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"Mach endlich Frieden, Denktas!"

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv

Nikosia/Wien - Es war die größte Kundgebung in der bald 30-jährigen Geschichte der türkischen Republik Nordzypern: Zehntausende aufgebrachte Demonstranten drängten sich gestern auf dem Hauptplatz von Lefkosa im türkischen Sektor der zypriotischen Hauptstadt Nikosia. Sie forderten in Sprechchören und auf Transparenten ein Ende der jahrzehntelangen Isolation des international nicht anerkannten türkischen Nordens und einen Platz innerhalb der Europäischen Union. Rauf Denktas, Führer der türkischen Volksgruppe, hat unterdessen nicht nur bei seinen Landsleuten, sondern auch bei seinem einzigen Verbündeten, Ankara, einige Sympathien verspielt.


Die Schätzungen über die Anzahl der Demonstranten reichten gestern Nachmittag von 50. bis 70.000 Menschen - deutlich mehr als die 30. bis 40.000 Demonstranten, die schon im Dezember vergangenen Jahres auf die Straße gegangen sind. Die Bedeutung dieser Zahlen kann man ermessen, wenn man in Betracht zieht, dass die gesamte Enklave Nordzypern nur etwa 200.000 Einwohner beherbergt.

Journalisten berichteten von Schikanen der türkisch-zypriotischen Behörden, die zu Beginn der Demonstrationen ein Passieren der Grenze vom Süden aus extrem schwer machten. Die offizielle Begründung war, dass es sich bei den Demonstranten um "Rowdies und asoziale Elemente" handle. Für die Sicherheit der Journalisten könne nicht gesorgt werden, so die fadenscheinige Begründung. Den letzten Meldungen zufolge verliefen die Demonstrationen aber weitgehend friedlich. Lautstark forderten die Protestierenden den Rücktritt des nordzypriotischen Machthabers Rauf Denktas: "Wir können nicht noch 40 Jahre warten" und "Mach endlich Frieden Denktas, genug ist genug!", stand auf den Transparenten zu lesen.

Schwindende Sympathien

In der Tat war die Unterstützung für Denktas noch nie so gering wie gerade jetzt: Nur noch 28 Prozent der Nordzyprioten identifizieren sich laut Umfrage mit dem Hardliner, der sich bisher immer gegen die UN-Pläne zur Umwandlung Zyperns in einen Bundesstaat nach Schweizer Vorbild ausgesprochen hat.

Nicht alle Teilnehmer der gestrigen Demonstration waren allerdings ausgewiesene Denktas-Feinde. So mancher wollte sich "nur einmal informieren" und hält nicht viel von einer Wiedervereinigung der Insel. Ein großer Anteil der türkischen Zyprioten sehnt sich zwar nach Frieden und ähnlichem Wohlstand, wie er im Süden herrscht. Viele befürchten aber eine Invasion griechischstämmiger Zyprioten aus dem Süden.

Unter Druck steht Rauf Denktas derzeit nicht nur von Seiten seiner Bevölkerung: Der Vorsitzende der in der Türkei regierenden AKP, Recep Tayyip Erdogan, hat Denktas' harten Kurs gegenüber UNO und EU zuletzt außerordentlich scharf kritisiert: Die Zypern-Frage sei nicht die "persönliche Angelegenheit" von Denktas, sondern der Existenzkampf einer Nation. Und der türkische Parlamentspräsident Bülent Arinc erklärte gestern, die Wünsche der türkisch-zypriotischen Bevölkerung müssten respektiert werden.

Der gesundheitlich schwer angeschlagene Denktas hat selbst unlängst erklärt, er sei zum Rückzug aus der Politik bereit, falls die Türkei darauf bestehen sollte. Allerdings: Die Militärs, die in der Türkei traditionell über maßgeblichen politischen Einfluss verfügen, halten ihm immer noch die Stange. Ob Denktas bei den heutigen Friedensgesprächen mit dem Süden doch noch einlenkt, darf daher bezweifelt werden.