. Hier der Reisende, der sich in der Fremde zu bewähren hat, um gereift und welterfahren nicht als derselbe zurückzukehren, als der sich einst auf seinen Weg gemacht hat; dort der Vertriebene, dem es, weil ihm seine vertraute Welt zunichte wurde, aufgegeben ist, sich irgendwo einen Ort zu finden, an dem er bleiben darf.

Odysseus, der Tourist

Ist man bereit, dem listig lügenden und betrügenden Odysseus ein wenig unrecht zu tun, kann man mit einiger Großzügigkeit der Interpretation in den beiden Helden der Antike die Umrisse von zwei repräsentativen Charakteren der Gegenwart erkennen: den Touristen und den Flüchtling. Der Tourist wie der Flüchtling sind heute millionenfach unterwegs zwischen den Ländern und auf den Meeren zwischen den Kontinenten und verfügen beide nur über geringes Sozialprestige, wobei es frivol wäre, die kulturelle Geringschätzung, die dem einen da und dort entgegengebracht wird, mit dem Misstrauen, der Feindseligkeit, auf die der andere fast überall stößt, gleichzusetzen. Der Tourist macht sich aus freien Stücken auf den Weg, die Strapazen, die er sich dabei zumutet, sind selbstgewählt oder selbstverschuldet, und mit der Kreditkarte im Gepäck kann er sich, sollte ihm missfallen, was ihm vorgesetzt wird, gegebenenfalls auch von der Truppe entfernen, die Reise abbrechen, vorzeitig nach Hause zurückkehren.

Der Flüchtling hingegen ist nicht aus Neugier, Freude an der Ortsveränderung oder Urlaubspflicht unterwegs, sondern um zu überleben. Der Tourist möchte sein Leben für ein paar Wochen unter einer anderen Sonne führen, der Flüchtling will es retten, der eine sucht in der Fremde Vergnügen, Anregung oder wenigstens besseres Wetter, der andere Unterschlupf und die Chance, noch einmal neu anzufangen.

Der Tourist ist ein Massenphänomen, und das heißt, dass er in Massen umworben wird, aber niemand, der auf seinen Status als kultivierter Mensch achtet, gerne zu ihm gerechnet werden möchte. Ganze Regionen werden gemäß seinen Erwartungen und Bedürfnissen aus- und aufgerüstet, aber wenn er dann auftaucht wie bestellt, wird das ökologische, kulturelle, soziale Desaster, das der Massentourismus bewirkt, offenkundig. Wenn Touristen andere Touristen mit angewiderter Miene als Touristen abtun und darüber klagen, dass wieder gar so viele von ihnen unterwegs seien, möchten sie damit bekunden, dass sie sich selbst nicht zu den Angehörigen dieser Gattung, sondern den Reisenden im kulturhistorisch veredelten Sinne rechnen. Es ist verlockend, stets die anderen für Touristen zu halten, die vielen, die auf ungemein fleischliche Weise die Strände bevölkern und sich erloschenen Blickes durch die Museen schleppen, um uns die Sicht auf die Meisterwerke zu verstellen, während man sich selbst, besser informiert und nicht in halbnackter Horde unterwegs, lieber für einen echten Reisenden hält.

Dieser personifiziert das Ideal des Reisens: Er verzichtet, um Städte, Länder, Kulturen kennen zu lernen, auf den Komfort des Vertrauten und ist nicht nur bereit, sich dem Unbekannten auszusetzen, sondern auch fähig, sich manches davon so anzueignen, dass es ihn bereichert, aufrüttelt, im Innersten ergreift; heimgekehrt aus der fremden Welt, ist er dann vielleicht dazu in der Lage, auch die eigene mit anderen Augen wahrzunehmen und das, was ihm zuhause schon so vertraut war, dass es ihm gar nicht mehr aufgefallen ist, neu zu entdecken.

Sozialer Dünkel

Der Massentourismus ist eine fragwürdige Sache, die kritisch betrachtet zu werden verdient, bei der man aber Acht geben muss, dass es nicht die snobistische Selbstüberschätzung ist, die einem die Argumente gegen ihn eingibt. Der soziale Dünkel gegen das tumbe Volk, das sich auch im Urlaub nicht bildungsversessen und weltoffen zeigt, ist selber engstirnig und verkennt das Problem. Der expressionistische Wiener Dichter Albert Ehrenstein war zeitlebens kühn auf realen und imaginären Reisen unterwegs, hat er doch viele entlegene Weltregionen aufgesucht und Bücher aus dem Altgriechischen und dem Chinesischen übersetzt. 1938 aber wurde aus dem Reisenden der Exilant, der aus seiner zur Ostmark degradierten Heimat ums Leben flüchten musste; über viele Umwege erreichte er die USA, wo er 1950 an einem besonderen Ort der österreichischen Kultur, im Armenhospital von Welfare Island bei New York, völlig vergessen gestorben ist. In einer frühen Erzählung hat er das touristische Problem auf den Satz gebracht: "Warum soll ich verreisen, wenn es doch immer ich selber bin, den ich dabei mitnehmen muss!"

Die touristische Industrie setzt tatsächlich darauf, dass der Tourist gerade jene Verhältnisse vorzufinden wünscht, die er schon von Zuhause kennt, ja, dass er es, in einem künstlich veränderten Habitat und selbst in der exotischen Ferne vornehmlich mit Menschen zu tun bekommen will, die gerade so sind wie er selbst.

Das ist oft sogar bei jenen Touristen nicht anders, die an ihrem liebsten Ferienort einen Wohnsitz erwerben und so aus Touristen zu Einheimischen zu werden trachten. Immerhin 300.000 britische Pensionisten haben in den letzten Jahren ihre Heimat verlassen und sich an der Algarve und der Costa Brava angesiedelt. Eine Studie hat erhoben, dass verblüffend viele von ihnen in die Fremde zogen, weil sie sich über die vielen Ausländer zuhause ärgerten. Wer es sich leisten kann, verkauft seine Wohnung in Birmingham, ersteht an der sonnigen Küste Portugals ein Appartement und flieht so nicht nur den Regen, sondern auch die Ausländer, indem er selber zu einem wird.

Verrückt? Nein, denn dort, wo er sich ansiedelt, bleibt er unter seinesgleichen, und das ist ihm seltsamerweise so wichtig, dass er dafür sogar das eigene Land verlässt und in ein anderes zieht. Das heißt den Ort zu wechseln, aber sonst keine seiner Gewohnheiten und Obsessionen, Urteile und Vorurteile aufs Spiel setzen oder gar aufgeben zu müssen: so wird ausgerechnet der Ortswechsel zum Versprechen, dass sich nichts zu ändern brauche und man im Reinen mit sich derselbe bleiben könne.

Natürlich gibt es sie trotzdem, die Kunst des Reisens. Wie jede Kunst hat auch diese ihre verschiedenen Genres. Sie heißen: Aufbrechen, Unterwegssein und Ankommen; sie heißen Ergehen, Erfahren, Ersehen, Erlauschen eines unbekannten oder bereits zum wiederholten Male aufgesuchten Ortes; und sie heißen Heimfahrt und Ankunft zuhause. Erwarten Sie nicht, dass ich den zahlreichen, oft mit paternalistischem Wohlwollen oder geradezu therapeutischem Furor verfassten Ratgebern, wie eine glückende Reise anzugehen, durchzuführen und zu beenden sei, meine eigene Pädagogik hinzufüge.

Wege und Irrwege

Ich war fünfzehn Jahre lang für ein literarisches Großprojekt unterwegs, das mich zu den kleinen und kleinsten Nationalitäten und Sprachgruppen Europas geführt hat, die allesamt gerade dabei sind, ins imaginäre Museum der untergegangenen Völker zu übersiedeln. Aber ich möchte hier nicht von den albanischen Arbereshe in Kampagnien und Apulien schwärmen, die vor über 500 Jahren übers Meer gezogen sind und noch jenes alte Albanisch sprechen, das die Albaner aus dem Mutterland gar nicht mehr verstehen; oder von den Aromunen, die verstreut in vielen Staaten des Balkans leben, dort nicht selten der Oberschicht angehören, aber für die es dennoch nirgendwo angeraten ist, sich als Aromunen zu erkennen zu geben, und die inmitten von slawischen Nationen eine eigene, einst als Donaulatein bezeichnete romanische Sprache sprechen; oder über die Gottscheer Deutschen, deren uralte Dörfer auf dem slowenischen Gebirgsstock des Rog nach ihrer zwangsweisen Umsiedelung binnen einer Generation wieder vom Wald verschluckt wurden, und von denen nur mehr eine Handvoll alt gewordener Männer und Frauen ausgeharrt haben und ihr eigentümliches Deutsch, ehe es als ein verlorener Klang der Welt verschwunden sein wird, noch für fünfzehn, zwanzig Jahre am Leben erhalten werden.

Nein, ich möchte heute nicht von diesen Menschen berichten, die mich mit ihrer schönen Renitenz so beeindruckten, sondern davon, dass ich mich für meine Reisen zu ihnen immer penibel vorbereitet habe, indem ich in Bibliotheken stöberte, alte Landkarten studierte, mit Bürgermeistern, den Leitern von Heimatmuseen und Dichtern in Briefkontakt trat und mir meine Route im Voraus lange überlegte. Zu den wichtigsten Begegnungen auf diesen Reisen wäre es jedoch nicht gekommen, wenn meine Pläne immer aufgegangen wären. Was wäre mir alles entgangen, wenn jene slowenische Landkarte nicht Straßen eingezeichnet hätte, die es längst nicht mehr gab, sodass ich zu Fuß weitermusste und buchstäblich in die Wildnis mitten in Europa geriet, in verwunschene Ansiedelungen, die nur von fünfzehn, zwanzig Menschen mehr bewohnt wurden? Wie vieles würde mir fehlen, wenn jener letzte Dichter seiner aussterbenden Sprache mich zum vereinbarten Termin tatsächlich mit dem Auto abgeholt und nicht sitzen gelassen hätte, sodass ich in einem Dorf im mazedonischen Gebirge verwaist auf den Bus von morgen warten musste und mich die Dorfbewohner schließlich zu ihrem Gast erklärten, dem sie einer nach dem anderen ihre Lebensgeschichte erzählten . . .

Glück des Scheiterns

So viel überwältigend Schönes und irritierend Befremdliches wäre mir vorenthalten geblieben, wenn die Reisen gelungen wären, wie ich sie geplant hatte. Das Glück des Reisens hängt oft mit dem Scheitern zusammen, es ist das Ärgernis, Pläne über den Haufen werfen und sich neu orientieren zu müssen, das uns auf unvorhergesehene Wege bringt, und nicht selten erweist der anfängliche Verdruss sich als Quelle eines unerwarteten Vergnügens. Erinnern wir uns, Odysseus hatte vor, unverweilt heimzukehren, aber dass ihm die Heimreise zur Irrfahrt geriet, für die er zwanzig Jahre benötigte, hat ihn die Welt und in ihr sich selbst entdecken lassen.

Auf meinen Wanderungen wollte ich einmal auch durch den istrischen Weiler Materada kommen, um dort ein wenig am Grab des italienischen Schriftstellers Fulvio Tomizza zu verweilen, jenes großartigen Autors, der sein Istrien gerade als die Heimat vieler, aus allen Richtungen herbeigeströmten Völker liebte und deren Convivenza pries, ihr friedliches Zusammenleben. Die Convivenza ist ein unaufgeregter Humanismus des Alltags, der auf der Einsicht beruht, dass wir alle "figli di una terra unica" sind, wie es bei Tomizza heißt, Kinder der einen gemeinsamen Erde, die reich ist an schönen und ungerechten Verschiedenartigkeiten, aber doch nur von der einen selben Menschheit bewohnt wird. Dieser Einsicht von gestern sollten wir uns heute nicht verschließen, weder wenn die einen von uns sich reisend in Regionen begeben, deren Reiz für sie gerade in der Fremdartigkeit liegt, noch wenn wir bei uns Menschen begegnen, deren Fremdartigkeit sie uns verdächtig macht und die doch nur tun, was Aeneas am Beginn der europäischen Kultur und was mit Albert Ehrenstein vor gar nicht so langer Zeit so viele Österreicherinnen und Österreicher tun mussten: von dort aufbrechen, wo ihnen der Tod beschieden wäre, und einen Ort suchen, an dem sie überleben können.

Karl-Markus Gauß, geboren 1954, lebt als Schriftsteller in Salzburg. Im August wird bei Zsolnay in Wien sein neuestes Buch erscheinen: "Der Alltag der Welt. Zwei Jahre, und viele mehr."