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Lustvolle Überforderung

Von Petra Paterno

Analysen

Festwochen-Bilanz 2013: Pendeln zwischen Konvention und Innovation.


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Lustvolle Überforderung. So könnte das Motto der gesamten Festwochen-Ära von Luc Bondy lauten; seit 1996 verantwortet der Schweizer Regisseur Wiens größtes Bühnenfestival. Bei den diesjährigen Festwochen, den letzten unter Bondys Ägide, war auch das letzte Programm von Schauspieldirektorin Stefanie Carp zu sehen.

Die versierte Dramaturgin ließ es zum Abschied noch einmal so richtig krachen. Eine Festwochenbilanz der Höhe- und Tiefpunkte, der gelungenen und fragwürdigen Kraftakte.

Auf den ersten Blick glichen die Festwochen 2013 ihren Vorläufer-Veranstaltungen. Noch-Intendant Bondy verabschiedete sich mit dem Paris-Gastspiel "Le Retour" und einer "Tartuffe"-Neuinszenierung am Akademietheater: ein konventionell inszenierter Publikumserfolg und gekonntes Schauspielertheater in Luxusbesetzung (von Bruno Ganz bis Gert Voss).

Globales Tournee-Theater

Auch glänzten die Festwochen anno 2013 wie gehabt mit Theaterarbeiten internationaler Größen - Romeo Castellucci, Robert Lepage, Philippe Quesne, Johan Simons: Die Festwochen waren seit je Schaufenster weltweiten Theaterschaffens, Wien als fixe Station im globalen Tournee-Theater. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nicht viel ändern.

Wenngleich sich Überraschendes im Überangebot häufig in den kleineren Produktionen, an den Randzonen finden lässt - beispielsweise eine sehr gegenwärtige und völlig unsentimentale "Wildente" des australischen Nachwuchsregisseurs Simon Stone oder "Table", ein leichtfüßiger Puppentheaterabend.

Auffallend viele starke Regisseurinnen waren dieses Jahr am Werk - von der Extrem-Performerin Angélica Liddell über Christiane Jatahy, die eine radikale Neudeutung von Strindbergs "Fräulein Julie" zeigte, bis hin zu Barbara Ehnes, welche sich mit der feministischen Zeitschrift "Die Botin" auseinandersetzte. Solch eine entschieden weibliche Handschrift hat den Festwochen, obwohl Bondys Schauspiel-Programm stets von Frauen kuratiert wurde, bis dato eigentlich gefehlt. Etliche Eigenproduktionen renommierter Regisseure enttäuschten hingegen: Nicolas Stemanns "Kommune der Wahrheit", eine Versuchsanordnung, die dem Phänomen der Medien mit den Mitteln des Theaters beizukommen versuchte, ging ebenso wenig auf wie Martin Kuejs Bühnenmarathon "In Agonie".

Leben abseits des Theaters

Reges Eigenleben entwickelten die heurigen Festwochen vor allem abseits des Bühnenspiels. Über 70 Künstler aus aller Welt haben im Ausstellungsparcours "Unruhe der Form", verteilt auf Secession, Akademie der bildenden Künste und Museumsquartier, Arbeiten präsentiert, die sich dem - nicht mehr ganz taufrischen - Phänomen der künstlerischen Grenzüberschreitung widmeten. Ein theoretisch reizvolles Unternehmen, das in der Praxis mitunter den Eindruck verstärkte, dass bildende und darstellende Kunst vielleicht doch weniger verbindet, als die Kuratoren annehmen. Gleichwohl bescherte die Schau szenische Höhepunkte: Der britische Allrounder Tim Etchells (Forced Entertainment) gastierte mit einer Performance über inhaltsleere Politiker-Reden; der japanische Künstler Akira Takayama lud zu einer Besichtigungstour ins stillgelegte Atomkraftwerk Zwentendorf. Laut Angaben der Festwochen wurde "Unruhe der Form" sehr gut angenommen. Gültige Besucherzahlen liegen erst kommende Woche vor.

Die Festwochen 2013 sind praktisch vorbei, die Ära Bondy somit Geschichte. Mit einer Laufzeit von 16 Jahren mag sie etwas zu lange gedauert haben, die Nachfolger Markus Hinterhäuser und Frie Leysen werden geradezu mit Vorfreude erwartet. Aber die Latte liegt hoch.